Unser Buch des Monats Dezember 2016Das wechselnde Tempo der Zeit: Der brillante Roman des Christoph Ransmayr

Ransmayr Cox

Die Aufgabe war nichts weniger als einfach: Es sollte eine Uhr gebaut werden, die die Ewigkeit misst. Für diese Aufgabe hat der chinesische Kaiser Qiánlóng, der Herr über zehntausend Jahre, den weltberühmten englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox ausersehen. Qiánlóng war der vierte Kaiser der Qing-Dynastie, unermesslich reich, Herr über einundvierzig Frauen und dreitausend Konkubinen. Er ist der allmächtige, unnahbare Auftraggeber für Cox.

Der Meister soll mit drei exzellenten Mechanikern in der Verbotenen Stadt Uhren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten bauen – eine jede für die Zeiten des Glücks und der Liebe, für die Zeiten der Kindheit und des Sterbens. Uhrwerke, „die gemäß dem Zeitempfinden eines Liebenden, eines Kindes, eines Verurteilten und anderer, an den Abgründen oder in der Existenz gefangenen oder über den Wolken ihres Glücks schwebenden Menschen den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.“ Und am Ende eine Uhr, ein Perpetuum Mobile, zur Messung der Ewigkeit. Technische Meisterschaft war gefordert – befohlen von einer absoluten Macht, die sich sowohl in ihren Forderungen als auch in den unermesslichen zur Verfügung gestellten Materialien darstellte.

Für Cox wird dies eine Reise ans Ende der Zeit, die „der traurigste Mann der Welt“, der seine Tochter Abigail an den Tod, seine geliebte Frau Faye an stumme, depressive Fremdheit verlor. Cox reiste nicht zuletzt auch, um „sich vonder Unerbittlichkeit der Zeit abzuwenden“. Der Unerbittlichkeit kann er sich vielleicht entziehen, nicht aber, wie er feststellen muss, der Zeit.

Und so baut er, kreiert er Spielfiguren, technisch ausgereift und perfektioniert, die auf ihre Weise das Uhrwerk, das die Zeit misst, in Gang halten. Er baut Uhren, die alle bisherigen Zeitmesser in den Schatten stellen, Meisterwerke der Uhrmacherkunst, Goldschmiedekunst vom Feinsten, die selbst den verwöhnten Monarchen im fernen China begeistern.

Die Rede ist von einem der bedeutendsten Romane des Christoph Ransmayr und einem der brillantesten, die in diesem Jahr erschienen sind. Der Roman Cox oder Der Lauf der Zeit ist eine nahezu romantische Abenteuergeschichte in höchster literarischer „Feinmechanik“ und auf einem Niveau, das Weltliteratur-Format hat. Der österreichische Schriftsteller, Autor von bleibenden Büchern wie Die letzte Welt, Die Schrecken des Eises und der Finsternis und Atlas eines ängstlichen Mannes, hat mit diesem Zeit-Roman erneut ein Meisterwerk von großer Sprachkunst abgeliefert. In der Beschreibung der Verbotenen Stadt gelingen Ransmayr wunderbare poetische Bilder, die Charakteristik seiner Personen, des Kaisers und seiner Höflinge, des Uhrmachers als Künstler und Mensch, ist überzeugend.

Die „Hauptfigur“ dieses Romans aber ist die Zeit. Der chinesische Kaiser und Cox sind nur diejenigen, die die Zeit messen, die sich an der Zeit messen wollen. Jeder auf seine Weise: der Kaiser als Auftraggeber, Cox als Ausführender. Also „hat der Allerhöchste… Pläne mit seinen Gästen, hatteKiang(der kaiserliche Dolmetscher) gesagt. Größere Pläne. Der Kaiser wolleIhren Kopf, Ihre Erfindungsgabe, Ihr Vorstellungsvermögen. Ihre Kunst, Mühlen für den Lauf der Zeit zu schaffen…“.

Ein wahrlich kaiserlicher Auftrag von einem, der alles hatte und sich noch mehr wünschen durfte; von einem, dem es gegeben war, „den Luxus der Langsamkeit zu genießen – so einer durfte sich in dem Traum wiegen, das kostbarste aller menschenmöglichsten Güter zu besitzen: Zeit.“

Eine Aufgabe für Cox und seine Mitarbeiter, die mehr als schwierig ist. Eine fremde Kultur, eine absolutistische Herrschaft, fremdartige Verhaltensregeln, von der Außenwelt getrennt – die Uhrmacher leben in einer luxuriösen Gefangenschaft, „denn alles Unerwartete, alles Unvorhergesehene müsse den Blicken eines Unbeteiligten, schon gar denen eines Fremden, solange entzogen bleiben, bis ihm die Sichtbarkeit von den entsprechenden Räten nach dem Willen des Allerhöchsten zugesprochen wird… Und Vorsicht! Vorsicht. Es sei geschehen, dass verbotene Blicke noch am Tage des Frevels mit der Blendung bestraft worden seien“ – das ist mehr als gewöhnungsbedürftig.

Erst einmal aber arbeitet Cox zu höchster Zufriedenheit des Kaisers. Die gebauten Uhren finden den Beifall des Herrn über zehntausend Jahre. So sehr, dass seine Ansprüche immer größer werden. Bis zuletzt gefordert wurde, ein Uhrwerk zu bauen, das die „Dauer der Ewigkeit“ messen soll.  Ein Perpetuum mobile, eine Mechanik, die niemals ruht und  nicht weniger als die Unendlichkeit misst. Eine Uhr, von der gesagt wird: „Und hörte sie irgendwannin einer unfassbaren Zukunft auf zu schlagen, war nicht das Ende ihrer Lebensdauer erreicht, sondern das Ende der Zeit“.

Die Arbeit an diesem Werk verändert nicht nur den Uhrmacher Cox, der den Gefahren, die die übermenschliche Aufgabe mit sich bringt, geschickt entgeht. Aus dem devoten, den Ritualen unterworfenem Mann wird einer, der plötzlich aufrecht steht und dem Kaiser ins Auge blickt. Einer der berührendsten Momente in diesem Buch. Aber auch der göttliche Kaiser verändert sich; der Unnahbare bekommt am Ende sehr menschliche Züge und kann plötzlich staunen kann wie ein Kind.

Und am Ende begreift der Uhrmacher, begreifen wir:  „… dass dieser Augenblick… keiner Zeit mehr angehörte, sondern ohne Anfang und Ende war, um viele kürzer als das Aufleuchten der Meteoriten und doch von der Überfülle der Ewigkeit: von keiner Uhr zu messen, scheinbar ohne Ausdehnung wie ein Jahrmilliarden entfernter, glimmender Punkt am Firmament“.

© Günter Nawe

Christoph Ransmayr, Cox oder Der Lauf der Welt. S. Fischer Verlag, 304 S., 22,- €