Unser Buch des Monats April 2018Zwischen Revolution und Versailles: Entscheidende Momente deutscher Geschichte - von Andreas Platthaus brillant erzählt

Platthaus Krieg

Es wird sicher nicht das einzige Buch sein, das aus Anlass des 100. Gedenkjahres an das Ende des Ersten Weltkrieges und des Versailler Vertrags erscheinen wird bzw. schon erschienen ist.  Allerdings ist das Buch von Andreas Platthaus, Feuilletonredakteur und Literaturchef der FAZ, 18/19 Der Krieg nach dem Krieg - Deutschland zwischen Revolution und Versailles schon etwas Besonderes.

Platthaus hat als ausgewiesener Literaturexperte und renommierter Kritiker ein Sachbuch geschrieben. Genauer: bereits sein zweites Sachbuch nach 1813: Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt. Bücher also zeitgeschichtlich-historischer Art - wie der Autor bei der Buchvorstellung von 18/19 in der Lengfeld’schen Buchhandlung erklärte. Allerdings beide mit hohem, auch literarischem Anspruch.

18/19 war sicher eines der entscheidendsten Jahre in der deutschen Geschichte. In diesem Jahr kam Einiges zusammen: Kriegsende, Waffenstillstand, Novemberrevolution, Republikgründung (Weimarer Republik), Münchner Räterepublik, Wilsons Vierzehn Punkte und nicht zuletzt der Versailler Vertrag - im Grunde ein Krieg nach dem Krieg, über den Andreas Platthaus anschaulich und grandios erzählt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Veröffentlichungen wird in diesem Buch die deutsche Rolle einmal ausführlicher beschrieben. Vor allem die spezifisch deutsche Situation, die sich im Friedensvertrag von Versailles mit seinen 440 Artikeln niederschlägt; ein Vertrag, der gern auch als Diktatfrieden bezeichnet wird - und deshalb das Herzstück des Buches ist. Dabei zeigt Platthaus auch die großen Dilemmata auf, die mit den Ereignissen und dem Vertrag verbunden sind:  von der Gründung des Völkerbunds über das Problematische Kapitel der Gebietsabtretungen bis hin zur Kriegsschuldthese.

Acht Monate sind seit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 in Compiègne bis zur Unterzeichnung des Versailler Vertrags, bei der Pariser Friedenskonferenz bis Mai 1919 von der Triple Entente und ihren Verbündeten ausgehandelt, vergangen. Am 28. Juni 1919 wurde der Vertrag dann im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet. In Kraft trat er am 10. Januar 1920. In der Schilderung von Andreas Platthaus werden diese Ereignisse und einer der entscheidenden Momente deutscher und europäischer Geschichte im wahrsten Sinne erlebbar.

Ausführlich beschäftigt sich Platthaus mit dem - wenn man so will - spiritus rector dieses Vertrags: Georges Clemenceau (1841-1929), französischer Staatspräsident und Hauptunterhändler, den wir nicht nur als französischen Staatsmann und gewieften Unterhändler kennen lernen, sondern auch als kunstsinnigen Freund und Förderer von Claude Monet, dessen „Stilleben des Sieges“, die Seerosengemälde (Nympheas), als das Geschenk des Künstlers an die französische Nation gelten.

V wie Versailles ist das letzte Kapitel dieses großartigen Buches überschrieben. Versailles, ein Ort, mit dem so Vieles verbunden ist. Und jetzt nach Platthaus auch dies: „Am Beginn von Weimar steht Versailles… Versailles steht für den Versailler Vertrag, und die Weimarer Republik stand im Schatten dieses Vertragswerks…“. Und das galt so lange, bis „…die politischen Umstürze von 1989 ein Kapitel aufschlugen, das nicht mehr auf Versailles zurückgeführt zu werden braucht.“

So ist 18/19 Der Krieg nach dem Krieg ein Buchüber den großen Friedensschluss und seine Folgen geworden, ein Buch, das sich wohltuend von manchen anderen dieser Art unterscheidet.

© Günter Nawe

Andreas Platthaus: 18/19 Der Krieg nach dem Krieg - Deutschland zwischen Revolution und Versailles. Rowohlt Verlag, 448 S., 26,- €