Unser Buch des Monats Februar 2014Das "Berliner Journal" des Max Frisch

"und Abend bei Grass. Nieren."

Frisch Berliner Journal
Max Frisch: „Aus dem Berliner Journal“
Suhrkamp Verlag
235 S., 20,- €

Volker Weidermann, exzellenter Frisch-Biograph, nennt die Aufzeichnungen Max Frischs „Nachrichten aus dem Totenreich". Und in der Tat. Die Auszüge aus dem „Berliner Journal" des Schweizer Autors (1911-1991) lesen sich so oder ähnlich. Kommen sie doch jetzt, über 20 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, auf uns. Herausgegeben von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser.

Nach 20 Jahren! „... dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke, gleichviel wann es dazu kommen könnte.", notierte Max Frisch im „Berliner Journal". Umso erstaunlicher und auch ein wenig unverständlich ist es, dass der Leser nur „Auszüge" dieses Tagebuchs zu lesen bekommt. War doch der Stiftungsrat der Max-Frisch-Gesellschaft per letztwillige Verfügung angehalten zu veröffentlichen. Warum also nur die Notate, die Max Frisch in den Jahren 1973 und 1974 (das gesamte „Berliner Journal" umfasst die Jahre 1973-1980) in Berlin gemacht hat? „Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen kann und soll diese private Chronik nicht veröffentlicht werden...", so der Herausgeber. Frisch hatte es wohl anders gewollt. Bleibt zu hoffen, dass es sich Stiftungsrat und Herausgeber noch einmal anders überlegen.

Dennoch: eine sehr verdienstvolle Edition, die nicht nur den Berlin-Aufenthalt von Max Frisch „erzählt". Die Aufzeichnungen – sozusagen als Fortsetzung der Tagebücher von 1946-1949 und 1966-1971 - sind, wenn auch oft nicht durchgearbeitet und nicht in allen Teilen überzeugend, ein bedeutendes literarisches Zeugnis. Sie sind Selbstbeobachtung und Reflexion, enthalten Alltagsnotizen und essayistische Texte. Und: Sie geben einen sehr interessanten Einblick in das literarische Leben im geteilten Berlin dieser Jahre.

Am 6. 2. 1973 notierte Max Frisch „Übernahme der Wohnung (Sarrazin Strasse 8) und Abend bei Grass. Nieren." Max Frisch ist mit Frau Marianne in Berlin-Friedenau angekommen, bezieht eine Wohnung in unmittelbarer Nähe von Günter Grass und trifft Kollegen, Freunde und Bekannte. Er ist auf der Suche nach Inspiration, nach neuen Orten und neuen Freundschaften. Und er beginnt – wieder einmal – Tagebuch zu schreiben. Eine für Frisch liebgewordene, ja notwendige Übung – vor allem dann, wenn seine schriftstellerische Tätigkeit stockt. Allerdings weiß er, „...dass ich nicht schreiben, weil ich anderen etwas zu sagen habe." Aber – er hat!

Zum Beispiel sehr viel über sich selbst, über seine Alter, über das er sich, was die kommende Jahre anbetrifft, so auslässt: „Das Bewusstsein, dass ich noch drei oder vier Jahre habe, brauchbare Jahre, aber es wird kein Alltagsbewusstsein, daher immer wieder Erschrecken". Das ist Resignation, auch Angst vor dem Alter, das ist auch der immerwährende Kampf gegen den Alkoholismus. Dabei ist er gerade 61 – und sollte noch fast zwanzig Jahre leben und arbeiten. Erst aber einmal heißt es: „Ich lebe jetzt ohne Vorsatz".

Noch aber lebt er – wenn auch „ohne Vorsatz"? - im geteilten Berlin, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. Sein Interesse bezieht sich nicht nur auf die geographische Teilung, sondern auch auf die „geteilte Literatur". Dabei macht Frisch erhebliche Unterschiede aus. Während ihn Westberlin, das ihn langweilt, nahezu kaum interessiert, entwickelt er geradezu ein Faible für Ostberlin. Hier, so glaubt er, wird die Kunst ernster genommen. Und wenn er im Radio die „Sprache der DDR" hört, ist er „froh".

In Ostberlin also sucht er Kontakte, führt er Gespräche, trifft er Kollegen. Es kommt zu häufigen Begegnungen mit Wolf Biermann, mit Christa und Gerhard Wolf und mit ost-berliner Verlagsleuten und Kulturfunktionären. Er trifft Jurek Becker und Günter Kunert, Kant und Strittmatter. Und Frischs Wahrnehmung: „Alle sind hier Kommunisten, aber die glaubwürdigen." Er zeigt sich, wenn auch nicht ganz unkritisch, fasziniert von der Offenheit der Gespräche und von der Diszipliniertheit. Aber auch von einer „Hackepetergemütlichkeit" ist an einer Stelle leicht ironisierend die Rede.

Die Porträts, die Max Frisch von Kollegen zeichnet, sind teilweise großartig. Günter Grass ist ihm geschätzter Kollege und Freund, dennoch stören ihn dessen regelmäßigen und allgegenwärtigen Kommentare zur Tagespolitik. Er sieht ihn als großen „Verlautbarer", „als könne er Aktualität ohne Grass nicht ertragen Wie heilt man ihn?" Auf Enzenberger wirft er einen ironischen Blick. Anders sein Verhältnis mit Uwe Johnson. Es ist geprägt von großer Achtung, fast von einer Art Zuneigung. Immer wieder kommt er auf ihn sprechen, trifft er sich mit ihm und seiner Frau Elisabeth. Und er notiert: „Es stimmt nicht, dass im Alter keine neuen Freundschaften mehr entstehen."

Ein Journal aus einer geteilten Stadt und in einem Teil zugleich eine bemerkenswerte literarische Skizze, in der Max Frisch seine Berliner Erfahrungen und Erlebnisse auf seine Heimatstadt Zürich überträgt. Eine Mauer trennt Zürich in Ost- und West-Zürich, in ein armes und ein reiches Zürich, verbunden zwar noch durch Brücken über die Limmat und getrennt durch langsam verrostenden Stacheldraht und einen Todesstreifen. Atmosphärisch dicht und sehr präzise beschreibt er die Führung eines ausländischen Gastes durch das geteilte Zürich.

Ein anderes Szenario bezieht sich auf ein Gerichtsverfahren über einen „seines Wissens völlig" unschuldigen Mann. Als es am Ende zu dem erwarteten Freispruch kommt, bleibt der Mann sitzen. „Er kann nur den Kopf schütteln. Der Mann ist sich selbst so unsympathisch geworden, grenzenlos unsympathisch". Diese Skizze finden sich später in „Blaubart" wieder.

In beiden Fällen ist Max Frisch wieder ganz der große Schriftsteller. Auch deshalb ist dieses „Berliner Journal" keinesfalls ein Nebenprodukt eines alternden Autors, sondern wie auch seine früheren Tagebücher ein wichtiger Bestandteil des Werkes von Max Frisch.

© Günter Nawe

Max Frisch: „Aus dem Berliner Journal“. Suhrkamp Verlag Berlin, 235 S., 20,- Euro