Unser Buch des Monats Mai 2018Das Leben ist uns verboten: „Der Reisende“ - die Wiederentdeckung eines Romans

Boschwitz Reisende

Das Buch, das wir mit großer Empathie als unser Buch des Monats ausgewählt haben, hat eine besondere, eine abenteuerliche Geschichte. Sein Autor Ulrich Alexander Boschwitz, Jahrgang 1915, Kaufmannssohn aus Berlin, hat 1938, noch ganz unter dem Eindruck der furchtbaren Novemberpogrome, den Roman Der Reisende geschrieben und 1939 veröffentlicht; einen Roman, den wir heute - fast 80 Jahre später - als eine bedeutende Wiederentdeckung bezeichnen dürfen. Und was für eine!

Der Roman galt als verschollen. Boschwitz ist auf seiner Flucht vor den Nazis umgekommen - und mit ihm das überarbeitete Manuskript des Romans. Nicht allerdings das Typoskript, das sich im Exilarchiv der Nationalbibliothek in Frankfurt fand. Und dieses wurde von Peter Graf jetzt herausgegeben.

„Das Leben ist uns verboten“, heißt es an einer Stelle des Romans. So hat es jedenfalls die Hauptperson, der jüdische Kaufmann Otto Silbermann, empfunden. Irgendwann standen die Nazis auch vor der Tür des jüdischen Unternehmers. „Vielleicht handelt es sich nur um eine vorübergehende Schreckensmaßnahme“, glaubte er am Anfang noch. Aber: Es war natürlich mehr, schrecklich mehr.

Allerdings gelingt es ihm in letzter Minute, sich durch einen Hinterausgang seines Hauses zu retten. Damit beginnt jedoch für den Juden Silbermann eine wahre Odyssee durch Deutschland und nach Belgien und wieder zurück: von Berlin nach Dortmund, nach Aachen, zurück nach Dortmund und Berlin … Er reist mit dem Zug und hat mittlerweile alle Anschlüsse im Kopf. Aber wohin soll er, der Reisende ohne Hoffnung, noch fahren? „Für einen Juden ist eben das ganze Reich ein Konzentrationslager.“ Eine Reise also und eine Flucht ohne Ausweg.

Noch glaubt er, dass er entkommen kann. Nein, Silbermann ist nicht entkommen - und wird es auch nicht. Boschwitz gelingt es auf eine beinahe lakonische Weise das Unterwegssein zu schildern; die Entfremdungserfahrung, der sich der Jude Silbermann ausgesetzt sieht, zu thematisieren. Der Autor versteht es, den Leser direkt mit hinein zu nehmen in seine Geschichte und lässt ihn die ganze Dramatik des Silbermann’schen Schicksals und des Schicksals der Juden insgesamt mitempfinden und miterleiden.

Getrennt von seiner Familie, betrogen von seinem ehemaligen Kompagnon reist Silbermann von Ort zu Ort. Das einzige, was ihm geblieben ist: eine Tasche mit 40. 000 Mark. Und so verliert der Flüchtende, immer auf der Hut vor den Schergen, am Ende auch sein Selbstwertgefühl. „Was war ich? Nein, was bin ich? Was bin ich eigentlich?“, fragt er sich. Die Antwort: „Ein Schimpfwort mit zwei Beinen, dem man nicht ansieht, dass es ein Schimpfwort ist.“

Gehetzt, getrieben, ausweglos und hoffnungslos. Längst ist es nicht mehr Angst, längst gibt es keine Zweifel mehr: Man hat ihm seine Menschenwürde genommen. Und so hört er zunehmend auf, sich gegen sein Schicksal zu wehren. Er resigniert. Er hat das Schicksal, Jude zu sein, verfolgt zu werden, angenommen.

Es ist einerseits das persönliche Schicksal des Juden Otto Silbermann, das den Leser so sehr berührt. Es ist andererseits auch die Atmosphäre des Schreckens, die auf so unmittelbare Weise fast am eigenen Leibe erfahrbar wird, die Lebenswirklichkeit dieser Tage, dieser Zeit, wie wir sie bisher kaum lesen konnten. Das aber gelingt nur, weil der Autor den „willkürlichen Ausschluss aus der Gesellschaft, die Stigmatisierung und zunehmende Verfolgung, der auch Ulrich und Clarissa Boschwitz ausgesetzt waren…“ - so der Herausgeber Peter Graf in seinem Nachwort - selbst erlebt hat.

Am Ende seiner Flucht wird Silbermann gefasst. Im Gefängnis kommt er in eine Zelle, die schon mit einem Gewaltverbrecher belegt ist. Eine fast widersinnig anmutende Situation. Als der Mithäftling feststellt, dass Silbermann Jude ist, beschwert er sich, dass man ihm zumutet, mit einem Juden zusammen in einer Zelle sitzen zu müssen. Und Silbermann? Er tröstet den Verbrecher mit dem Versprechen, „ich werde bald abreisen“, in einem der „unendlichen vielen Züge“.

Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir dieses Buch jetzt lesen können - in einer Zeit, in der in Deutschland zunehmend Antisemitismus aufkommt. Es macht uns die möglichen Folgen bewusst.

© Günter Nawe

Ulrich Alexander Boschwitz, Der Reisende. Verlag Klett-Cotta, 303 S., 20,- €