Unser Buch des Monats Februar 2013Christoph Ransmayr: „Atlas eines ängstlichen Mannes“

Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden geschrieben

Ransmayr Atlas
Christoph Ransmayr: „Atlas eines ängstlichen Mannes“
S. Fischer Verlag
477 S., 24,99 €

„Geschichten ereignen sich nicht….“. Mit diesem Satz leitet der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr sein neuestes Buch „Atlas einen ängstlichen Mannes“ ein. Es gehört in die Reihe seiner durchweg bedeutenden Bücher – wie: „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, „Die Letzte Welt“, wie „Morbus Kithara“,  „Der fliegende Berg“ und „Der Weg nach Surabaya“. Sowohl die Reisebücher als auch die Romane dieses Autors spiegeln Erlebnisse in Landschaften und mit Menschen, die es ihm wert erschienen, erzählt zu werden.

Und dies macht Christoph Ransmayr meisterhaft. So auch in diesem Buch, das uns groß und wichtig genug erschien, um es als „Unser Buch des Monats“ vorzustellen. Ein Buch, bestehend aus siebzig kurzen Texten, die jeweils wie kleine Erzählungen anmuten, in dem Ransmayr von seinen Reisen der letzten Jahre über Kontinente hinweg und durch die Zeiten berichtet. „Natürlich berichtet dieser Atlas nicht nur von äußeren, sondern auch von inneren Landschaften. Er ist nicht nur das Dokument einer Reise durch geographische Räume, sondern auch durch Seelenräume und vor allem auch eine Reise durch die Zeit durch meine Lebenszeit“. So Christoph Ransmayr. Darüber also berichtet der Schriftsteller – und das immer auf einem sprachlichen Niveau, das man unter deutschsprachigen Autoren suchen muss.

„Ich sah….“, so beginnen alle diese kleinen Erzählungen. Auf diese Weise ist Authentizität gegeben. Und so sah der Reisende „Die Heimat eines Gottes auf 26º 28 südlicher Breite und 105º 21 Minuten westlicher Länge: eine menschenleere, von Seevögeln umschwärmte Felseninsel weit draußen im Pazifik…“. So die Episode „Fernstes Land“. Und in der Erzählung „Die Schönheit der Finsternis“ heißt es: „Ich sah eine Spiegelgalaxis im Sternbild Haar der Berenike…“. Aus dieser Beobachtung entwickelt Ransmayr eine wundervolle kleine Sternen- und Himmelsgeschichte.

Er „sah einen Losverkäufer in einer sonntäglich leeren Straße der chilenischen Pazifikstadt Valparaiso.“ Und schreibt dann sehr poetisch über „Das Glück und der Stille Ozean“. Er schreibt manchmal feierlich. Dann wieder nüchtern-lakonisch. Er erzählt pathetisch und poetisch, manchmal im Duktus eines Berichts eines Zeitzeugen. Zum Beispiel von einem „Weltuntergang“: „Ich sah den blauen Turm der Bank of China in Flammen. Er ragte wie ein Zeiger einer Feueruhr aus einer rotglühenden Wolke, neigte sich dann dem Meer entgegen, brach auseinander und versank lodernd in der Flut…“.

So führt uns die Reise um die Welt – gesehen mit den Augen des Christoph Ransmayr. Durch eine Welt voller Wunder und Abenteuer – von China nach Chile, von Japan in eine griechische Irrenanstalt, durch den brasilianischen Urwald und in die psychiatrische Klinik in Wien. Sein aufmerksamer Blick richtet sich auf einen Fischer am Mekong, auf den weinenden Sohn eines Gärtners in einem Herrenhaus in Cork, auf die Rapa Nui in ihren Palmenwäldern und auf Mönche am Himalaya. Er reiste von Tibet nach Mali, nach Polen und in die Dominikanische Republik, nach Tibet und Russland und Deutschland.

Christoph Ransmayr hat die Welt gesehen - und erzählt auf unnachahmliche Weise „von den Orten …, an denen ich gelebt, die ich bereist oder durchwandert habe, und ausschließlich von Menschen, denen ich begegnet bin.“  Nur an einem Ort war er niemals, wie er im Vorwort schreibt. Lediglich aus den Erzählungen seiner Frau kennt er ihn. Er verrät ihn nicht, denn „er soll daran erinnern, dass wir vieles, was wir von unserer Welt wissen, nur aus Erzählungen kennen…“. Wir als Leser haben das große Glück, in Christoph Ransmayr jemanden zu haben, der uns mit seinem „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ein faszinierendes Stück „unserer Welt“ gezeigt und erklärt hat.

Es ist ein Buch des Staunens und des immer wieder Erstaunens. Auch darüber, wie aus erlebten Geschichten große Literatur wird. Weil „Geschichten sich nicht ereignen“. Weil „Geschichten geschrieben werden.“ Von Christoph Ransmayr.

© Günter Nawe

Christoph Ransmayr: „Atlas eines ängstlichen Mannes“
S. Fischer Verlag, 455 Seiten, 24,99 €