Unser Buch des Monats November 2015Michail Ossorgin, "Eine Straße in Moskau"

Die Wiederkehr der Schwalben: Die Wiederentdeckung eines großen Romans

Ossorgin Moskau

„In der Unendlichkeit des Weltalls, im Sonnensystem, auf der Erde, in Russland, in Moskau, in einem Eckhaus der Straße Siwzew Wrashek saß in seinem Arbeitzimmer im Lehnstuhl der Ornithologe Iwan Alexandrowitsch.“  Es ist sicher einer der bemerkenswertesten Buchanfänge, ein Satz, der den Leser auf direktem Wege ins Geschehen führt.

Geschrieben hat diesen Satz Michail Ossorgin, der in seinem brillanten und außer-gewöhnlichen Roman „Eine Straße in Moskau“ die kleine Straße Siwzew Wrashek zum Topos einer Geschichte macht, die einzigartig ist.  Ein Gässchen mitten in Moskau, in dem nicht nur der Ornithologe Iwan Alexandrowitsch, sondern einst auch der junge Lew Tolstoi, die Dichterin Marina Zwetajewa lebten und in dem Teile des Pasternak-Romans „Doktor Schiwago“ spielten. Mit Osssorgins Roman hat die kleine Gasse in der Nähe des berühmten Arbat eine noch größere literarische Bedeutung gewonnen.

Michail Ossorgin, eigentlich Michail Andrejewitsch Iljin, wurde 1878 in Perm geboren. Als Sozialrevolutionär wurde er 1905 verhaftet und musste ins Ausland fliehen. Etwa zehn Jahre später kehrte der Journalist nach Russland zurück, um sofort wieder als Kritiker der Bolschewiki aus Russland verbannt zu werden. Eine Zeitlang lebte er in Berlin, ließ sich danach in Paris nieder, veröffentlichte 1928 diesen wunderbaren Roman „Eine Straße in Moskau“ und starb als Staatenloser 1942 im französischen Chabris.

Jetzt ist dieses Buch, von der Anderen Bibliothek sorgfältig ediert, von Ursula Keller übersetzt und mit einem klugen Nachwort versehen, wieder da. Endlich, muss man sagen, denn es ist von weltliterarischer Bedeutung, ein exzellentes Zeitdokument und wunderbar zu lesen.

„Ich schreibe keine Literatur. Ich beschreibe das Leben.“ Dieser Satz des Autors ist als bescheidene Untertreibung zu verstehen. Denn das, was Ossorgin mit diesem Roman abgeliefert hat, ist von höchster Meisterschaft, stilistisch brillant, hervorragend komponiert und von großer Wahrhaftigkeit.  Ein Meisterwerk also, wie wir es in der letzten Zeit selten zu lesen bekommen haben.

„In der Unendlichkeit des Weltalls“, in dessen Zentrum das Eckhaus in der Siwzew Wrashek steht, spielt dieser Roman, und in Zeiten dramatischer historischer Ereignisse. Ereignisse, die sich zwischen 1914 und 1920 abgespielt haben – der Erste Weltkrieg als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und die Russische Revolution, ein Geschehen, dass nicht nur das Individuum betraf, sondern die ganze Welt verändern sollte.

Die Zeit ist aus den Fugen geraten. Die „Umwälzung der Klassen, Götterdämmerung und die Geburt neue Götzen“ sind zu konstatieren: Ossorgin beschreibt dieser Veränderungen mit einer verblüffenden Genauigkeit und exemplarisch anhand der Figuren dieses Romans. In einer aufregenden und berührenden Chronik der Ereignisse, gleich einem Mosaik und in wechselseitige Abfolge von realer Schilderung und Parabeln, von ständigen Perspektivwechseln wird dieser Roman zum Zeitdokument einerseits und zum Beispiel für die Geworfenheit des Einzelnen in das Geschehen. 

So muss der Ornithologie-Professor nach und nach seine geliebte Bibliothek verhökern. Der Universitätsdozent Wassja Boltanowski ist in Tanjuscha, die Enkelin von Iwan Alexandrowitsch, verliebt und will nur eines: sie glücklich machen. Tanjuscha wiederum ist auf der Suche nach sich selbst, steckt in pubertären Nöten. In Erinnerung an ihre Kindheit streift sie in einem weißen Kleid  durch ihr geliebtes Moskau – in Zeiten verheerender Schrecknisse und Gewalttaten. Gleichzeitig ist sie gefordert, den Professorenhaushalt zu organisieren. Alexander Dmitrijewitsch Astafjew, Privatdozent für Philosophie, gemäß der neuen Machthaber ein Bourgeois, verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Auftritten in Arbeiterclubs, wird zur Zwangsarbeit verpflichtet und muss Massengräber ausheben. Und Andrej Koltschagin wird – vermeintlich auf der Seite des neuen Rechts  - als Bezirkskommandant auffällig und muss später als Deserteur des Krieges durch Moskau ziehen. 

Viel mehr als hier zu schildern ist passiert in diesem Mikrokosmos Siwzew Wrashek, in diesem Eckhaus und um es herum. Schwalben bauen ihre Nester, fliegen weg und werden wiederkommen. es wird Frühling, es wird Winter, Hausmusikabende finden statt; es wird geliebt und gehasst, gefoltert und getötet. Osssorgins Blick auf die Welt ist schonungslos – und liebevoll auf die Menschen; auf sie, die Hoffnungslosen, die Bösen und die Guten, die Liebenden und die Grausamen.

Die Hoffnung allerdings stirbt zuletzt. Denn „es werden neue Menschen kommen, die danach streben werden, alles auf ihre Art neu zu machen….“ Aber: „sie werden herausfinden, dass das Neue ohne das Fundament des Alten nicht bestehen kann….“

„Großvater, stehen sie auf! Es ist ein herrlicher Tag und es gibt eine Neuigkeit: Die Schwalben sind angekommen.“, heißt es zu Beginn des Romans. Und am Ende:  „Großvater, es ist bald Frühling, und unsere Schwalben kommen wieder“, sagt Tanjuscha zum Ornithologen. Zwischen diesen beiden Sätzen findet das Geschehen in der und um die Siwzew Wrashek statt. Mit der „Wiederkehr der Schwalben“ kommen auch die Zuversicht wieder und die Hoffnung.

© Günter Nawe

Michail Ossorgin, "Eine Straße in Moskau". Die Andere Bibliothek, 519 S., 42,- €

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