Unser Buch des Monats Januar 2014"Und nun auf, zum Postauto!!" Arno Schmidts Briefe - ein Zeichen seiner Unangreifbarkeit

"Also Schluß!!: ent-güll-tich-Schluß!"

Arno Schmidt Postauto
Arno Schmidt: „Und nun auf, zum Postauto!!“
Suhrkamp Verlag
295 S., 29,- €

Arno Schmidt: Der am 18. Januar 1914 geborene und am 03. Juni 1979 gestorbene Autor ist eine absolut singuläre Person unter den Autoren des 20. Jahrhunderts. Der Einsiedler von Bargfeld in der Heide, dem man nachsagte, er sei ein Gotteslästerer, Pornograf und Vaterlandsverräter; ein Workaholic, ein genialer Übersetzer, ein Schriftsteller und Erzähler, der mit viel Wortwitz, mit Ironie und Hintersinn schreibt, „von Mutter Natur ausdrücklich als 1 Gefäß für Worte angelegt"; dessen Werke zwischen Komödie und Tragödie anzusiedeln sind.... - Ein Kritiker, der selbst keine Kritik vertrug, egozentrisch und monoman... - Ein Worterfinder und Wortzertrümmerer, dessen Syntax, Grammatik, Orthografie und Interpunktion mehr als gewöhnungsbedürftig sind; einer, dem Form und Sprache mehr galten als der Inhalt. So war er: Kauz und Original, der sich nicht nur dem herrschenden Literaturbetrieb entzogen, sondern seine Abgeschiedenheit in seinem Bargfelder Refugium zum Prinzip erhoben hatte.

Die Lektüre vieler Bücher von Arno Schmidt ist schlichtweg ein literarisches Abenteuer. Und der Leser sollte schon die Kunst der Dechiffrierung beherrschen. Ein Beispiel gefällig? „Das sechste, was ich mach', iss'n Antrack bei'm Landrat: opp ich ma nich'n Mien'feld legn dürfte.

Oder – in „Kühe in Halbtrauer" zu lesen: Der Tagelöhner, in schlappem fahlem Leinenanzug... machte dann den ‚Prerußischen Parademarsch von 1910' vor: Da =Búffa Búffa Búffa Búff! - ... (Noch lange danach vernahmen wir hinter uns eyn schön new liet: >Ü berDei neHö henfeift der Winnt. Sokallt.<

In der Erzählung „Goethe und Einer seiner Bewunderer" stellt Goethe im fiktiven Gespräch mit Schmidt die Frage nach den besten deutschen Autoren. Eine Reihe von Autoren werden genannt, bis Schmidt augenzwinkernd auf sich weist und den eigentlich wichtigen nennt: „Schmidt".

Nicht alle sind mit dieser Selbsteinschätzung einverstanden. Nicht jeder konnte mit seinen Sprachkunstwerke, und das sind sie letztlich in der Tat, etwas anfangen. So hielten sich die Auflagen seiner Bücher – „Leviathan", „Brand's Heide", „Seelandschaft mit Pocohontas" (brachte ihm einen Prozess wegen Pornografie ein), „Das steinerne Herz", „Fouqué" - und sein Monumentalwerk „Zettel's Traum" – in Grenzen. Mit „Zettel's Traum" [A-3-Format, dreispaltig gesetzt, aus 120 000 Zetteln auf 1500 Seiten zusammenmontiert (?)] hat Arno Schmidt sein opus magnum geschrieben, das allerdings weniger gelesen, denn mehr als literarische Aktie und Spekulationsobjekt gekauft wurde.

Vor 100 Jahre wurde dieser einzigartige Autor also geboren. Immer wieder wird er da und dort genannt, aber irgendwie blieb er dann doch ein fast Vergessener. Und so bedarf es solcher Jubiläen, um wieder einmal den Blick auf ihn zu richten – bevor er wahrscheinlich bis zum nächsten Gedenktag wieder etwas aus dem Focus verschwinden wird. Leider.

Denn es ist schon ein beachtliches Werk, das Arno Schmidt hinterlassen hat – und einzigartig. Das gilt nicht nur für seine literarische Produktion. Das gilt auch für seine großartigen Übersetzungen aus dem Englischen: Stanislaus Joyce, James Fenimore Cooper, William Faulkner, Edgar Allan Poe. Was anfangs ein Brotberuf war, wurde später zu einer fast eigenständigen Leistung von hohem Rang. Ein Werk, das u. a. 1964 mit dem Fontane-Preis und 1973 mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a. M. ausgezeichnet wurde.

Am Ende wird es die mit J. P. Reemtsma gegründete Arno Schmidt-Stiftung sein, die seinem Werk das Interesse und die Aufmerksamkeit der literarischen Nachwelt sichert.

Über all das, über Leben und Werk gibt der wunderbarer Briefband „Und nun auf, zum Postauto!" Auskunft, der kürzlich als eine Edition der Arno Schmidt Stiftung erschienen ist. Vorzüglich ediert und von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach herausgegeben bietet dieser Band in seiner chronologisch geordneten Auswahl Briefe und Briefentwürfe, die zugleich Lebensbelege und literarische Zeugnisse sind. Sie vermitteln dem Leser ein „Gefühl der Unangreifbarkeit" (W. Martynkewicz) des Autors, der zugleich ein Meister der Selbstinszenierung war.

Seine Briefpartner waren vor allem Alfred Andersch, dem Schmidt sehr viel zu verdanken hat; mit seinem Rowohlt-Verleger Ernst Krawehl, mit dem er vordringlich um Honorare, Vorschüsse, Veröffentlichungstermine etc. stritt; mit Hans Wollschläger und seinem Freund Heinz Jerofsky. Heinrich Böll und Helmut Heißenbüttel, Hermann Hesse, Kasimir Edschmid und Jörg Drews sowie Martin Walser gehörten ebenso zu seinen Briefpartnern wie Behörden und Familienmitglieder. Es geht immer wieder um Geld, um Übersetzungsprobleme, um Wichtiges und Nichtigkeiten, Umzugsfragen sind zu klären (zum Beispiel musste er wegen eines Prozesses aus dem verhassten Rheinland-Pfalz ins liberalere Hessen ziehen). Ein geschärftes Augenmerk galt – ganz unliterarisch - dem gehassten Adenauer und der bundesdeutschen Restauration. Immer aber ging es direkt oder indirekt um das Werk, das diesen literarischen Schwerstarbeiter rund um die Uhr beschäftigte.

Die Korrespondenz war – wie das Werk – eine „mehrstimmiges Schreibe", manchmal bitter, dann wieder wortreich witzig, lakonisch und poetisch, immer in der eigenwilligen schmidtschen, in der „ver=schmidt=sten" Diktion.

„Also Schluß!!: ent-güll-tich-Schluß!Und nu, wo es zu spät ist; nun, als es dem unterm HügelLiegenden nichts mehr nützt; nun kommt das widerlichste aller Mischgetränke: das posthume Lob!" Nun, Arno Schmidt hat es sicher als verdient erwartet und darauf hin gearbeitet – und bekommt es nun. „Ent-güll-tich!"

© Günter Nawe

Arno Schmidt: „Und nun auf, zum Postauto!!“
Suhrkamp Verlag, 295 S., 29,- €