Unser Buch des Monats Juli 2016Leonardo Sciascia, "Das Ägyptische Konzil"

Der grandiose Betrug des Don Giuseppe Vella: Die wahre Geschichte über ein raffiniertes Täuschungsmanöver

Sciascia Konzil

Ein grandioser Betrug erschüttert das sizilianische Palermo im 18. Jahrhundert. Don Giuseppe Vella, ein gerissener Maltesermönch, wird an den Hof von Palermo gerufen. Kaum des Arabischen mächtig macht sich der Mönch – mit Unterstützung des Vizekönigs – daran, einen Codex, das sogenannte „Ägyptische Konzil“, herauszugeben. Eine Fälschung natürlich, die dennoch oder gerade deshalb die höchste Aufmerksamkeit des Königs, des gesamten Adels, des Bürgertums und des Klerus findet – von ungeheurer Wirkung und mit ziemlich chaotischen Folgen.

Leonardo Sciascia  (1921-1989) ist ein Klassiker der italienischen Literatur und zudem ein exzellenter Kenner der sizilianischen Geschichte. In seinen Werken hat er immer wieder die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die Verlogenheit und die Scheinheiligkeit der „besseren“ Gesellschaft und ihre Schattenseiten zum Thema gemacht. So in seinem wohl berühmtesten Buch Der Tag der Eule, so auch in Die Affäre Moro.

Und nun Das Ägyptische Konzil: ein brillanter historischer Roman und ein veritabler Krimi, eine amüsante Allegorie um Macht und Betrug, um Schuld und Unschuld – äußerst raffiniert konstruiert. Mit Anklängen an Umberto Eco und die sizilianischen Kollegen Andrea Camilleri und Giovanni Verga. Und doch ein echter Sciascia und damit einzigartig. Ein durchweg exquisites Lesevergnügen also. 1963 hat Leonardo Sciascia dieses Buch, das endlich auf Deutsch und in einer wunderbaren Ausstattung vorliegt, innerhalb weniger Wochen geschrieben.

Vella, mit einer Vorliebe für Mandelgebäck und heiße Bäder, ist Protagonist dieses Historienkrimis. Er dient einem obskuren marokkanischen Botschafter am Hofe von Palermo als Dolmetscher. Dabei kommt er in den Genuss höfischer Feste, lernt schöne Frauen kennen und darf außergewöhnliche Gelage feiern. Das macht süchtig nach mehr. Der Vizekönig vertraut dem vermeintlichen Gelehrten, der übrigens sein mickriges Gehalt als Zahlengeber im Lotto aufzubessern sucht. Doch Vella ist auf der Suche nach weiteren Einnahmequellen, die ihm das luxuriöse Dasein sichern. Sciascias Schilderungen dieser Versuche glänzen durch amüsante Anekdoten und köstliche Dialoge.

Dann hat der quirlige Maltesermönch eine geniale Idee. Ein angeblicher Prophetenkodex wird entdeckt – und Don Vella wird sein Übersetzer. Was scheren ihn seine nur marginalen Arabischkenntnisse und seine dürftige wissenschaftliche Ausbildung. Er erweist sich als Künstler, als Erfinder von Dialekten, dem es auf diese Weise mit Raffinesse und krimineller Energie gelingt, den Hof und den Adel von der Wichtigkeit seiner Arbeit zu überzeugen. Vor allem verkauft er seine Fälschungen als Bestätigung feudaler Ansprüche des sizilianischen Adels – und zieht entsprechenden Nutzen daraus.

Eine solche Täuschung kann auf Dauer nicht unentdeckt bleiben. Zwar weiß sich Don Vella bei einer Überprüfung seiner Übersetzung aus dem Arabischen ins Sizilianische für einen Moment geschickt herauszureden – aber der Betrug wird entdeckt, und die Folgen für die Gesellschaft und für ihn selbst sind fatal. Begleitet wird dies alles von Verstellung und Bestechung, von Verleumdungen und doppeltem Spiel.

In das entstehende politische und klerikale Chaos passt der Versuch eines revolutionären Umsturzes. Leonardo Sciascia hat seinen Roman zwischen 1782 und 1795 angesiedelt. Längst ist in dieser Zeit auch die französische Aufklärung in Sizilien angekommen und hat Anhänger gefunden. Das politische Establishment und die Kirche befürchten eine Revolution à la français. Sie zu verhindern ist ihnen jedes Mittel recht – bis hin zu inquisitorischen Maßnahmen, sprich Folter; wohl wissend, „dass die Folter wider das Recht, wider die Vernunft, wider den Menschen ist.“ Letztere jedenfalls wird Di Biase zuteil, einem Juristen und respektvollen Gegenspieler des Fälschers Don Vella.

Leonardo Sciascia erteilt indirekt eine Lektion in Sachen Macht und Herrschaft und ihrem Missbrauch – generell und in Sizilien im Besonderen. Seine Erzählung ist gleichzeitig ein Sittenbild einer Gesellschaft, die sich als „ein Labyrinth der Wollust und des Nichtstuns“ darstellt. Das Urteil seines Kollegen Italo Calvino über das Ägyptische Konzil: „Dir ist  die Rekonstruktion eines Milieus und einer philologischen Mystifizierung gelungen und dabei hast Du sehr lebendige Figuren geschaffen … und vor allem hast Du komplexe Verflechtungen von politischer  Geschichte  und Kulturgeschichte erklärt.“ Und das „mit Deinem Spaß an der satirischen Komödie“… und „großer erzählerischer und didaktischer Bravur“. Zitiert von Maike Albath in einem sehr informativen Nachwort. Und auch das ist das Ägyptische Konzil: „in erster Linie ein sprachliches Kunstwerk“ – wie die Übersetzerin Monika Lustig in ihrer Nachbemerkung zu diesem Roman schreibt. „Überall versteckt Sciascia seine Ironie und regt in diesem Sinne … zu einem Gedankenspiel an“.

Diesem Buch sizilianischer Historie ist noch ein Essay von Leonardo Sciascia über Das Leben des Antonio Veneziano, ein Dichter des 16. Jahrhunderts, angefügt. Er taucht unter vielen anderen im Ägyptischen Konzil auf. Und das nicht ohne Grund. Beschreibt ihn doch Sciascia als „gewalttätig, den Sinnesfreuden zugeneigt, verschwenderisch, immer wieder hoch verschuldet…absolut frei von Respekt vor den Institutionen…“ und zweifellos ein großer Dichter.

Dieser biografische Essay über den Dichter Antonio Veneziano zeichnet zugleich ein Bild der sizilianischen Gesellschaft, der politischen und religiösen Zustände, der Verstrickungen, der Heuchelei und Scheinheiligkeit im 16. Jahrhundert. Und wer will, kann Parallelen zu Vielem erkennen, was im Ägyptischen Konzil beschrieben … und bis ins Heute hinein sichtbar ist

© Günter Nawe

Leonardo Sciascia, Das Ägyptische Konzil. Die Andere Bibliothek, 372 S., 42,- Euro