Unser Buch des Monats April 2013Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“

„Östlich der Sonne und westlich vom Mond“. Vladimir Jabotinskys Roman – eine tragische Familiengeschichte

Jabotinsky Fünf
Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“
Die Andere Bibliothek
287 S., 22,- €

„Ich werde Odessa wahrscheinlich nie wiedersehen, Schade, denn ich liebe diese Stadt….Ich erinnere mich, dass ich immer freudig erregt war, wenn ich ins Ausland fuhr, und stets ungern zurückkehrte… Aber Odessa – das war etwas anderes... etwas, das ist nicht vorbei und wird nie vorbei sein“. So beschreibt Vladimir Jabotinsky Odessa:  zärtlich, wehmuts- und sehnsuchtsvoll. Diese „Stadt mit dem seltsamen Namen, der klingt wie aus einer alten Sage über ein Reich „östlich der Sonne und westlich vom Mond“. Und: „Alles, was es auf der Welt gibt, ist Zärtlichkeit: Das Mondlicht, das Plätschern des Meeres und das Rauschen der Bäume, der Duft der Blüten und die Musik – das alles ist Zärtlichkeit. Es war eine komische Stadt, aber auch ihr Lachen ist Zärtlichkeit“.

Wir „kennen“ Odessa aus der Literatur und erinnern uns an Isaak Babels schöne „Geschichten aus Odessa“, an Edmund de Waals wunderbaren Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“, in dem Odessa eine wichtige Rolle spielt, und an viele andere Geschichten. Keiner aber hat dieser Stadt am Schwarzen Meer eine so großartige Liebeserklärung gemacht, wie der Odessit Vladimir Jabotinsky. Mit seinem Roman „Die Fünf“ ist ihm zugleich ein unvergleichlicher Nachruf auf „jenes Odessa“, das „es vermutlich längst nicht mehr gibt…“, gelungen.

Diese Stadt also ist die Kulisse, vor dem der außergewöhnliche Roman des russischen Autors, und Feuilletonisten, des Juden und Zionisten Vladimir Jabotinsky spielt. Odessa, seine Stadt, in der er 1880 geboren wurde, in der er Kindheit und Jugend verbracht hat, ist in diesem Roman zu einem unverwechselbaren literarischen Topos geworden, in dem eine tragische Familien-, Gesellschafts- und Zeitgeschichte spielt.

Jabotinsky hat diesen Roman, der nun – man muss sagen: endlich – auch in deutscher Sprache vorliegt, 1936 in Paris geschrieben. Aus seiner Erinnerung heraus erzählt er die Geschichte der Familie Milgrom, einer jüdischen Familie im bürgerlichen Odessa zu Beginn des 20. Jahrhunderts und damit kurz vor der russischen Revolution sowie in den politischen und kulturellen Wirren dieser Zeit. Die Stadt ist kosmopolitisch, multilingual, sie ist russisch und ukrainisch, jüdisch und griechisch, armenisch und deutsch – ein melting point. 

In dieser Stadt leben „Die Fünf“ – fünf Geschwister der jüdischen Familie Milgrom: Marussja, Serjosha, Marko, Lika und Torik. Von ihnen erzählt Vladimir Jabotinsky, erzählt der Ich-Erzähler und Alter Ego des Autors - und von ihren so unterschiedlichen Lebensläufen. Da ist vor allem Marussja, rothaarig und mit großem Dekolleté, eine „Blüte der Dekadenz“, die immer gern küsst – und geküsst wird. Sie sollte später einen sinnlosen Tod sterben. Serjosha, hochbegabt und ein Hallodri, wird am Ende zum Verbrecher; Lika mit den abgekauten Fingernägeln entfernt sich von der Familie, bricht jeglichen Kontakt ab und landet beim Geheimdienst. Marko stirbt wie seine Schwester einen sinnlosen Tod. Und Torik, der Fleißige und Anständige, wird Christ.

Alles ist im Fluss. Die Familie und jedes ihrer Mitglieder erleben sich und werden aufgerieben zwischen jüdischer Identität und notwendiger Assimilation; die Stadt ist im vorrevolutionären Umbruch. Sozusagen die letzten Tage im alten Odessa. Danach wird alles anders sein.

Mit dem Schicksal der Geschwister ist auch das Schicksal der wohlhabenden jüdischen Familie Milgrom besiegelt. Es ist der tragische Verfall einer Familie, der hier beschrieben wird. Und er steht für den Verfall der alten und den Beginn einer neuen Zeit, einer vorrevolutionären Epoche, die unter anderem durch das historische Ereignis um den Panzerkreuzer Potemkin charakterisiert ist.

Vladimir Jabotinsky will dies alles festhalten: das alte Odessa und altes, was mit der Stadt und ihren Menschen geschehen ist. „Das Leben ist dumm… aber wunderbar: Böte man mir an, es zu wiederholen – ich würde es wiederholen, haargenau so, wie es war, mit allem Unglück und allen Scheußlichkeiten, wenn ich es nur noch einmal in Odessa beginnen könnte.“, schreibt Jabotinsky.

Er wiederholt dieses „dumme Leben“ in diesem wunderbaren Roman. Dafür steht dem Autor die gesamte Klaviatur schriftstellerischen Könnens zur Verfügung. Melancholisch und poetisch ist der Grundton seines Erzählens. Jabotinsky weiß virtuos und in  einer sehr bildhaften Sprache zu erzählen. Aus vielen kleinen Mosaikstücken setzt er ein faszinierendes Gemälde zusammen. Er liebt seine Figuren und macht sie auch dem Leser liebenswert. Er liebt seine Stadt Odessa – und „singt“ ihr ein Lied der Sehnsucht. Und Erinnerung. Ein sehr schönes „Lied“. So bleibt das Odessa von damals in diesem und durch diesen Roman lebendig. Und der Roman selbst? Er wird bleiben als großartiges literarisches Zeugnis.

© Günter Nawe

Vladimir Jabotinsky: „Die Fünf“
Die Andere Bibliothek, 287 S., 22,- €