Unser Buch des Monats Mai 2013Martin Geck: „Richard Wagner“

„Wagner auf die Schliche kommen?“ Martin Geck über die „Fülle des Lebens“ bei Richard Wagner

 

Es „wagnert“ allenthalben – aus Anlass des 200. Geburtstags Richard Wagners am 22. Mai 2013. Nicht nur in den Opernhäusern dieser Welt, sondern auch bei den Verlagen. So sind schon mal einige durchweg interessante und lesenswerte Bücher erschienen wie „Mythos Wagner“ (Udo Bermbach), „Der Magier von Bayreuth“ (Barry Millington), Kerstin Deckers „Wagner und Nietzsche“. Und Christian Thielemann bekennt ganz persönlich „Mein Leben mit Wagner“. Sie und mehr wollten und wollen diesem „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter“ (Thomas Mann) auf die Schliche kommen. Diesem Genie, an dem sich die Geister scheiden, das bis heute polarisiert und das einst erst Freund, dann Feind Friedrich Nietzsche hinterfragt hat: „Ist Wagner ein Mensch? Oder eine Krankheit?“

Nun – er mag das eine und das andere gewesen sein. Martin Geck geht es in seiner großen Wagner-Biographie jedenfalls nicht darum, Wagner auf die Schliche zu kommen, „sondern mir selbst  und meiner Zeit“. Außerdem will Geck mit den üppig sprudelnden Wagner-Quellen sinnvoll umgehen und „…eine Brücke [...] schlagen zwischen einstigen und gegenwärtigen Wagner-Diskursen…“.

Und dies ist Martin Geck, der nicht nur ein ausgewiesener Wagner-Spezialist ist, sondern auch mit einer epochalen Bach-Biographie, einer vielbeachteten Mozart-Biographie und einer bedeutenden Schumann-Arbeit  Aufsehen erregt hat, bestens gelungen. Sein Ansatz ist die Fragestellung, was uns heute an Wagner fasziniert bzw. “Was treibt uns, wenn wir Wagner nahekommen oder uns von ihm abwenden?“ Und er bekennt: „Gehe ich, was Wagner betrifft, von meiner eigenen Wahrnehmung aus, so erlebe ich Faszination und Grauen in einem empfindlichen Gleichgewicht.“

So zeichnet sich dieses Buch durch eine sehr persönliche Note aus. Bei aller Gelehrsamkeit, bei aller wissenschaftlichen Akribie erfreut und erfrischt das Eingeständnis der Subjektivität und der Vorläufigkeit. Unter diesem Gesichtspunkten begibt sich der Autor auf den Weg durch das Werk des umstrittensten zugleich aber auch bedeutendsten Komponisten der letzten Jahrhunderte. Gesehen, gelesen, gehört vor dem Hintergrund seiner Zeit und im Spiegel der unseren. Das macht dieses Buch so lebendig und lesbar – gleichgültig wie der Leser zu Richard Wagner steht.

In diesem Sinne sind die einzelnen Kapitel dieser Biographie Programm. Von der „theatralischen Urszene: Von Leubald zu den Feen ist die Rede, von „’Tiefe Erschütterung’ und ‚heftige Umkehr’: Der fliegende Holländer“, vom Lohengrin als „Märchenstunde mit bösen Folgen“, vom Ring des Nibelungen „als Mythos des 20. Jahrhunderts“; “Eine prachtvolle, überladene, schwere und späte Kunst“ Die Meistersinger von Nürnberg;  Auf ähnliche Weise ist von Tristan und Isolde („Eine mystische Grube zur Freude einzelner“) die Rede und vom Parsifal mit der schönen Überschrift: „Du wirst sehen, die kleine Septime war nicht möglich“.

Geck ist auf der Spur der Leitmotive im Leben Richard Wagners. Und alle Betrachtungen und Deutungen – sie sind durchweg philosophisch, musiktheoretisch und kulturhistorisch - der Werke stellt er immer auch in den  Kontext der Lebensgeschichte Richard Wagners. Das betrifft den Künstler und den Revolutionär, den Schriftsteller und den Antisemiten, den ewigen Schuldner, ständig auf der Flucht vor seinen Gläubigern, der immer irgendwann auch Krach mit Freunden und Gönnern bekam, den Mann, der die Frauen liebte und immer wieder Probleme mit ihnen hatte. Richard Wagners Leben ist vergleichbar einem Opernlibretto – angefangen von der Geburt  am 22. Mai 1813 in Leipzig bis zu seinem Tode am 13. Februar 1883 in Venedig. Denn:  Bei Richard Wagner ging es immer ums Ganze, um „die Fülle des Lebens“ und um die Idee des Gesamtkunstwerks.

Martin Geck beschönigt bei aller Faszination am musikalischen Schaffen des Meisters aus Bayreuth nichts. Auch und vor allem nicht seinen Antisemitismus, der in dem Wagner’schen Pamphlet, in der unseligen Schrift „Das Judenthum in der Musik“ so erbärmlichen Ausdruck fand. Dabei war seine Haltung doch ambivalent. So zu den Juden in seinem direkten und indirektem Umfeld. In kleinen, sehr interessanten À propos wird diese Ambivalenz deutlich.

Martin Gecks Biographie fördert auf herausragende Weise Verständnis und vermittelt Erkenntnis. Auch letztlich dem Leser, der keine Noten lesen kann, von denen es – und das ist der einzige Einschränkung, die gemacht werden muss - allerdings einige gibt. Sie „erklären“ sich jedoch weitestgehend aus dem Text. 

Nach der Lektüre wird auf jeden Fall auch leichter zu reden sein über Wagner und die Folgen in der Musik und über die Auswirkungen in der Politik bis in die heutige Zeit hinein.

© Günter Nawe

Martin Geck: „Richard Wagner“
Siedler Verlag, 413 S., 24,99 €