Unser Buch des Monats März 2013Karl Philipp Moritz: „Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788“

„Das Dort ist nun Hier geworden!“

Moritz Italien
Karl Philipp Moritz: „Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788“
Die Andere Bibliothek
687 S., 40,- €

„Das DORT, ist nun HIER geworden, mein Lieber!“  So beginnt „Reisen eines Deutschen nach Italien in den Jahren 1786 bis 1788“, einer der spannendsten und interessantesten literarischen Reiseberichte. Dieser Deutsche war kein Geringerer als Karl Philipp Moritz (1756-1793), Autor des berühmten, des ersten psychologischen Romans, des „Anton Reiser“. Dieser Roman und seine Wanderungen durch England („Reisen eines Deutschen in England  im Jahre 1782“) fanden ein reges Interesse in der literarischen Gesellschaft seiner Zeit – u. a. bei Goethe.

 Bei der Datumsangabe 1786 bis 1788 werden Leser „hellhörig“. War da nicht schon etwas? Ja, es ist genau der Zeitraum, in dem sich Johann Wolfgang von Goethe in dem  Land, „wo die Zitronen blühn“, aufhielt. Und das wird für Karl Philipp Moritz von großer Bedeutung sein.

 Auch ihn also zog es, wie alle Bildungsbeflissenen dieser Zeit, nach Italien. Denn diese Reisen und die späteren Berichte darüber waren der Stoff, der das ästhetische Bewusstsein vor allem über die Klassik prägte und so die gesamte Literatur der Zeit maßgeblich beeinflusste.

 Jetzt war er also „Hier“. Wie es Karl Philipp Moritz in Italien erging, was er da erlebte, hat er in seiner „Italienischen Reise“ in drei Bänden beschrieben. Moritz erweist sich als veritabler Reiseschriftsteller. Er bediente sich mit seinen Berichten der Briefform, hatte also einen Empfänger im Blick. Als einen solchen Empfänger kann sich getrost auch heute noch jeder Leser dieser außergewöhnlichen Aufzeichnungen sehen.

 Dieser Reisebericht ist bereits 1792, also vier Jahre nach der Rückkehr aus Italien, erschienen. Goethe veröffentlichte seine „Italienische Reise“  erst 1813, also 25 Jahre später. Anders aber als Goethe ist es Karl Philipp Moritz nicht daran gelegen, jedes einzelne Kunstwerk, das er sehr wohl zur Kenntnis nimmt, in ausführlicher Weise zu beschreiben. Auch wenn er feststellt, dass „die Betrachtung schöner Kunstwerke … den Geist“ erhebt und „das Gemüt“ veredelt. Intensiv war allerdings er mit den antiken Schriftstellern als Reisebegleiter unterwegs, die er gern und ausführlich zu zitieren wusste. Mehr noch aber war ihm an der Schilderung von Landschaften, sozusagen von Land und Leuten, von Gebäuden und - nicht unkritisch - von politischen und kirchlichen Institutionen gelegen. Er lässt sich über die „Eigenthümlichkeiten der italiänischen Sprache“ aus, entdeckt einen antiken Weinkeller und weiß über „Panem et Circenses“ zu berichten. Er schätzt die Römerinnen, denn „Eine gebohrne Römerin hat auch etwas gemeiniglich noch etwas karakteristisches und Erhabenes in ihren Zügen…In ihrem Gange besonders herrscht Majestät und Würde…“.

 Manches in seinen Briefen an den „Theuersten“ ist nur fragmentarisch, mit anderem beschäftigt sich der Reisende ausführlicher. Alles aber, was er schreibt, klingt direkt, authentisch und sehr persönlich. Moritz schreibt äußerst anschaulich und abwechslungsreich wie kaum einer vor ihm und nach ihm. Da war einer unterwegs, der sehen, hören und erleben wollte – und schildern wollte, ohne es akademisch zu überhöhen, während Goethe nach 25 Jahren doch vieles in seiner „italienischen Reise“ – sagen wir einmal so – überarbeitet hat..

 So war Moritz also unterwegs: über Verona und Bologna, über San Marino und Rimini und Spoleto gen Rom. Er hatte seinen geregelten Ärger mit den Vetturini, also den Fuhrleuten, ließ sich seine gute Laune und seine Freude an allem Schönen, das er sah, jedoch nicht verderben. In Rimini notiert er am 10. Oktober: „Wir fuhren hier in einem immerwährenden Lustgarten, wo Wein, Getreide und Obst … gedeihen. Der Anblick ist immer derselbe und ist doch immer neu und schön, das Auge ersättigt sich nicht, in diese Schatten zu blicken…“.

 Das Ziel seiner Sehnsucht aber war Rom. Das war das Arkadien des Karl Philipp Moritz. Und wie Goethe konnte er sagen: „Et in Arcadia ego“. Diesem Rom ist der zweite und sehr ausführliche Teil seiner Reisebeschreibung gewidmet. Von Spoleto kommend erreichte der Reisende die Stadt seiner Träume. „Das Ziel meiner Wünsche hätte ich also nun erreicht; es ist mir aber heilig, und nur in den besten und ruhigsten Momenten soll sich meine Beschreibung daran wagen.“, schreibt er am 27. Oktober 1786. „Wir hielten nun mit unserem zweirädigen Fuhrwerke unseren Einzug in die Porta del Popolo, wo denn der erste Anblick von Rom meine Vorstellung, die wahrlich nicht klein war, bei weitem noch übertraf.“

 Und: „Ich finde daß es den neuangekommenen Künstlern hier ebenso geht, wie mir, sie verlieren sich in dem Anschauen des Mannichfaltigen….jedes Neue ist zu anziehend und zu reizend, als daß man nicht eine Zeitlang mit Muße darauf verweilen sollte…“. Moritz lässt den Leser seiner Briefe teilhaben an diesem „Mannichfaltigen“. „Ich muß Sie also bitten, mein Lieber, solange mit einer Beschreibung… vorliebzunehmen, bis allmählig sich mir die Zunge löset, und ich im Stande bin, über Schönheit und über Kunst, die ersten Laute hervorzubringen….“. Seine Zunge hat sich auf das Schönste gelöst, so dass wir an seinen wunderbaren Beschreibungen unsere Freude haben.

 Am 20. November notiert Moritz: „Der Hr. v. G. ist hier angekommen, und mein hiesiger Aufenthalt hat dadurch ein neues und doppeltes Interesse für mich gewonnen.“ – „…ich machte vor ein paar Tagen in der Gesellschaft des Hrn. v. G. und einiger Künstler…eine schönen Spaziergang…, der mich in eine neue Welt von Ideen und herrlichen Eindrücken geführt hat.“

 Goethe und Moritz, Moritz und Goethe. Sie waren zweifellos Geistesverwandte, kannten sich über ihre jeweiligen Werke und wertschätzen sich. Wir erinnern uns, dass Goethe für Anton Reiser ein Abgott war. Diese Wertschätzung kommt auch und immer wieder in den Reisebeschreibungen  beider Dichter zum Ausdruck. Die persönliche Bekanntschaft im fernen Rom aber verdankten sie einem Unfall, den Karl Philipp Moritz erlitten hatte. Am 29. November 1786 bricht sich Moritz das Schlüsselbein. Goethe ist es, der ihn während des langwierigen Genesungsprozesses im wahrsten Sinne des Wortes pflegt. Eine Dichterfreundschaft zudem, die ein gegenseitiges Geben und Nehmen war, vor allem in Rom, und eine der schönsten in der Literaturgeschichte.

 Dem Autor des sehr fundierten und großartigen Nachworts zu diesem Buch, Jan Volker Röhnert, haben wir es zu verdanken, dass wir über diese Begegnung mehr erfahren, als die Moritzschen Notate hergeben. Unter anderem zitiert Röhnert einen wunderbaren Brief von Karl Philipp Moritz an seinen Verleger Campe.  Noch ein anderes zeichnet dieses überaus schöne Buch, eine verlegerische und bibliophile Großtat,  aus, das – wo sonst – in der „Anderen Bibliothek“ erschienen ist:  Die Reiseberichte aus dem 18. Jahrhundert hat der Fotograf Alexander Paul Englert durch wunderschöne Schwarzweiß-Fotos von heute illustriert. Und es ist sehr interessant zu sehen, wie gut das eine zum anderen passt.

 Noch aber sind wir mit Karl Philipp Moritz in Italien. Im dritten Teil seiner italienischen Reise schreibt er noch einmal „Ueber Kuppeln, Thürme, Obelisken und Denksäulen“, über den Apoll von Belvedere und über „Michel Angelo“ und „Die Logen des Raphael“ und mehr. Es sind kleine Kunstbetrachtungen, die in seine Briefe eingeschoben werden.

 Am 28. September 1788 aber heißt es: „Mit Wehmuth schreibe ich Ihnen heute zum letztenmale aus Rom. – Vor ein paar Abenden stand ich mit Herdern auf dem Turm des Kapitoliniums….“. Ein wehmütiger Abschied, bevor die Reise über Florenz wieder nach Deutschland führt.

 Und aus Mantua schreibt Moritz am 20. Oktober 1788:  „Hier bin ich nun wieder, mit meinen Virgil am Ufer des Mincius hingelagert. – der schöne Kreislauf ist vollendet, und ich finde mich wieder auf demselben Fleck, von dem ich ausging….Ich lasse in diesen stillen Gründen die reizendsten Bilder von zwei verflossenen Jahren noch einmal vor meiner Seele vorübergehen, und hier am schilfbekränzten Ufer des Mincius winke ich Ihnen den letzten Gruß aus diesem schönen Lande zu.“

 © Günter Nawe

Karl Philipp Moritz: „Reisen eines Deutschen in Italien in den Jahren 1786 bis 1788“
Die Andere Bibliothek, 687 S., 40,- €