Unser Buch des Monats Dezember 2017Giacomo Leopardi, "Opuscula Moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen"

Über das Schicksal des Menschengeschlechts: Philosophierende Dialoge und originelle Fabeln

Leopardi Opuscula

Giacomo Leopardi (1798 bis 1837) war sicher einer der gebildetsten Menschenkenner seiner Zeit. Diese Menschenkenntnis setzte der geborene Pessimist in Geschichten, Dialogen und Szenen um. Sie dienen dazu, uns zu belehren, uns letztlich auch zu unterhalten. War doch dieser kleine, bucklige, stets kranke Mann, der gerade mal 39 Jahre alt geworden ist, dem kein Glück bei den Frauen beschieden war, ein freier, ironischer Geist voller Witz; ein Moralist, der sich über die Moralisten dieser Welt lustig machte. Und gleichzeitig war Giacomo Leopardi einer der modernsten Dichter seines Jahrhunderts.

Dies lässt sich nun auf hervorragende Weise nachvollziehen und nachlesen - in dem schönen Band Opuscula Moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen - erschienen in der Anderen Bibliothek. Ausgesucht und übersetzt von Burkhart Kroeber auf der Basis der Erstübersetzung des Literatur-Nobelpreisträgers von 1910 Paul Heyse. Dieser Hinweis ist insofern wichtig, als Heyse wohl der Erste war, der die Bedeutung Leopardis erkannt hat. So ist Heyses Essay Leopardis Weltanschauung wichtig für das Verständnis des alten italienischen Pessimisten. Und Schopenhauer, ein Bruder Leopardis im Geiste und selbst ausgesprochener Pessimist, bringt es auf den Punkt, wenn er im Kapitel vom Elend der Welt schreibt:

„Keiner hat diesen Gegenstand so gründlich und erschöpfend behandelt, wie in unseren Tagen Leopardi. Er ist von demselben ganz erfüllt und durchdrungen: überall ist Spott und Jammer dieser Existenz sein Thema, auf jeder Seite seiner Werke stellt er ihn dar, jedoch in einer solchen Mannigfaltigkeit an Formen und Wendungen, mit solchen Reichtum an Bildern, daß er nie Überdruss erweckt, vielmehr durchweg unterhaltend und anregend wirkt.“ (zitiert nach Heyse).

Die Operette Morali, wie die Fabeln und Dialoge auch bezeichnet werden, sind Beispiele einer satirisch-philosophischen Prosa mit einer stark poetischen Grundierung. Ihre pessimistische Sicht auf die Welt - man mag sie mögen oder ablehnen - sind höchst unterhaltsame Darstellungen vielschichtiger Sachverhalte aus den Bereichen Philosophie, Mythologie und überhaupt aus allen Bereichen menschlichen Daseins. Sie erzählen von der Wette des Prometheus, erklären Das Krähen eines urigen Hahns. Es gibt einen spannenden Dialog zwischen einem Kalenderverkäufer und einem Passanten und einen Dialog zwischen Christoph Columbus und Pietro Gutierrez.

Der Autor dieser kleinen moralischen Werke hatte sicher kein glückliches Leben. Das mag seinen Pessimismus erklären. Geschichte hat für ihn kein Ziel, sondern ist bestenfalls ein Grund, sich mit ihr spöttisch zu beschäftigen. Darüber und mehr diskutieren der Physiker und der Metaphysiker, die Erde mit dem Mond, die Natur mit der Seele. Das Schicksal des Menschengeschlechts ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein ewiger Kreislauf - beginnend mit der Schöpfung und endend mit Zerstörung, um wieder mit der Schöpfung zu beginnen …

Nein, eine gute Meinung hat der melancholisch auftretende Skeptiker und Pessimist nicht von der Menschheit, „aber er besingt sie“ (Francesco de Sanctis). Viele seiner Auffassungen sind wahrscheinlich seiner Erkrankung geschuldet und für den einen und anderen nicht nachzuvollziehen. Wie aber auch immer: Der Herausgeber und Übersetzer Burkhart Kroeber hat den Opuscula Moralia den bezeichnenden Untertitel Oder vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen gegeben. Das jedenfalls können wir von Giacomo Leopardi in der Tat „lernen“.

© Günter Nawe

Giacomo Leopardi, "Opuscula Moralia oder Vom Lernen, über unsere Leiden zu lachen". Die Andere Bibliothek, 360 S., 42,- €