Unser Buch des Monats Juli 2015„Eine wirklich erlauchte Versammlung“: Manfred Flügge über „Das Jahrhundert der Manns“

Flügge Jahrhundert der Manns

Die Familie Mann – ein Mythos, ein Monument der deutschen Kulturgeschichte, eine Familie, von der ihr prominentster Vertreter Thomas Mann behauptete, dass sie „eine wirklich erlauchte Versammlung" sei, in der jedoch jedes ihrer Mitglieder „einen Knacks" habe. Und doch – und das wiederum sagte Marcel Reich-Ranicki – gibt es „in Deutschland im 20. Jahrhundert keine bedeutendere, originellere und interessantere Familie... als die Manns".

Unter dem anspruchsvollen Titel „Das Jahrhundert der Manns" hat sich Manfred Flügge dieser außergewöhnlichen Familie angenommen. Einer Familie, die er als einen bedeutenden Teil der deutschen (Literatur-) Geschichte des 20. Jahrhunderts sieht. Einer Geschichte auch, der fast alle Mitglieder auf ihre Weise etwas beizutragen hatten: literarisch und politisch – und das in Zeiten schwerster Konflikte, historischer Zäsuren, kriegerischer Auseinandersetzungen und unbeschreiblicher Verbrechen. „Sie hat dem Jahrhundert Glanz verliehen", trotz mancher Irrtümer, persönlicher Dramen, den Selbstmorden der Schwestern Carla und Julia und der Brüder Klaus und Michael Mann. Sie hat Höhen und Tiefen erlebt, den Verlust der Heimat ertragen müssen und das Exils. Exzentriker waren sie allenthalben – jeder für sich und auf seine Weise. Und doch haben sie sich immer wieder, vor allem während des Exils, als Familienverbund zusammengefunden.

„Was für eine sonderbare Familie sind wir. Man wird später Bücher über uns, nicht nur über einzelne von uns schreiben", so hellsichtig Klaus Mann. Ein solches Buch ist Flügges Epos über diese „sonderbare Familie". Und so lesen wir Privates und Öffentliches über das Leben der Manns, das sich immer auf der Bühne der Zeit abspielte. Es hat sich in politischen Stellungnahmen und vor allem in den literarischen Hervorbringungen niedergeschlagen. In den Werken von Thomas Mann, für die stellvertretend hier nur die „Buddenbrooks", „Der Zauberberg" und „Doktor Faustus" genannt seien; und von Heinrich Mann mit u. a. „Der Untertan" und dem „Henri Quatre".

Im Mittelpunkt dieses grandiosen Familienepos stehen die beiden großen Protagonisten Heinrich und Thomas – dieses Brüderpaar, dessen Konflikt legendär geworden ist. Flügge beleuchtet ihre persönliche Geschichte im Rahmen der Familiengeschichte, ihr literarisches Wirken und ihr politisches Engagement. Am Menschlich-Allzumenschlichen lässt er es nicht fehlen: Zwist unter und problematische Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Brüdern und Schwestern. Eros und Thanatos, Homosexualität und Drogen, das Jüdische und das Deutsche: Aspekte einer Familiengeschichte, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann, im Jahre 1955 mit dem Todes von Thomas Mann endete und doch immer noch kein Ende gefunden hat.

Als wüssten wir dies alles nicht schon, mag man denken. Aber Manfred Flügge ist ein exzellenter Kenner der Materie, vor allem ein Experte in Sachen literarisches Exil in Südfrankreich und Kalifornien (das in der Familiengeschichte der Manns natürlich auch eine historische Rolle spielte). Seine Biographien über Heinrich Mann und Thomas Manns' Sekretär Konrad Kellen sowie über die Malerin und Mann-Freundin Eva Herrmann und über Marta Feuchtwanger sind beste Belege. Kunden und Freunde der Lengfeld'schen Buchhandlung werden sich gern an die eine und andere Lesung zu diesen Themen erinnern.

Und so gelingt es Manfred Flügge auch mit diesem Buch, das „Jahrhundert der Manns" auf erzählerische Weise lebendig werden zu lassen. Zum Teil mit neuen Deutungen, interessanten Interpretationsansätzen und einer Fülle von Faktenmaterial. Auch wenn – und diese Einschränkung muss gemacht werden – es einige Fehler gibt und falsche Datumsangaben. So ist Thomas Mann am 12. August 1955 nicht morgens gestorben, sondern um acht Uhr abends. Fehler, die weniger dem Autor als mehr dem Lektorat zuzuschreiben sind.

Manfred Flügge versteht es hervorragend, persönliche Verhältnisse in einer aufregenden historischen Epoche, Werden und Vergehen einer Familien- und Schriftstellerdynastie, zu der auch letztlich die Pringsheims und Hedwig Dohm gehören, in Beziehung zueinander zu setzen. Er spricht dabei von einem „Königsweg zum Verstehen der Epoche". Wenn es auch ein steiniger Weg war. Denn: Zu den Manns zu gehören, so Klaus Mann, war ein „problematisches Glück". Und „Die ‚Manns, das ist eine Erfolgsgeschichte, die aus lauter kleinen Tragödien besteht" – ein Satz Flügges, den die Leser nach der Lektüre gern bestätigen werden.

In siebenundzwanzig mehr oder minder kleinen Essays erzählt Flügge also von all dem: Von den Zwistigkeiten und Gemeinsamkeiten der großen Brüder Heinrich und Thomas, von den Familienverhältnissen im Hause Thomas und Katia Mann und den verrückten Eskapaden der Sprösslinge Erika und Klaus, von den problematischen Umständen, in denen sich das Leben der anderen Kinder, oft wenig geliebt von den Eltern, abspielte: von Julia und Carla, von Golo und Michael. Den Enkel Frido eingeschlossen. Sie alle lebten und litten und schrieben im Schatten des großen Thomas Mann. Sie alle spielten Haupt- und Nebenrollen, manchmal gar eine Randexistenz in der Familiensaga „Die Manns" - was sie jedoch alle gemeinsam hatten: Sie haben wichtige, oft erfolgreiche Bücher geschrieben.

Lebensgeschichte und Werkdeutung: Manfred Flügge mit seinem Buch „Das Jahrhundert der Manns" hat einen schönen Mittelweg gefunden zwischen einer Familienbiographie aus lauter bedeutenden Einzelschicksalen, zwischen Chronik und Analyse und einer Werkgeschichte, die zugleich die weltliterarische Außergewöhnlichkeit, die politische Bedeutung und die historische Rolle dieser Superfamilie in ihrer Zeit deutlich macht.

Karl Kerényi hat einmal an Thomas Mann geschrieben: „Wie reich ist doch die Quelle Eures Lebens, daß davon Wildfremde ein ganzes Leben lang wie aus einem Jungbrunnen schöpfen können". Flügge hat sich aus dieser Quelle erfolgreich bedient. Zur Freude seiner Leser.

© Günter Nawe

Manfred Flügge, „Das Jahrhundert der Manns“. Aufbau-Verlag, 416 S., 22,95 Euro