Unser Buch des Monats April 2016Siegfried Lenz, "Der Überläufer" / Hanjo Kesting, "Begegnungen mit Siegfried Lenz"

„Heimweh nach dem Nichts“ Ein meisterlicher Roman und Erinnerungen an seinen Autor

Lenz Überläufer

Die Geschichte der Veröffentlichung des Romans „Der Überläufer" von Siegfried Lenz ist höchst abenteuerlich. 1951 hat Lenz diesen Roman geschrieben. Veröffentlicht wurde er aber erst im Jahre 2016. Dieser Roman wurde abgelehnt, weil die Thematik des Buches zu seiner Zeit politisch suspekt war und eine Veröffentlichung wenig opportun schien. Ging es doch um einen deutschen Frontsoldaten, der im Sommer des letzten Kriegsjahres 1944 die Fronten wechselte. Und es ging um mehr.

Der Lektor des Verlages Hoffmann und Campe hatte wohl kalte Füße bekommen. „Ich halte es für äußerst gefährlich, den Roman im bisherigen Zustande zu publizieren. Er würde, was seine ‚Gesinnung' betrifft, scharf unter die Lupe genommen werden", ließ der Lektor den fünfundzwanzigjährigen Autor wissen. Nach langem Hin und Her landete das Manuskript jedenfalls wieder bei Lenz – und da verblieb er erst einmal. Was für eine Geschichte, die auch einen kritischen Blick auf das Publikationsverhalten deutscher Verlage wirft?

Umso wichtiger und erfreulicher also, dass wir den Roman „Der Überläufer" jetzt lesen können.

Siegfried Lenz (1926-2014) gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur, der deutschen Literatur überhaupt. Als Verfasser großer Romane wie „Es waren Habichte in der Luft", „Deutschstunde", „Heimatmuseum" und „Fundbüro" und als Meister der kurzen Form („So zärtlich war Suleyken") ist er einerseits einzigartig und auf jeden Fall gleichberechtigt neben den Literaturnobelpreisträgern Böll und Grass zu nennen.

"Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen...", hat Lenz einmal gesagt. Solche Geschichten hat er in allen seinen Büchern erzählt, und eine solche Geschichte erzählt er auch in dem meisterlichen Roman „Der Überläufer".

Der Soldat Walter Proska, wie Siegfried Lenz im masurischen Lyck geboren, ist nach seinem Heimaturlaub auf dem Weg zurück an die Ostfront. Der Zug explodiert, Proska jedoch überlebt und landet in einer Einheit einiger versprengter Kameraden, die völlig vergessen im Nirgendwo eine Stellung verteidigen sollen. Dieses Trüppchen, längst desillusioniert, von der Hitze des Sommers, von Mücken geplagt und immer wieder von Partisanen angegriffen, hat sich bereits aufgegeben. Fast mechanisch töten sie, wo es befohlen ist, verlieren den Verstand und werden getötet. Sie tun, was sie tun (müssen), bewegen sich apathisch bis unkontrolliert und voller „Heimweh nach dem Nichts".

Sie leben einfach in einem Ausnahmezustand – ohne Grund und letztlich vor allem ohne Sinn. Wie hat Lenz „Milchbrötchen" sagen lassen? „Verstehst du, Walter: wir sind auch Deutschland, und es wäre doch eine komplette Idiotie, wenn wir uns, die wir Deutschland sind, für Deutschland, also für uns selbst, opferten."

Atmosphärisch dicht und mit der Kraft wunderbarer Bilder schildert Lenz das Geschehen und die Akteure. Die Helden dieses Romans sind durchweg wenig heldenhaft. Nicht der hinkende Zwiczosbirski aus Schlesien, genannt „Schenkel", und nicht Baffi, Feuerschlucker und Koch; die Frau des jungen Zacharias erwartet das erste Kind und eben „Milchbrötchen" Wolfgang, der Jüngste, der todessehnsüchtigen Gedanken nachgeht. Befehligt werden sie von dem schießwütigen Unteroffizier Stehauf, einem mordlustigen Landser mit eigenartigem Humor.

In diesem Mikrokosmos lebt nun auch Walter Proska. Und in all diesem Elend verliebt er sich in eine „Feindin", die Partisanin Wanda mit einer Taille „die schmal war wie ein Stundenglas", mit Haaren „rot wie ein Eichhörnchenfell" und dem „herausfordernden Profil ihrer Brüste". So lesen wir eine der schönsten Liebesgeschichten zwischen den Fronten, so schön, wie sie Lenz nie wieder geschrieben hat.

Aber auch Walter Proska bleibt vom Geschehen um ihn herum nicht verschont. Wie seine Kameraden muss auch er töten, ist er der Gefahr getötet zu werden ständig ausgesetzt. Er setzt sich mit Todesgedanken auseinander und mit der „sogenannten Pflicht". „Dieses Zeug haben sie uns unter die Haut gespritzt".
Aus dieser „sogenannten Pflicht" entlässt sich Walter Proska dadurch, dass er zur Roten Armee überläuft; weniger aus Überzeugung, als um sein Leben zu retten. Sein Motto: „Wer kontrolliert die Werte der Welt? Du, du allein." Aber auch hier, bei der Roten Armee, die gleiche Sinnlosigkeit. Auch hier Schuld und Gewissenlosigkeit. Und so muss sich Proska am Schluss dieses grandiosen Romans unter besonders bewegenden Umständen einmal mehr entscheiden zwischen töten oder getötet werden.

Akribisch, sachlich und kompromisslos sowie durchweg meisterlich ist dieser „Bericht" des Autors Siegfried Lenz. Ein Dialog auf einem Patrouillengang: „Wollen wir weitergehen? fragte Proska. – Und dann? – Vielleicht erwischen wir sie. – Oder sie uns. – Was sollen wir machen? - Warten. – Worauf denn? – Bis etwas geschieht."

Diese Lakonie wird immer wieder abgelöst durch eigenartig schöne Bilder: „Der Tau saß zwinkernd auf den Gräsern, der Himmel sah hoffnungslos heiter zu und die Sonne schlurfte lautlos... über die Baumkronen." Und dramatisch wie in Hemingways Novelle „Der alte Mann und das Meer": „Er sah auf das Auge seines Gegners, ein ruhiges, nicht von Furcht entstelltes, gleichgültig blickendes Fischauge... das in seiner Gelassenheit finster und freundlich zugleich auf dem Mann ruhte."

Siegfried Lenz hat auch diese Geschichte erzählt, um die Welt zu verstehen, damit wir sie verstehen. Und Hanjo Kesting lehrt uns mit seinem Buch „Begegnungen mit Siegfried Lenz – Essays, Gespräche, Erinnerungen", Lenz zu verstehen. Über vierzig Jahre hat der Literaturwissenschaftler, Publizist und Journalist den Autor begleitet – mit Rezensionen und Artikeln, mit Interviews und Rundfunkbeiträgen. Diese Arbeiten sind in diesem Band gesammelt und ergeben ein facettenreiches, ein umfassendes Bild von Siegfried Lenz und seinem Werk. Ergänzt um Tagebuchnotizen, die auf sehr persönliche Weise als Erinnerung an viele Begegnungen und Gespräche zu lesen sind.

Kesting über Lenz: „Gelassenheit war das hervorstechende Merkmal des Schriftstellers Siegfried Lenz. Nach seinem Prinzip gefragt, nannte er ein ‚unerträglich schlichtes' Prinzip: das Weitermachen – in Übereinstimmung mit den eigenen Möglichkeiten". Diese Möglichkeiten hat Siegfried Lenz mit Erfolg ausgeschöpft vom Debütroman „Der Überläufer" bis zur letzten Zeile, die er schrieb – „sich selbst treu und monumental bescheiden". (Hanjo Kesting)

© Günter Nawe

Siegfried Lenz, „Der Überläufer". Hoffmann & Campe, 367 S., 25,- Euro
Hanjo Kesting, „Begegnungen mit Siegfried Lenz". Wallstein, 256 S., 22,90 Euro