Unser Buch des Monats Juni 2013Pierre Bost: „Ein Sonntag auf dem Lande“

Ankunft und Abschied an „einem Sonntag auf dem Lande“

Bost Sonntag
Pierre Bost: „Ein Sonntag auf dem Lande“
Dörlemann Verlag
157 S., 16,90 €

 

Es ist ein Sonntag vor dem Ersten Weltkrieg, wie es schon viele seiner Art gab. Der Maler Urbain Ladmiral lebt auf dem Lande. Einst - in jungen Jahren - ein erfolgreicher und gefeierter Künstler, hat er sich – mittlerweile etwas aus der Mode gekommen – in ein Haus in der Nähe von Paris zurückgezogen. Ein nicht ganz glückliches Retíro, ein Ort des Rückzugs, in dem er der Vergangenheit nachtrauert, sich selbst bedauert. Ladmiral ist ein Künstler, ein mehr oder weniger Übriggebliebener, der mit seinen sechsundsiebzig Jahren die (Kunst-) Welt nicht mehr so ganz versteht oder besser: verstehen will, sie aber geduldig und mit einem gehörigen Maß an Toleranz betrachtet.

Pierre Bost (1901-1975), ein bedeutender französischer Schriftsteller,  hat diesen kleinen impressionistischen Roman „Ein Sonntag auf dem Lande“ – im Original: „Monsieur Ladmiral va bientôt mourir“ – im Jahre 1945 geschrieben. Gleichzeitig hat Bost mit diesem Buch Abschied von der Literatur genommen und sich nur noch dem Film gewidmet. Einen entzückenden Film hat auch Bertrand Tavenier aus Bosts literarischem Kleinod unter dem Titel „Ein Sonntag auf dem Lande“ gemacht.  

Jetzt endlich hat der rührige Dörlemann-Verlag, der sich einen Namen für besonders gute und schöne Bücher gemacht hat, diese Trouvaille, dieses kleine Juwel der Literatur, erstmals auf Deutsch veröffentlicht. Und die Leser werden es ihm danken.

Abschied hat wie sein Schöpfer auch Monsieur Ladmiral genommen - von seinen Erfolgen, von seinem nun verblassten Ruhm. Dennoch geht er nach wie vor und Tag für Tag in sein Atelier, wo er von seinen Erinnerungen lebt, von der „Suche nach der verlorenen Zeit“ und von der Einsicht „Ich hatte nur einen Fehler. Mir mangelte es an Mut.“ An Mut, andere, bessere Bilder gemalt zu haben, die ihm Nachruhm gesichert hätten.  

Und irgendwie hat er auch sein Zeitgefühl verloren. So beharrt er störrisch darauf, dass sein Haus „acht Minuten vom Bahnhof entfernt“ liege. Verbitterung allerdings ist ihm fremd. Umso näher die Gelassenheit des Alters. Eine wunderbare Figur, die Pierre Bost gezeichnet hat.

Die zitierten „acht Minuten vom Bahnhof entfernt“ stehen für Beharrung, für Uneinsichtigkeit, für das Störrische, das vor allem Monsieur Ladmiral auszeichnet, der am Ende seines Lebens am meisten seinen Mittagsschlaf schätzt. 

Ewig also die gleichen langweiligen Rituale, Sonntag für Sonntag: Man kommt an - aus Tradition, Pflicht und Zuneigung zum Vater und Großvater. Gonzague, der Sohn, redet über dies und das mit dem Vater, die Schwiegertochter absolviert den obligatorischen Kirchenbesuch, die Kinder spielen und die Haushälterin Mercèdés geht ihrer Aufgabe nach. Dazwischen aber auch immer wieder Spannungen, Unaufmerksamkeiten und Irritationen zwischen Kindern und Eltern und den Geschwistern. Dazu die Reflexionen des Alten, dessen zu Ende gehendes Leben wie in einem Zeitraffer abläuft. Und dann wieder Abreise. Sonntag für Sonntag.

Bis an einem Sonntag plötzlich die Tochter Irène auftaucht. Statt der ersehnten und erwarteten „Ruhe“  kommt Unruhe auf. Das, was als routiniertes Sonntagsereignis gilt, das den Familienzusammenhalt unter Beweis stellt, steht plötzlich infrage. Irène, die Unangepasste, hat den Mut, dem Vater seine schlechten Bilder vorzuwerfen. Sie ist es, die auf dem Dachboden in einer alten Truhe schöne alte Stoffe entdeckt, als seien sie Zeugen einer besseren, einer lebendigeren Vergangenheit. Iréne, die zügellos lebt und das ganze Gegenteil des Bruders ist, der dem Vater nur nach dem Munde redet. Sie allerdings ist es, die der alte Maler liebt, der er letztlich alles durchgehen lässt, ihr sogar zustimmt, wenn sie sich kritisch äußert. Das also geschieht an „einem Sonntag auf dem Lande“. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Leser fühlt sich bei der Lektüre sehr an Tschechow erinnert.

Dann reisen alle ab, und der Maler ist wieder allein. Den Abschied kommentiert er mit dem schönen Satz: „Wie schön die aufkommende Nacht doch war. Die Farben waren bezaubernd, perlweiß und leicht granatrot, mit einem Band in Mandelgrün, das so gespannt war, als wäre es mit der Reißfeder gezogen. Man würde es nicht wagen, das zu malen.“

Pierre Bost erzählt die wunderbare und sehr feinsinnige, oft auch hintergründige Geschichte ganz leicht, mit ironischen Brechungen und mit viel Empathie für seine Figuren; in Sätzen von wunderbarer französischer Elégance. Er erzählt von „einem Sonntag auf dem Lande“, wie aus einer anderen Zeit und von einem Sonntag, wie ihn der eine und andere Leser schon selbst erlebt haben mag. Hier aber wird dieser Sonntag zu einem literarischen Ereignis und zu einem faszinierendem Leseerlebnis. 

© Günter Nawe

Pierre Bost, „Ein Sonntag auf dem Lande“, Dörlemann Verlag, 157 S., 16,90 Euro