Unser Buch des Monats Januar 2015Iwan Bunin erzählt von Liebe und Tod in der russischen Steppe

„So traurig es in dieser unverständlichen Welt auch ist, sie ist wunderschön“

Bunin Vera

In der südrussischen Provinz, in einer kargen Steppenlandschaft, in den Anfangsjahren des letzten Jahrhunderts spielen die traurigen und wunderschönen Erzählungen des russischen Literaturnobelpreisträgers von 1933 Iwan Alexejewitsch Bunin (geboren 1870 in Woronesch – gestorben 1953 in Paris). Es sind kleine Tragödien vom Leben, von der Liebe und dem Tod. In ihnen spiegelt sich der Kosmos menschlicher Wünsche, Hoffnungen und Ängste, Enttäuschungen, Einsamkeiten und Trennungen wider – und dies auf unnachahmliche Weise.

Ein Meister der kleinen Form war dieser Iwan Bunin, dessen so bedeutendes Werk wir nun in der vom Dörlemann Verlag herausgegebenen Werkausgabe lesen können: ausgesprochen schöne, bibliophile Bücher in blauem Leinen, mit eingelassenem farbigem Bild auf dem Cover. Fünf Bände sind bereits erschienen, von Thomas Grob hervorragend ediert und ebenso hervorragend von Dorothea Trottenberg übersetzt. Jetzt also und damit neu „Vera" (Erzählungen 1912).

Bunin entführt uns in eine Welt, die wir von Dostojewski und Tolstoi, von Tschechow und Gorki zu kennen glauben. Und doch ist sie dank der Schilderungen des Iwan Bunin ganz neu und ganz eigen. Er zeigt uns das ländliche Russland, das russische Dorf als Innenansicht. Und er erzählt von Menschen, die in dieser traurigen, unverständlichen Welt leben und lieben und sterben, in einer Welt, die dennoch „wunderschön ist".

So wunderschön, wie die Erzählungen - virtuos und einzigartig. Mit wenigen Worten gelingt es dem Autor, seine Protagonisten zu charakterisieren, ihnen deutliche Konturen zu verleihen. Alle sind durchweg skurrile Typen, denen gerade deshalb die Zuneigung des Autors und letztlich auch des Lesers gilt. Mit einer an Tschechow erinnernden Leichtigkeit stellt er sie in das Geschehen, in die unerhörten Begebenheiten seiner Geschichten, lässt er sie agieren und reagieren. Wie Sachar Worobjow, der „letzthin gestorben" ist. „Er war rotblond, bärtig und so viel größer und massiger als gewöhnliche Menschen..." und fühlte sich deshalb anderen Menschen überlegen. Aus dieser Überlegenheit, aus Selbstüberschätzung und Leichtfertigkeit lässt er sich auf ein Wetttrinken ein - und „starb völlig unerwartet".

Ignat, ein junger Kuhhirt, hat ein anderes Problem. Seine Frau Ljubka hält sich nicht nur einen Liebhaber, sondern wird, als sie in flagranti ertappt wird, ihren gehörnten Ehemann zum gemeinsam ausgeführten Mord an seinem Nebenbuhler anstiften. „Ein Verbrechen" – so der Titel einer weiteren Erzählung – begeht auch Jermil, der unter ständiger Angst vor einem Überfall leidet. Diese Angst wird zu einer Obsession, zu regelrechter Todesangst, die ihn dazu bringen, einen solchen „Überfall" selbst zu „inszenieren" und am Ende einen Menschen aus „Notwehr" tötet.

Etwas weniger tragisch ist die Geschichte von „Ein Fürst unter Fürsten". Ein reicher Bauer, Lukjan Stepanow, lebt, obwohl zu Wohlstand gekommen, nach wie vor und mit der Begründung „Wir sind Erdbewohner" in einer einfachen Hütte. Gerade deshalb aber fühlt er sich als „ein Fürst unter Fürsten".

Eine Liebesgeschichte der besonderen Art dann „Vera". Um eine Liebe geht es, die keine mehr ist, erfroren in der eisigen Landschaft und in den Seelen der Protagonisten. Vera und der Andrej Streshniov begegnen sich ein letztes Mal, bevor ihre Trennung endgültig ist. „Wie sicher ich mir vor fünfzehn Jahren war, daß ich ohne eine Minute zu zögern fünfzehn Jahre meines Lebens für ein Stelldichein mit ihr geben würde", erinnert sich Andrej. Und jetzt? Sie waren fünfzehn Jahre lang ein Liebespaar, ohne je ein Ehepaar gewesen zu sein. Darüber ist die Liebe erfroren. Erst war es eine unerwiderte Jugendliebe, dann wurde Vera, die es – so beklagt sie sich, nie zu einer richtigen Künstlerin gebracht hat, sondern nur zu einer „jämmerlichen Konzertpianistin", Andrejs Geliebte. So kamen Überdruss und Enttäuschung, der Zauber der jungen Liebe war längst verflogen.

Am Ende resümiert Streshniov: „Vera ich eigene mich nicht für eine Liebschaft. Ich bin ein alter Mann, es ist mir peinlich... Die Liebe ist Gift für uns, wir vertragen sie nicht....". Und Vera? „Leb wohl mein Lieber. Denk nicht schlecht von mir." – „Auf den kahlen, stellenweise steinigen Wiesen, in die er hinunterritt, war es beinahe heiß. Still leuchtete der Herbsttag mit einem blauen, klaren Himmel über ihm... Auf den Kletten saßen Distelfinken. So würden sie den ganzen Tag sitzen und nur hin und wieder auffliegen, den Platz wechseln und ihr stilles, schönes und vielleicht glückliches Leben woanders weiterführen."

In diesen einzigartig wunderbaren Erzählungen gibt es neben den Hauptfiguren einen weiteren Protagonisten: die russische Landschaft. Keiner vermag sie so schön und eindrucksvoll zu beschrieben wie Iwan Bunin. „.. knirschender Schnee unter schwarzblauem Himmel und die Sterne" und „Der Mond stand über den verlassenen , silberdunstigen Wiesen zur Rechten... die Traurigkeit und Schönheit des Herbstes". An anderer Stelle: „Hell leuchteten die jungen Triebe der Wintersaat, rosig schimmerten die Stoppelfelder ...". Es ist eine besondere Prosa, die Bunin schreibt, eine Prosa, die alle Sinne anspricht, mit der er zauberhafte Bilder schafft.

Konstantin Paustowski, Bunins russischer Kollege, hat einer früheren Ausgabe von Bunin-Erzählungen den schönen Satz vorangestellt: „So traurig es in dieser unverständlichen Welt auch ist, sie ist wunderschön." Besser kann man die Erzählungen Iwan Bunins kaum beschreiben: Traurig sind sie – und schön.

© Günter Nawe

Iwan Bunin: Vera. Erzählungen 1912. Dörlemann Verlag, 160 S., 21,90 €