Unser Buch des Monats Januar 2017Und die Zeit war gekommen, Gott den Zins zu entrichten: Iwan Bunin und seine Erzählungen von 1913

Bunin Frühling

Russland im Schicksalsjahr 1913: Sollten es Vorahnungen gewesen sein hinsichtlich des Schrecklichen, das folgen sollte; Ahnungen, die Iwan Bunin in seinen Erzählungen von 1913 verarbeitet hat?So jedenfalls könnte man sie lesen. Man muss es allerdings nicht und kann sich beschränken auf den Genuss großartiger Literatur, auf Geschichten von seltener Eindringlichkeit. Bunin beherrscht die gesamte Klaviatur schriftstellerischen Könnens – und spielt virtuos darauf.

So in dem Erzählband Frühling. Erzählungen 1913, der kürzlich als siebenter Band der Gesamtausgabe der Werke des russischen Nobelpreisträgers erschienen ist, eine verlegerische Großtat des Dörlemann Verlags und des Herausgebers Thomas Grob.

Iwan Bunin selbst über Frühling 1913: „… mein neues Buch wird […] bei weitem nicht so grausam sein wie die früheren […], da wird es neue Züge unserer Seele geben, neue Typen, neue Stimmungen – sanfte, liebende, religiöse und so weiter.“ Vierzehn Erzählungen mit „neuen Zügen unserer Seele“ sind es, die – eine wie die andere – den Leser verzaubern werden.

Auch wenn in Der letzte Tag und in der Titelerzählung Frühling vom russischen Landadel, der zunehmend an Bedeutung und Einfluss verliert, die Rede ist oder in Vom guten Blute und Ich sage gar nichts von der Armut der unter Schichten und dem unaufhaltsamen Aufstieg der Kleinbürger – Themen, die wir aus früheren Erzählungen (Vera. Erzählungen 1912) kennen – hat Bunin hier einen anderen, einen neuen Ton angeschlagen. Die politische Grundierung der Erzählungen tritt zugunsten nicht zeitgebundener existenzieller Elemente zurück. Nicht Sozialkritik steht im Vordergrund, es sind die menschlichen Nöte, die individuellen Tragödien, die Ängste und Hoffnungen, die Bunin auf literarisch virtuose Weise thematisiert.

Berührend die Erzählung Der letzte Tag, in der der Kleinbauer Wojejkow sein  Gut dem Kleinbürger Rostowzew übergeben musste. “Es war alles vorbei… Wojejkow dachte an die Kindheit, die er hier verbracht hat… Durch die Löcher in den Fensterscheiben zog milde Frühlingsluft herein…Wojejkow setzte sich auf einen Schemel, um sich noch einmal alles gründlich durch den Kopf gehen zu lassen… Lange saß er da, die Mütze abgenommen… Wieder und wieder dachte er an seine Väter und Vorväter…, an die Namen fast aller Windhunde…  Wojejkow hob sein wuchtiges, von bitteren Falten durchfurchtes Gesicht mit dem schwarzgrünen, gefärbten Schnurrbart. Seine Augen funkelten hart und böse…“

Der Schriftstellerkollege Isaak Babel glaubte, dass es in jedem Satz einen Hebel gebe, den man nur so subtil bewegen müsse, dass alles am rechten Ort lande. Wenn einer dies gekonnt hat, dann war es Iwan Bunin.

Ein bewegender Beweis dafür ist auch die unendlich traurige und doch so tröstliche Erzählung Dürres Gras vom alten Landarbeiter Awerki, der gelassen und hingebungsvoll sein Sterben annimmt, sich ins Unabänderliche fügt; in sich ruhend und mit sich im Reinen. Als „die Zeit“ gekommen war…“Gott den Zins zu entrichten …starb (er) in der stillen, dunklen Kate, hinter deren kleinem Fenster mattweiß der erste Schnee schimmerte. So lautlos, daß die Alte es nicht einmal bemerkte.“

Ob es sich um diese oder um die anderen Erzählungen dieses Bandes handelt; um Der Kelch des Lebens, um Staub oder An der Landstraße,für alle gilt - wie schon in der Besprechung des Erzählbandes Vera. Erzählungen 1912 zitiert - der wunderschöne Satz von Konstantin Paustowski: „So traurig es in dieser unverständlichen Welt auch ist, sie ist wunderschön“. So wunderschön wie die Erzählungen von Iwan Bunin.

© Günter Nawe

Iwan Bunin, Frühling. Erzählungen 1913. Dörlemann Verlag, 300 S., 25,- €