Unser Buch des Monats Februar 2017Das Lachen der Renaissance: Unerhörte Begebenheiten in „ergötzlichen Nächten“

Ergötzliche Nächte

Es waren in der Tat „unerhörte Geschichten“, die der italienische Dichter Giovanni Boccaccio in seinem berühmten Novellenwerk Das Decameron zu erzählen wusste - ein literarischer Gegenentwurf zu den Schrecken der Pestzeit im Florenz des 14. Jahrhunderts und ein Werk der Weltliteratur.

Nun war allerdings Boccaccio als der „Erfinder“ der Novelle nicht der einzige Autor, der sich in diesem literarischen Gene exzellent und beispielhaft bewegt. Es gibt eine Reihe italienischer Autoren, die sich vom Meister angeregt fühlten und ebenfalls eine Menge unerhörter, sinnenfroher Geschichten aus ergötzlichen Nächten erzählt haben. Oft nicht minder meisterhaft wie Giovanni Boccaccio und in jedem Fall ebenso spannend und im höchsten Maße unterhaltend.

Diesen Nachfolgern und Nachahmern ist ein wunderbarer Band in der nicht genug zu preisenden Anderen Bibliothek gewidmet. Deren „Unerhörte Geschichten“sind jetzt zu entdecken - mit Anmerkungen und einem interessanten Nachwort versehen von Rainer Schmitz.

Die Erzähler dieser Geschichten, die novellieri, waren Geistliche, Richter, Mediziner, vor allem aber exzellente Stilisten undbrillante Schriftsteller. So zum Beispiel der wohl bekannteste unter den Autoren diese Bandes, Gianfrancesco Poggio Bracciolini. Er war einer der bedeutendsten Humanisten der italienischen Renaissance. Oder Agnolo Firenzuola, der ein berühmtes Werk über die Frauen verfasst hat, und der Mediziner, Naturphilosoph und Dichter Giovanna Battista Giraldi. Sie und andere Novellisten dieses Bandes waren wichtige Repräsentanten florentinischen Geistes, verkehrten an Höfen und in Salons, genossen Ansehen und waren aufmerksame Beobachter.

Ihnen allen war vor allem die Freude an Pikanterien gemeinsam. Liebeshändel, Verwechslungen und Unterschiebungen - immer ging es um Weiberlist und Männertorheit. Sie sind durchweg das Thema der „novelle“ (nach Goethe eine unerhörte Begebenheit), die eine besondere Form des realistischen Erzählens ist. Da wird nicht an derben Späßen gespart, nicht an deftigen Formulierungen, genauso wenig an wunderbaren poetischen Bildern. Vielfach sind viele Szenen in den einzelnen Novellen einfach nur  humorvoll-satirisch Darstellungen - einfallsreich und humorvoll, was die Präliminarien und die Liebespraxis selbst betrifft. Am Ende sind diese „unerhörten Geschichten“ eine herrliche „chronique scandaleuse“.

So schreibt Franco Sacchetti vom Priester, der einen jungen Mann, den er für ein Weib hält, mit seiner Tochter schlafen lässt und „was sich infolge dessen Lustigesbegibt“. Poggio Bracciolini erzählt von einer Frau, die ihren Mann betrog, „Von Paolo, der die Lüsternheit einiger Unerfahrener erregte“ und von einer etwas frivolen „Toskanischen Beichte“. Matteo Bandello wiederum beschreibt einen seltsamen Vorfall, „der bewirkt, dass einer zum Genuss einer Frau gelangt, woran er nicht mehr gedacht hatte“ oder„Wie eine verschlagene Frau ihren Gatten durch einen plötzlichen Einfall betrügt“. Und Giovan Francesco Straparola da Caravaggio weiß von der Geschichte der zwei Gevatter, die sich sehr lieben, einander mit ihren Frauen betrügen und sie schließlich gemeinsam genießen.

Immer also ging es um das Eine, nach dem sich Männer und Frauen in diesen Geschichten verzehren: um Lust und Liebe und Liebesgenuss. Es geht um den Zauber der Verführung und die lustvolle Erfüllung. Die Wege und Umwege dazu sind vielfältig, oft nicht ohne Gefahren. Die Protagonisten der Novellen sind Kardinäle und Mönche, ehrbare Ehefrauen, in vielen Liebeshändeln erprobte Adlige, Jungfrauen und Matronen, lüsterne Herren und edle Damen, Mägde und Knechte.

Die Erzähler treiben genüsslich ihren Spott mit ihnen. Und sie vermitteln etwas vom Lebensgefühl der Renaissance. Wie schreibt Rainer Schmitz?  „Bei der tour de force durch die Betten der Renaissance, durch das Trieb-und Liebesleben der Zeit, schallt eine überwältigende Komik und karnevalistische Heiterkeit herauf - es ist das Echo einer lachenden Renaissance. Dem ist nichts hinzuzufügen.

© Günter Nawe

Ergötzliche Nächte: Unerhörte Geschichten aus der italienischen Renaissance. Die Andere Bibliothek, 648 S., 42,- €