Unser Buch des Monats August 2015Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Keinen Frieden mehr – nirgends: Ralf Rothmanns beeindruckender Antikriegsroman

Rothmann Frühling

Dieser Roman ist ein Phänomen. Schon allein deshalb, weil Kritik und Leser ihn mit nahezu einhelliger Begeisterung aufgenommen haben. Etwas, was in der gegenwärtigen Literatur eher selten ist. Dabei handelt es sich um einen Roman über den letzten Krieg; ein Thema, das in der deutschen Literatur – und nicht nur in der deutschen – schon fast inflationär behandelt worden ist und wird.

Was hat es also mit dem Roman „Im Frühling sterben" von Ralf Rothmann auf sich, mit einem Buch, das nun auch zu unserem „Buch des Monats" wurde? „Im Frühling sterben" ist ein Buch über den Krieg, wie er abscheulicher nicht sein kann. Ein Stoff aus vergangener Zeit also, der immer noch höchst präsent und immer wieder für die nächsten Generationen ein Trauma sein wird. Es ist ein Buch voller Dissonanzen, grauenvoll schrecklich und fast immer an der Grenze des Erträglichen. „Im Frühling sterben" ist ein Antikriegsroman der besonderen Art.

Rothmann erzählt von seinem Vater, der „eine verlorene Generation des vorigen Jahrhunderts" verkörperte, von einem Vater, der schweigt – wie es viele Väter dieser Generation getan haben. Diese autobiografisch gefärbte Rahmenerzählung führt dann hin zur Binnenerzählung, einer literarisch gängigen Methode, von Ralf Rothmann, der uns immer wieder mit wenigen, aber ganz besonderen Büchern beschenkt, vollendet ausgeführt.

Rothmann erzählt und führt so zu einer subtilen Auseinandersetzung um das Thema „Schuld – Nichtschuld": Er erzählt die Geschichte von Walter Urban und „Fiete" Caroli, zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland. Sie werden im letzten Kriegsjahr, also 1945, von der SS zwangsrekrutiert. Walter wird als Fahrer in einer Versorgungseinheit eingesetzt, während Fiete an die Front muss. (Vergleiche mit der SS-Zugehörigkeit des jungen Günter Grass verbieten sich an dieser Stelle.)

Hier erleben die beiden Jugendfreunde die Schrecken des Krieges, seine Grausamkeit, die Trecks, Schwerverwundete und Sterbende. Gejagt von den Feldjägern, die gegen die kriegsmüden Soldaten ihren eigenen Kampf führen, sehen sie „auch an anderen Bäumen oder Pfählen in der Ebene ... junge Soldaten mit groß beschrifteten Schildern" hängen.... „Kaum einer trug noch Stiefel, und die Füße, wenn nah über dem Boden, waren angenagt bis auf die Knochen." Blut fließt auf den Straßen, Juden sind auf dem Todesmarsch in die KZ – das Elend scheint unbeschreiblich zu sein. Unwillkürlich fühlt sich der Leser an Claude Simon („Die Straße in Flandern"), an W. G. Sebald, an Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues") und andere Autoren erinnert, die über ähnliche Albträume zu berichten wussten.

Doch hat Rothmann einen sehr eigenen Ton gefunden, um die Schrecken, die Erbarmungslosigkeit zu schildern – und hat so einen der bedeutendsten Romane der deutschen Literatur geschrieben: voller Empathie und mit einem Hauch von Melancholie, ergreifend und bedrückend. Es ist eine atmosphärisch dichte Erzählung, meisterhaft in der sensiblen Schilderung und äußerst genau, von den letzten Monaten dieses grausamen Krieges und den traumatischen Folgen für die nächste Generation.

„Im Frühling sterben" ist auch ein Buch der Freundschaft; einer Freundschaft, die auf eine harte Probe gestellt wird. Während sich Walter mehr oder weniger geschickt durch das Kriegsgeschehen laviert hat, wird Fiete als Deserteur gefasst und zum Tode durch Erschießen verurteilt. Noch versucht Walter seinen Freund zu retten. Doch das System ist gnadenlos. Nicht nur kann Walter nichts mehr für seinen Freund tun, er wird selbst dazu verurteilt, das Urteil an seinem Freund zu vollstrecken: als Mitglied im Erschießungs-Peloton.

Fiete ist tot. Was ist jedoch mit Walter, der mit seinen seelischen und körperlichen Verletzungen, mit seiner Schuld weiterleben muss? Es gibt keinen Frieden mehr für Walter – nirgends. Dennoch gibt es noch eine zarte, wunderbare kleine Liebesgeschichte zwischen Walter und Elisabeth, beinahe spröde geschildert. Und die Schlussszene dieses wunderbaren Romans spielt auf einem Friedhof, auf dem der Autor das Grab seines Vaters sucht. Welch ein Bild!

© Günter Nawe

Ralf Rothmann, Im Frühling sterben. Suhrkamp Verlag, 234 S., 19,95 €

Unser Buch des Monats August 2015„Ich gäbe alles in der Welt für etwas anderes“: Evelyn Waughs geniale Satire auf die die englische Upperclass

Waugh Lust

Welch ein brillantes Vergnügen – dieses Buch „Lust und Laster" von Evelyn Waugh! Es ist eine unvergleichlich bissige Satire auf die englische Gesellschaft, auf die Unmoralität der Upperclass, auf die leicht verkommene High Society der 1920er Jahre. Ein Roman, den nur ein Autor schreiben konnte: Evelyn Waugh (1903-1966).

Dieser Schriftsteller, gern auch als giftiges und galliges Ekel bezeichnet und vor allem durch den Roman „Wiedersehen mit Brideshead" bekannt, war eigentlich ein gutbürgerlicher Verlegersohn. Als Student der Geschichte in Oxford widmete er sich allerdings vorzugsweise dem Alkohol und homoerotischen Abenteuern. Er wurde bald zum kauzigen Außenseiter, der er ein Leben lang blieb. Sein besonderes Interesse galt der Prominenz und ihren aristokratischen, meist etwas spleenigen Vertretern. Soviel zur „Oberfläche" dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit. Hinter dieser Oberfläche verbargen sich jedoch ein Moralist und ein radikaler Zivilisationskritiker.

Diese Charakteristika haben auch den Roman „Lust und Laster" geprägt, der – 1930 erschienen – unser „Buch des Monats" ist. Und dies aus gutem Grunde. Wir haben es hier mit einer faszinierenden Lektüre zu tun, mit einem Roman, in dem der Autor Evelyn Waugh die englischen Roaring Twenties mit bitterböser Kritik überzieht – und das auf höchst lustvolle Weise.

Adam Fenwick-Symes ist ein Schriftsteller ohne Fortune. Sein Roman wurde als pornografisch eingestuft – und weil er nicht dem „Einheitsbrei" und „den üblichen Moralvorstellungen seiner Zeit entsprach", rundweg abgelehnt und letztlich vom Zoll konfisziert. Als ein Klatschkolumnist übelster Sorte, dessen Vorgänger Lord Balcairn sich nach einem skandalösen Artikel über Lady Metrolands Party im „Daily Excess" das Leben nahm, erfindet Fenwick-Symes schamlose Geschichten und bringt Leute ins Gerede. So kreiert er grüne Melonen und schwarze Wildlederschuhe zum Gesellschaftsanzug als letzten Dernier Cri. Beliebtestes Getränk ist Champagner, auch wenn er schon mal nicht bezahlt werden kann. Die Teilnahme an einem irrwitzigen Autorennen mit fatalen Folgen gehört zum guten Ton – wie auch das Spiel um das „Wer mit wem". Adams Kolumne, sie erscheint bezeichnenderweise unter dem Pseudonym Mr. Chatterbox („Schnatterkasten"), zeigt das Spiegelbild einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds; einer Spaßgesellschaft, die von Party zu Party taumelt, die das Leben auskosten will bis zum bitteren Ende. Ein Ende, das der Autor von „Lust und Laster" in zynischer Weise als „Happy End" bezeichnet. Denn es folgt der Krieg.

Entsprechend skurril und aberwitzig sind die Ereignisse, an denen Waugh uns teilnehmen lässt. Da ist die amerikanische Evangelistin Mrs. Ape, die mit einer Schar von „Engeln" mit Flügeln unterwegs ist, mit jungen Frauen, die fromme Lieder singen, die Chastity (Keuschheit) heißen und Männern den Kopf verdrehen. Sie sind überspitzt unanständig, oberflächlich und amoralisch – wie das übrige „Personal" des Romans auch. So Adam und seine Verlobte, die verwöhnte und etwas exzentrische Nina Blount. Heiraten kommt nur infrage, wenn Adam zu Geld kommt. Mal hat er solches in Aussicht, mal wieder nicht. Und so wird daraus eine Geschichte von Ja und Nein und Nein und Ja; eine Geschichte, in der sich Nina auch schon mal anders orientiert. Ihr wird vom Autor der bezeichnende Satz zugeschrieben: „Was für ein Trara, nur um miteinander zu schlafen! Was körperliche Lust angeht, würde ich lieber jeden Tag zum Zahnarzt gehen".

Letztlich ist der unheldischen Held abhängig von 35 Pfund, die er einem betrunkenen Major leiht; eine Summe, die sich irgendwann vervielfachen soll. Aber auch daraus wird nichts. Und so bleibt es nach einer Reihe von Irrungen und Wirrungen um die Ehe zwischen Adam und Nina bei einer Ménage à trois. Und Adam? Er landet am Ende auf dem Schlachtfeld. Noch einmal ein Glas Champagner und der desillusionierende Satz: „Ich gäbe alles in der Welt für etwas anderes". Ein denkbar pessimistischer Ausgang. Soll auch heißen: Es wird keine andere Welt geben und keine andere Gesellschaft als die, die der Moralist Evelyn Waugh so herrlich beschrieben hat.

Und so reiht sich in dieser Gesellschaft eine Episode an die andere. Der Jesuitenpater Rothschild spioniert gern und ungeniert herum. Ein verrückter, vertrottelter Alter, der Vater von Nina, unterschreibt Schecks schon mal mit dem Namen Charlie Chaplin und finanziert einen elenden und natürlich erfolglosen Historienfilm. Ein Verleger wird zur Schreckensfigur seiner Autoren. Der Ex-König von Ruritania hat einen Auftritt. Ein Ex-Premier vergnügt sich im Bordell, ein amtierender Premierminister muss zurücktreten, weil seine Tochter in 10 Downing Street eine „mitternächtliche Orgie" feiert, eine junge Frau schaukelte am Kronleuchter, Miss Runcible trug ein hawaiianisches Hularöckchen und Miss Mouse „sehnte sich danach, ihr Glitzerkleid bis zu den Hüften herunterzureißen und wie eine Bacchantin ... zu tanzen". Und das Haus von Lottie Crump, das Shepheard's Hotel, Treffpunkt dieser „Gesellschaft", ist eher eine Absteige, denn ein seriöses Hotel.

„Lust und Laster" ist ein großartiges Buch, und sein Autor Evelyn Waugh ein großartiger Erzähler von weltliterarischem Format. Er brennt im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk von irrwitzigen Einfällen ab; mit viel Liebe zum Detail, spottlustig und beileibe nicht ohne Häme. Er kennt seine Figuren in- und auswendig, vor allen in ihren Schwächen. Und er hat kein Mitleid mit ihnen.

Evelyn Waugh unterhält blendend und ist gleichzeitig mehr als nur ein literarischer Unterhalter. Er ist ein ernstzunehmender Chronist und ein hervorragender Gesellschaftskritiker. Die Lektüre dieses Romans verspricht in jeder Hinsicht Lust und Gewinn. Und es ist dem Diogenes Verlag zu danken, dass er jetzt „Lust und Laster" in der neuen, süffigen und wunderbar lesbaren Übersetzung von Pociao wieder aufgelegt hat.

© Günter Nawe

Evelyn Waugh: „Lust und Laster“. Diogenes Verlag, 288 S., 23,90 €