Unser Buch des Monats August 2013Erika Schmied: „Peter Kurzeck. Der radikale Biograph“

"Zuständig für die Einzelheiten der Welt"

Kurzeck Biograph
Erika Schmied: „Peter Kurzeck - Der radikale Biograph“
Stroemfeld Verlag
216 S., 38,- €

 

„Wir phantasieren und träumen gerade das, was wir nicht leben, eben weil wir es nicht leben, aber gern leben würden. Deshalb denken wir uns ein andres Leben aus.“ So der Schriftsteller Mario Vargas Llosa über Literatur. Ganz anders dagegen sein deutscher Kollege Peter Kurzeck. Er muss nicht die Phantasie bemühen, um zu erzählen. Er erzählt „die Zeit“, erzählt von Orten und Landschaften, von Städten und Straßen, erzählt von Tieren und Menschen, von Schönheit und Bitterkeit, von seinen Lebensstationen – er „erzählt“ auf nahezu radikale Art und Weise gelebte und abgelebte Zeit, „auf das nichts verloren gehe“. Ums Bewahren geht es ihm. Er, der mit dem Fluch eines grandiosen Erinnerungsvermögens geschlagen scheint, fühlt sich „zuständig für die Einzelheiten der Welt“. 

Bewahrt hat Peter Kurzeck, der vor wenigen Wochen – am 10. Juni -  70 Jahre alt geworden ist, dies alles auf exemplarische Weise. Er hat es in einer großartigen autobiographischen Chronik getan: in „Vorabend“ und in „Oktober und wer wir selbst sind“ oder „Ein Kirschkern im März“ und in vielen beispiellosen und unvergleichlich schönen Hörbuchern (für Kurzeck gilt Schreiben und Sprechen gleich). Die Schauplätze seines Lebens werden literarische Topoi, sein  Erzählen, mündlich und schriftlich, zu Literatur im besten Sinne.

Seit über fünfunddreißig Jahren schreibt Peter Kurzeck an seinem Erinnerungs- und Selbstvergewisserungswerk. Und das – wie Wieland Schmied in seiner Laudatio zur Verleihung des „Großen Literaturpreises“ 1999 formulierte – in einer einzigartigen Sprache. „Sie geht bis an die Grenze dessen, was  Sprache überhaupt – in der Wiedergabe der Realität – zu leisten vermag“ (Schmied)..  Nicht ohne Grund hat man ihn als „deutschen Proust“ bezeichnet und immer mal wieder im gleichen Atemzug mit James Joyce genannt.

Diesem großartigen Autor ist unter dem Titel „Peter Kurzeck – Der radíkale Biograph“ eine wunderbare Hommage gewidmet; eine Fotodokumentation, die uns Peter Kurzeck in Wort und Bild „vorstellt“. Rund einhundertdreißig Schwarzweiß-Aufnahmen in Zusammenhang mit klug ausgewählten Textpassagen aus dem monumentalen Werk entführen Leser und Betrachter zu den Lebensstationen Tachau und Staufenberg, Prag, Lollar, Frankfurt/Main, Bergen-Enkheim, wo er Stadtschreiber war, und Uzès; sie zeigen ihn mit Familie und Freunden. Zu sehen ist seine Tochter Carina, bisher nur in seinen Texten gegenwärtig, jetzt also auch im Bild. Ebenso die Familie und weitere Personen, die wir aus seinem Werk kennen. Und immer wieder Peter Kurzeck selbst – in sehr persönliche Aufnahmen von großer Eindringlichkeit.

Herausgegeben hat diesen schönen Band die Fotografin Erika Schmied, die unter anderem auch bekannt geworden ist durch ihre Porträts von Thomas Bernhard. Sie hat Orte und Schauplätze immer wieder aufgesucht, fotografiert und um Familienaufnahmen und Fotos von Ute Schendel ergänzt. Mit sehr interessanten Textbeiträgen zu einzelnen Lebensstationen bringen uns zudem Manfred Papst und Thomas Meinecke, Beate Tröger und Wieland Schmied sowie Wend Kässens im Gespräch mit Pater Kurzeck den Schriftsteller Peter Kurzeck näher.

Es gibt eine Passage aus dem Roman „Vorabend“, in der es – in typischer Kurzeck-Diktion - um ein Geburtstagsgeschenk geht: „Die Frau Vogel – Emmi. Elly, Marianne – weiß nicht nur, was das Geburtstagskind gern hätte, sondern auch, was die anderen schenken. Damit man nichts doppelt – aber will, mit anderen verglichen, auch nicht zu ärmlich dastehen. Im Notfall kann man immer eine Sammeltasse, schön und praktisch. Die Frau Vogel weiß von jedem Haus. Welches Porzellanmuster – Rosen, Zwiebel, blaue Blümchen und Goldrand.“

Peter Kurzeck dürfte dieser Band als „Geburtstagsgeschenk“ sicher sehr gefallen. Und dem Leser ebenfalls. Im übertragenen Sinne ist dieses wunderbare Buch „eine Sammeltasse… mit Goldrand“.

Erika Schmied: „Peter Kurzeck. Der radikale Biograph“

Stroemfeld Verlag, 216 S., 38,- €