Unser Buch des Monats Dezember 2014Lukrez - Wegelagerer der abendländischen Philosophie

"Atome und Leere, sonst nichts"

Lukrez

Was für ein schöner Anfang: „Mutter der Aeneaden, der Menschen und der Götter Wonne, Venus, Spenderin des Lebens, du bist es, die unter den ruhig gleitenden Zeichen des Himmels das schiffetragende Meer, das fruchttragende Land belebt...". Mit diesem Satz in der Prosaübersetzung von Klaus Binder beginnt das Lehrgedicht in Hexametern „Über die Natur der Dinge" (lt.: De rerum Natura) - eines der schönsten Bücher, ein literarisches und philosophisches Meisterwerk, und eines der merkwürdigsten Werke der klassischen Antike, das uns aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. überliefert ist.

Sein Autor Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez, lebte – man weiß es so genau nicht – von etwa 93-99 v. Chr. bis 53-55 v. Chr., wahrscheinlich in Rom. Er war ein Dichter und als Philosoph ein Epikureer. Klaus Binder nennt ihn einen „Wegelagerer der Philosophie". Einen Outsider, von dem wir nichts wüssten, hätte es nicht Poggio Bracciolini, einen der wichtigsten Humanisten der italienischen Renaissance, gegeben, der dieses außergewöhnliche Werk um 1417 herum für die Nachwelt „entdeckt" hat. Und dafür ist ihm nicht genug zu danken.

Lukrez vertritt die für die damalige Zeit revolutionäre These, dass die Welt aus „Atomen und Leere, und sonst nichts" bestehe. Deshalb brauche es weder einen Schöpfergott noch einen Demiurgen, der die Welt geschaffen habe. Außerdem sei das Universum unendlich. Unendlich sei daher auch der Raum. Und er behauptet, dass sich alles aus – wie er es nennt – Urelementen, sprich: Atomen, zusammensetze. „Nun aber, da ich gezeigt habe, dass die Elemente der Materie vollkommen undurchdringlich sind, dass sie umherfliegen, unzerstörbar und ungestört, ohne Anfang auch und ohne Ende....". Eine Kosmogonie, die natürlich nicht nur später im Widerspruch zur Kirche stand, sondern auch im Widerspruch zu seinen antiken Kollegen – zur Stoa, zu Anaxagoras und Empedokles.

Mit seinen Versen vermittelt Lukrez nicht nur seine eigenen Erkenntnisse und das Wissen der Zeit; das Buch „Von der Natur der Dinge" ist ein „Trostbuch", mit dem der Autor dem Menschen, den Lesern Gelassenheit empfiehlt; er nimmt ihnen die Furcht vor dem Tod und vor den Göttern. Seine materialistische Lehre, ein „weltoffener und sinnenfroher Text" (Klaus Binder), ist nichts anderes als ein Stück vorweggenomme Aufklärung und der Versicherung, dass Götter sich nicht in das Leben der Menschen einmischen, sie überhaupt nicht in der Lage dazu sind. Eine bis heute teilweise skandalöse Botschaft.

Die sechs Bücher dieses Werks - Von den Urelementen, Weiteres von den Urelementen, Von der Seele, Von den Sinnen, Von den Welten, Von Wundern und Schrecken unserer Welt (mit der Schilderung einer Pest in Athen) – vermitteln auch eine weitere Botschaft: Das höchste Ziel eines Menschen, aller Menschen und aller Lebewesen kann kein anderes sein als das Streben nach Lust. Und damit ist Lukrez, wenn man so will, in jedem seiner Verse ein Verfechter der Lehre des Epikur, ein Epikureer im besten Sinne des Wortes.

Es waren die Naturphänomene, die der Dichter, auch das war Lukrez, zu entmystifizieren suchte. Über sie, über Liebe und Tod, über die Wahrnehmung und wie dies alles mit allem zusammenhängt, spricht er mit seinem Freund Memmius und belehrt ihn – wie er später Newton und Einstein, Macchiavelli und Galileo und viele andere „belehrt" und begeistert hat. Und jetzt uns, die Leser dieser wunderschönen Ausgabe.

„Von der Natur der Dinge", dieses philosophische Poem in Hexametern des Lukrez hat Klaus Binder in brillante deutsche Prosa übertragen, ausführlich kommentiert und in dem kleinen Essay „Warum Lukrez lesen und wie" hilfreiche Hinweise zu Verständnis „eines der großartigsten und zugleich denkwürdigsten Werke der klassischen Antike" – so der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt - gegeben.

Dieses Buch ist eine traumhaft schöne Ausgabe für die man den Galiani Verlag nicht genug loben kann; ein kleines bibliophiles Ereignis auch dank der Ausstattung und der unvergleichlich leichten, ja erfrischenden Prosaübersetzung. Und das ist verdienstvoll und gut so.

Denn Lukrez hat uns auch heute noch viel zu sagen. Er hat eine Fackel entzündet und versucht in seinem Poem, den Politiker Memmius davon zu überzeugen: „Siehst du nicht auch, dass ein gerade erloschener Docht, bringst du ihn nah genug an eine zur Nacht brennende Lampe, aufflammt, noch bevor er diese berührt? Und ist es mit der Fackel nicht das Gleiche? Noch viele weitere Dinge gibt es, die aufflammen allein von der Hitze berührt, in einiger Entfernung schon, auch ohne dass man sie direkt ins nahe Feuer taucht. Eben dies, so müssen wir annehmen, geschieht auch bei jener Quelle." Welch ein passendes Bild und Schlusswort.

© Günter Nawe

Lukrez: Über die Natur der Dinge. In deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder. Galiani Verlag, 39,99 Euro