Unser Buch des Monats Juli 2013Jose Saramago: „Claraboia“

Die Vielfalt des Lebens. José Saramago oder „Wo das Licht einfällt“

Saramago Claraboia
José Saramago: „Claraboia“
Hoffmann & Campe
352 S., 22,99 €

1998 erhielt José Saramago (1922 – 2010) den Literatur-Nobelpreis. In seiner Dankesrede erwähnte er seinen Großvater, der weder lesen noch schreiben konnte. Er hielt ihn dennoch für den weisesten Menschen, den er in seinem Leben kennengelernt habe. In dankbarer Erinnerung an diesen Jerónimo Hilário hat der Schriftsteller 1953 seinen ersten  Roman „Claraboia“ geschrieben. 

Einen Roman, der erst einmal überhaupt nicht veröffentlicht wurde. Er galt als verschollen – und nicht einmal Saramago könnte sich daran erinnern. Als er – durch einen Zufall - 1999 das Originalmanuskript wieder in den Händen hatte, nahm er sich allerdings sehr viel Zeit mit der Entscheidung, „Claraboia“ herauszugeben. Darüber starb José Saramago – am 18. Juni 2010. Jetzt können wir dieses meisterhafte Buch in der hervorragenden Übersetzung von Karin von Schweder-Schneider endlich lesen.

Dies die kleine Geschichte eines großartigen Buches. So großartig, dass wir diesen Roman zu „Unserem Buch des Monats“ Juli erklären wollen. Ein Debütroman, der bereits so meisterlich, trotz mancher kleinerer Schwächen, ist, dass er sich nahtlos in die Reihe der großen Bücher des portugiesischen Dichters einfügt.

„Er versucht, in Gleichnissen eine fliehende Wirklichkeit sichtbar zu machen.“, so das Nobelpreiskomitee 1998 über die Literatur von José Saramago. Gleichnishaft ist auch das Geschehen in „Claraboia“, in der eine „fliehende Wirklichkeit“ festgehalten wird. Und zwar durch das Oberlicht – und nichts anderes bedeutet claraboia -, das durch ein Dachfenster einfällt. Das genau  ist auch die Position des Erzählers, der uns so auf die Schicksale, in die Lebenswelten der Bewohner eines Mehrfamilienhauses im Lissabon der 50er Jahre blicken lässt.

Schicksale, geprägt von Armut und realen und irrealen Ängsten und politischen Einflüssen in Zeiten der Salazar-Diktatur. Kleinbürger, kleine Selbständige, die Prostituierte Lidia, ein wenig anrüchig sympathisch, das Ehepaar Emilio und Carmen, aus deren anfänglicher Liebe ein Rosenkrieg geworden ist, die jungen Frauen Isaura und Adriana und ihre Tante Amélia, für die Kultur eine Art Lebenselixier geworden ist – ein Romanpersonal, an dessen Schicksal der Leser mit viel Empathie teilnimmt. Um Hass geht es und um Begehren, um Eheprobleme, ein wenig auch um Liebe und Kunst und vor allem um die alltägliche Not. Kurz um die Vielfalt von Leben und Welt.

Besonders im Gedächtnis mag der kluge Schuster Silvestre bleiben, ein philosophischer Kopf mit sokratischer Lust am Dialog, den er in aller Ausführlichkeit mit seinem Untermieter Abel führt. Sie versuchen sich gegenseitig die Welt zu erklären – und lassen uns daran dank Saramago teilhaben.

Der Autor beschreibt diesen Mikrokosmos mit seiner später so sehr bewunderten Menschlichkeit, mit viel Mitgefühl und großem Gespür für die Sorgen seiner Helden, manchmal auch mit Wut, dann wieder lakonisch und sehr poetisch. Er hat Licht  in diese kleine Welt gebracht und von der Vielfalt des Lebens erzählt. Auch wenn „der Tag, an dem es möglich sein wird, auf Liebe zu bauen“, noch nicht gekommen ist. Sicher wollte José Saramago bereits mit diesem Frühwerk schreibend die Welt verändern – zum Besseren. Es ist ihm mit „Claraboia“ sicher ein Stück weit gelungen. 

Und so sollten wir uns zum Schluss dieser Empfehlung den folgenden Satz des großen Dichters José Saramago zu Herzen nehmen: „Ein Mensch muss vor allem lesen, etwas oder soviel er kann, mehr soll man von ihm nicht verlangen, angesichts der Kürze des Lebens und der Vielfalt der Welt.“ Dieses Buch ist bestens dazu geeignet.

© Günter Nawe

José Saramago: „Claraboia“
Hoffmann & Campe, 352 S., 22,99 €