Unser Buch des Monats Mai 2015Die ganze Stadt ein Liebesversprechen: Paul Nizon über Leben und Schreiben in Paris

Nizon Parisiana

„Er erinnert sich im Schreiben ureigenster Erlebnisse und Erfahrungen, so daß seine Bücher unverhüllte autobiographische Züge zeigen“. So Martin Simons über Paul Nizon. Und in der Tat: Bei diesem Autor sind einfach Leben und Schreiben untrennbar miteinander verbunden.

Nizon-Leser wissen, wovon die Rede ist: von den vielen wunderbaren Büchern dieses Schriftstellers, der 1929 in Bern geboren wurde, jedoch fast dauerhaft in Paris lebt; der mit Titeln wie „Stolz“, mit „Canto“  und dem großartigen Roman „Das Jahr der Liebe“ sowie den immer wieder lesenswerten Journalen zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren gehört.

Die meisten seiner Bücher hat Paul Nizon in Paris geschrieben. In dieser Stadt hat er „das Wagnis des Lebens und das Wagnis des Schreibens“ unternommen. „Indem ich mich in der Stadt verliere“, hat der Schriftsteller das gefunden, was er später als Ernte bezeichnen konnte. Was ihm deshalb Paris bedeutete und immer noch bedeutet, ist nachzulesen in dem kleinen, aber feinen Büchlein, das jetzt bei Matthes & Seitz erschienen ist und den schönen Titel „Parisiana“ trägt.

„Parisiana“ ist eine einzigartige Liebeserklärung an die Stadt. „Paris war ein Roman, und mit jedem Schritt durch die allerschönste der Städte trittst du in diesen Roman“. Paris aber war für ihn auch „Schreibwerkstatt“. In dem Kapitel “Meine Ateliers“ erzählt Paul Nizon von den „Schreibzufluchten“, die er immer wieder aufgesucht hat. "Erst in der Cella, der klandestinen Absonderung werde ich zu jenem Ich, das in meinen Texten das Wort ergreift und die Stimme erhebt. Offenbar muss ich mich in dieses Alter Ego verwandeln, um schreiben zu können“. Ein Beispiel: "'Im Bauch des Wals“ schrieb ich in unmittelbarer Nähe zum Friedhof Père Lachaise..."

Auf der Suche nach dem Geheimnis des Lebens und des Schreibens gelangte Paul Nizon 1973 nach Paris – in die Stadt, die ihm ab 1977 zum Lebensmittelpunkt werden sollte.  Hier – so schreibt er in „Das Jahr der Liebe“ - „war (ich) glücklich, elend glücklich, so ganz allein in Paris. Und ich war frei“. Diesem Paris macht er mit „Paris, mon amour“ eine wunderschöne, einzigartige Liebeserklärung.

So ganz allein allerdings sollte Paul Nizon bald nicht bleiben. Er lebt das Leben der Pariser Bohème mit ihren lockenden Versprechungen – und er folgt den (französischen) Frauen. Ihnen widmet er den „Exkurs über die französischen  Frau“. Denn „Paris ist die Stadt der hellsten Himmel und der weltlichsten Liebe“. Er liebt sie, die Liebe und die (französischen) Frauen. Und lässt es uns wissen in „Das Jahr Liebe“ und in allen anderen Büchern. Nizon ist ein großer Liebender, der glaubt, „daß bei mir das erotische Lebensgefühl oder besser, dessen Erwachen mit dem Erwachen des dichterischen Zwangs eins war“.

Und so führt uns der Autor, für den „die ganze Stadt ein Liebesversprechen“ ist, Kapitel für Kapitel durch sein Paris. Die Texte für „Parisiana“ hat Martin Simons im Einvernehmen mit dem Autor zusammengestellt – und am Ende ein kurzes, aber sehr interessantes Gespräch mit ihm angefügt. Die meisten Texte sind bereits veröffentlichten Büchern, den Romanen und Journalen entnommen. Bisher unveröffentlicht allerdings „Pariser Lebenslauf“, ein autobiographischer Text, in dem Nizon Paris attestiert, dass er im positiven Sinne ihr „Gefangener“ geworden sei. Am  26. Februar 1980 notiert er in London: „in Paris habe ich wohl alles Mögliche an Glanz, Hoffnung, Flitter verloren, aber ich habe diese poetische Existenz gefunden, die ich verteidige und für die ich bezahle, unter anderem mit Einsamkeit“. (Stadtdenken)

Bisher unveröffentlicht auch ein Text über Alberto Giacometti innerhalb des Kapitels „Figuren“ (Giacometti raumschauerlich.). Dieser Text ist eine Art kleiner Essay über einen großen Künstler, dessen Menschen (Figuren) „verloren im Raum“ den Künstler Nizon beeindruckt haben, denen er sich verwandt gefühlt hat.

Ein Text schöner als der andere, und in der Summe ist „Parisiana“ eines der sicher auch literarisch interessantesten Paris-Bücher. Deshalb: Wie sich Paul Nizon in  Paris verlieren konnte, so kann und wird sich der Leser in „Parisiana“ verlieren – vielleicht gar verlieben. Ist dieses kleine Buch doch eine hinreißende Hommage an die Stadt, die für den Autor als großes „menschliches Kunstwerk“ gilt, die er als ein Mythos erlebt – und von der er ein herrliches Zeugnis gibt. Der wunderbare Autor Paul Nizon hat in Paris das Geheimnis des Lebens und Schreibens gesucht. Er hat es gefunden. Und teilt es mit uns – seinen Lesern.

© Günter Nawe

Paul Nizon: Parisiana. Matthes & Seitz Verlag, 149 S., 14,90 €