Unser Buch des Monats Oktober 2014Charles-Louis de Montesquieu, "Meine Reisen in Deutschland"

"Die Deutschen sind gute Leute." Ein französischer Schriftsteller im Wagen und zu Pferde durch Deutschland

Montesquieu Deutschland

Er tat das, was viele vor ihm und viele nach ihm taten: Er reiste. Und er schrieb darüber. Deshalb können wir nun erstmals und endlich auf Deutsch lesen, was Charles-Louis de Secondat Baron de la Brède et de Montesquieu auf seinen Reisen in Deutschland in den Jahren 1728-1729 erlebt, was er beobachtete, was er und wie er es kommentiert hatte. Und das ist eine höchst anregende, faszinierende und lehrreiche Lektüre.

War der Verfasser Charles-Louis de Montesquieu (1689-1755) doch schließlich nicht irgendwer. Dieser französische Adlige war ein berühmter Literat, ein geistreicher Autor, ein brillanter Satiriker, ein berühmter Rechtsphilosoph und immer auch ein wenig ein Dandy. Seine „Persischen Briefe" („Lettres Persanes") von 1721 wiesen ihn seinerzeit als Skandalautor aus und sind dennoch oder gerade deshalb heute noch eine empfehlenswerte Lektüre; seine staatsphilosophische Abhandlung „Vom Geist der Gesetze" ("De l'esprit des Lois", 1748) gilt als ein Standardwerk; die „Betrachtungen über die Ursachen der Größe der Römer und ihres Niedergangs" („Considèrations sur les causes de la grandeur des Romais es de leur décadence") waren eine verschleierte, dennoch sehr deutliche Kritik am französischen Absolutismus.

Alles das, was in seinem Werk in ausführlicher Form an Gedanken und Vorstellungen zu finden ist, spiegelt sich auch in „Meine Reisen in Deutschland" wider. Jürgen Overhoff, der sich um diese schöne Ausgabe als Herausgeber verdient gemacht, die Briefe und Notate ausgewählt, kommentiert und eingeleitet hat, schreibt in seiner Einleitung: „So bieten die Erlebnisse des französischen Barons einen überraschenden und an unvermuteten Wendungen reichen Einblick in das gesellschaftliche und politische Gefüge des deutschen Reiches im 18. Jahrhundert, einer bewegten Zeit, als das Reisen in der Mitte Europas noch mit vielen Fährnissen und Herausforderungen verbunden war."

Im Wagen und zu Pferde also durch Deutschland – mit zwischenzeitlichen Abstechern nach Österreich und Italien – aber immerhin lange genug, um einen guten Überblick und eine Fülle neuer Erkenntnisse zu erlangen. Begleitet wurde er nur von einem Diener und einem Freund, dem Baron James Waldegrave, britischer Botschafter in Wien und Diplomat des britischen Königs Georg II. in Hannover. Letzterem gelten besonders die staatspolitischen Überlegungen, vor allem zum Thema „Föderalismus", den Montesquieu in Deutschland beispielhaft praktiziert sah.

Immer wieder berichtete unser Reisender von Treffen mit bedeutenden Politikern und Philosophen, mit denen er sich vorwiegend über staatspolitische Erfahrungen austauschte. Dies auch immer in Richtung Frankreich, an dessen Politik er einiges auszusetzen hatte. Dies und mehr gehört zu der farbigen und abwechslungsreichen Darstellung seiner Deutschlandreise, einer Entdeckungsexpedition in die Welt des 18. Jahrhunderts.

Für Montesquieu war Reisen eine Quelle der Erkenntnis. So gehörten für ihn Reisen zu den grundlegenden Erfahrungen seines Denkens. In diesem Sinne reiste der französische Baron – zum Beispiel nach München und Augsburg, in das „rundherum schöne Land" Württemberg; in Heidelberg entdeckte einige interessante Kuriositäten, Mannheim empfand er als „schön und stark" und er weiß „Neues vom König von Preußen" auszuplaudern. Von „Kuhhändeln, Katholiken und Bienenkörben" wusste er ebenso spannend zu erzählen wie von "Narreteien und trügerischem Fachwerk". Er scheute in seinen Briefen und Reisenotizen also auch nicht vom Banalen zurück. Nach Vanessa de Senarclens gleichen diese Notate schon mal „einer Klatschpostille über die gehobenen Kreise, in denen er in Wien, München und Hannover verkehrte." Insgesamt bieten Montesquieus Reisenberichte interessante Einblicke in die vielfältigen Lebensbezüge und Alltagswelten der Deutschen im Zeitalter des Barock.

Sowohl die Reichsstadt Köln besuchte Charles-Louis de Montesquieu als auch das Kurfürstentum Köln. Minutiös listete er die Truppen des Kurfürstentums des Clemens August auf, befasst sich mit dem Hof – und stellt fest, dass der Kurfürst „ein schwacher Mensch", der ständig in Bewegung ist; und: er „liebt die Frauen ziemlich, hat einen Bastard". In diesem Kurfürstentum liegt auch Bonn, „eine erbärmliche, kleine Stadt", Köln dagegen „eine große und schöne Stadt und eine der ersten in Deutschland". Fast so schon wie Paris, fehlten doch nur die „faubourgs". In Köln hat der Baron auch „die große Kirche gesehen, ein sehr schönes gotisches Bauwerk....". Leider konnte er, stellte er mit Bedauern fest, St. Ursula, wo „nur die Elftausend Jungfrauen" ruhen, aus Zeitgründen nicht besuchen.

Und Deutschland und die Deutschen? „"Frankreich liegt nicht mehr in der Mitte Europas: Dort liegt Deutschland.", heißt es in „Mes Pensées" und „Die Deutschen sind gute Leute. Auf den ersten Blick wirken sie wild und grob. Sie sind Elefanten vergleichbar; zunächst wirken sie schrecklich, doch sobald man sie gestreichelt hat.... werden sie sanftmütig." Der Leser mag sich dazu seine eigenen Gedanken machen.

Gedanken hat sich auch Vanessa de Senarclens über Montesquieu und seine „Reisen in Deutschland" gemacht – und sie in einem wunderbaren und sehr kenntnisreichen Nachwort dem Buch angefügt. Mit diesen Gedanken und vor allem mit dem spannenden Buch des französischen Barons werden sich auch die Leser gern und mit Vergnügen und Gewinn beschäftigen.

© Günter Nawe

Charles-Louis de Montesquieu „Meine Reisen in Deutschland“
Klett-Cotta, 216 S., 22,- €