Unser Buch des Monats September 2013Peter Stamm: „Nacht ist Tag“

„Es ist alles noch da, nur ich bin weg“ Peter Stamm erzählt vom Ende eines Spiels und einem Neubeginn

Stamm Nacht
Peter Stamm: „Nacht ist Tag“
S. Fischer Verlag
256 S., 19,99 €

 

Auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013 hat Peter Stamm es nicht geschafft. Doch über die Auswahl der Bücher, die für diesen Preis nominiert werden, kann man sich immer vorzüglich streiten. Der neue Roman des Schweizer Autors hätte eine solche Nominierung, wenn nicht gar mehr, allerdings verdient. Für uns, die Mitarbeiter der Lengfeld’schen Buchhandlung, ist dieser Roman auf jeden Fall „Unser Buch des Monats“.

„Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte“, heißt es am Ende des Romans „Nacht ist der Tag“ von Peter Stamm; ein Shakespeare-Zitat und ein bedeutungsschwerer Titel, der einen schwierigen Weg aus der Finsternis, einen Weg aus der Vergangenheit ins Offene, in die Zukunft beschreibt.

Die bekannte Fernsehmoderatorin Gillian, eine schöne und erfolgreiche Frau, erleidet nach einer durchzechten Silvesternacht einen Autounfall, bei dem ihr Mann Matthias, mit dem sie sich zuvor noch gestritten hatte, ums Leben kommt. Sie selbst erwacht im Krankenhaus – mit einem völlig entstellten Gesicht. Wo einst ihre Nase war, klafft jetzt ein Loch. Gillian hat im wahrsten Sinne ihr Gesicht verloren. Statt jedoch unter diesem zum Teil selbst verantworteten Schicksalsschlag zusammenzubrechen, erfindet sich Gillian neu. 

„Gillian hatte immer gewusst, …dass sie in Gefahr war, dass sie irgendwann bezahlen musste für alles.“ Jetzt hatte sie bezahlt. Ihr Job, ihre Eltern, Matthias gehörten zu einem anderen Leben. „Es ist alles noch da, nur ich bin weg.“ Ein zentraler Satz, mit dem sich Gillian tröstet, nachdem sie das bisherige Leben, ein Leben vor dem Unfall, in Rückblenden noch einmal Revue passieren lässt. Ein Leben, wie sie feststellt, dass „eine einzige Inszenierung war“. Ein falsches Leben im richtigen?

Zu diesem „falschen“ Leben gehörten die Accessoires der Wohlsituiertheit, gehörte Geld und alles das, was man sich dafür kaufen konnte, gehörte Ansehen und Erfolg. Hinter dem schönen Schein allerdings verbargen sich Leere, Beziehungsprobleme und eine Menge Selbstzweifel.

Peter Stamm erzählt diese Geschichte in einem fast lakonischen Ton, leise und ohne falsches Pathos. Damit erreicht er eine große Intensität, die den Leser beeindruckt. Ohne großartig zu psychologisieren, gelingt es dem Autor, seelische Tiefen auszuloten. Und da, wo er seine Hauptfiguren demaskiert, denunziert er sie nicht. Auf diese Weise ist dem Schweizer Autor, der längst – mit Romanen wie „Agnes“, wie „Wir fliegen“ und „Sieben Jahre“ - in die erste Riege deutschsprachiger Schriftsteller gehört, ein eindringliches Buch gelungen. Einschließlich einer maßvollen Kritik am Kulturbetrieb und einem kritischen Blick auf eine Gesellschaft, in die Gillian als eine außerordentliche Protagonistin eingebunden war.

So gehört zum falschen Leben im richtigen dieser Gillian auch die Bekanntschaft mit dem Fotokünstler Hubert, der Frauen auf der Straße anspricht, sie nackt fotografiert und danach malt. Auch Gillian lässt sich nach anfänglichem Zögern fotografieren. Zugleich entsteht daraus eine Beziehung mit Folgen. Ihr Mann Matthias findet diese Fotos zufällig, es kommt an dem schon zitierten Silvestertag zum Streit, der mit der Unfallfahrt endet.

So ist letztlich dieser Unfall eine Art Katharsis, eine Reinigung. Denn es werden nicht nur die Risse in der Oberfläche im bisherigen Leben deutlich, es werden auch die Defizite spür- und sichtbar, die Identitätskrise, unter der Gillian zu leiden hatte. Das aber alles war gestern und „Nacht ist der Tag“. -  „Mehrmals  halb erwachen und wieder wegdämmern, auftauchen aus dem Schlaf  und zurücksinken in die Schwerelosigkeit… Trotzdem spürt sie, dass sie nicht allein ist. Die Zeit macht Sprünge. Als sie ein Rauschen hört, öffnete sie die Augen. Jetzt ist sie allein. An der Wand sind Reihen von Lichtpunkten, die vorher nicht da waren. Sie schließt die Augen, das Rauschen entfernt sich und verstummt“. – So Gillian nach dem Erwachen aus der Narkose.

Von da an beginnt das neue Leben. Noch hat sie eine Reihe von plastischen Operationen vor sich, noch muss sie den Weg finden in eine andere Wirklichkeit, zu ihren Eltern, zu einem neuen Beruf. Zu einer neuen Identität. Gillian bekommt ein neues Gesicht und einen neuen Namen. Aus Gillian wird Jill. Aus der bekannten Fernsehmoderatorin wird eine Entertainerin in einem Wellness-Hotel. Und die Beziehung zum Künstler und Liebhaber Hubert, der ebenfalls mit seinem bisherigen Leben so recht nicht zu Rande kommen wollte, lebt wieder auf. Alles dies „Lichtpunkte“ auf dem Weg in eine mögliche Zukunft. „Das Spiel war zu Ende. Sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte.“

© Günter Nawe

Peter Stamm: „Nacht ist Tag“
S. Fischer Verlag, 256 S., 19,99 €