Unser Buch des Monats Januar 2013Robert Musil und „Der Mann ohne Eigenschaften“

"Atemzüge eines Sommertags"

Frizen Musil
W. Frizen: „Robert Musil“
Deutscher Kunstverlag
87 S., 19,95 €

Nein, von einer Musil-Renaissance kann zurzeit leider keine Rede sein. Und doch gibt es einige aktuelle Anlässe, die uns an diesen außergewöhnlichen Schriftsteller Robert Musil in erfreulicher Weise erinnern und die Grund genug sind, den epochalen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen oder wieder zu lesen und ihn für uns zum „Buch des Monats“ Januar zu erklären.

 Werner Frizen, Kölner Literaturwissenschaftler, hat eine beachtenswerte Bildbiographie über den Dr. phil. Ing. Robert Edler von Musil veröffentlicht. Sein kluger und sehr fundierter biographischer Essay setzt Leben und Werk in einen direkten Zusammenhang. Ereignisse des Lebens werden zu Literatur. So das Erleben des jungen Robert in der Militärschule zum Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“; spätere Frauengeschichten Musils finden sich in den Novellen „Drei Frauen“ und an anderer Stelle wieder. Und der Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ ist letztlich das Lebenswerk dieses „Mannes ohne Biographie“ – wie Frizen formuliert.

 Ganz anders die Literatur-Oper Köln. Sie näherte sich Robert Musil in einem Workshop-Projekt an. In einer Kölner Schule lernten die Schüler bei Lesungen, Diskussionen  und in Szenen-Aufführungen den Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ kennen. Einen Roman, der modellartig den Zusammenhang von psychischer Disposition und totalitären Gesellschaftsstrukturen beschreibt und die Verhaltensweisen pubertierender Jugendlicher in einem k.u. k -Internat aufzeigt.

 Beides führt zu einem anderen, sehr ambitionierten Projekt hin: Der bekannte Stimmkünstler und Philosoph Ralf Peters wird in einer Art „Wanderlesung“ den ganzen Roman „Der Mann ohne Eigenschaft“ lesen – beginnend am 15. Januar 2013 in der Lengfeld’schen Buchhandlung.

 Ralf Peters wird einen Roman lesen, dessen Titel schon fast sprichwörtlich geworden ist und über den immer wieder geredet und geschrieben wurde und wird. Mit Proust und Joyce wird der Verfasser Robert Musil (nicht zu Unrecht) verglichen. Und 1949 schrieb die Londoner „Times“: „Musil, der bedeutendste deutsch schreibende Romancier dieser Jahrhunderthälfte, ist einer der unbekanntesten Schriftsteller dieses Zeitalters.“ Für diesen Musil und seinen Roman gilt auch das Lessing’sche Diktum: „Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. / Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein.“ Und genau das wird Ralf Peters tun. Außerdem steht ein „Jubiläum“ an: Vor hundert Jahren, „es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913“, ließ Robert Musil seinen enzyklopädischen Roman beginnen.

 Robert Musil wurde 1880 als Sohn eines geadelten Universitätsprofessors in Klagenfurt geboren. Er war Offizier, später Student an einer TH,  Ingenieur und wieder Student  (Philosophie und Psychologie); er war Bibliothekar und Redakteur, Beamter und am Ende "nichts als Schriftsteller". Musil starb 1942 - unbeachtet, mittellos und total vereinsamt. Sein opus magnum allerdings überlebte, auch wenn es im Literaturbetrieb bis heute mehr oder weniger ein Schattendasein führt.

 „Der Mann ohne Eigenschaften“ also. „Urlaub vom Leben“ hat sich der Intellektuelle Ulrich genommen in diesem August 1913. Bisher sind alle seine geplanten Lebensentwürfe gescheitert. So wurde er auch mehr oder weniger nur durch Protektion als Berater bei einer Organisation engagiert, die sich mit den Vorbereitungen einer „Parallelaktion“ befasst. Was darunter zu verstehen ist, hat Musil selbst erklärt: "Das Jahr 1918 hätte das 70jährige Regierungsjubiläum Franz Josephs I. und das 35jährige Wilhelms II. gebracht. Aus diesem künftigen Zusammentreffen entwickelt sich ein Wettlauf der beiderseitigen Patrioten, die einander schlagen wollen und die Welt, und im Kladderadatsch von 1914 enden."

 Dieser Plan scheiterte daran, dass sich die Gruppe nicht einig wird. Zu viele eigene und oft gegenläufige Interessen der Beteiligten und Konflikte innerhalb der Gruppe wirkten sich lähmend aus. So ahnte und wusste Ulrich, dass auch diese „Parallelaktion“ nicht die Lösung seines Problems sein kann.

 Ulrich, der „Mann ohne Eigenschaften“, wie ihn sein Freund Walter nennt, ist „der Menschenschlag, den die Gegenwart hervorgebracht hat“. Er und die gesamte Personnage dieses Romans repräsentieren die unterschiedlichsten Charaktere und Gruppierungen der Gesellschaft sowie ihre Ideen im Wien der Vorkriegszeit. Alle Umbrüche und Widersprüchlichkeiten der Zeit spiegeln sich in ihren Verhaltensweisen. Musil gelangten außerordentliche Psychogramme der Exponenten dieser Gesellschaft von größter Schärfe. Da ist die Schwester Agathe, die sich Ulrich in einer fast inzestuösen Beziehung verbunden fühlt. Ulrichs Jugendfreund Walter ist ein Künstler, der sich im bürgerlichen Milieu zu etablieren versucht, während seine Frau Clarisse für Nietzsche schwärmt. Der Sexualmörder Moosbrugger dagegen steht für die Problematik des freien Willens.

 Ulrichs Geliebte Bonadea ist die literarische Wiederkehr der römischen Bona Dea, die 62 v. Chr. in Rom einen Skandal auslöste. Im Roman steht sie für Begehren und Moral. Den politischen Part vertritt Graf Leinsdorf, der Erfinder der „Parallelaktion“. Hermine Tuzzi, (Diotima) führt einen der wichtigsten Salons im Kakanien, in der untergehenden Donaumonarchie, in dem sich die gesellschaftlich relevanten Gruppierungen treffen. Nicht zu vergessen: Paul Arnheim, Industrieller, Intellektueller und Preuße, für den Walther Rathenau und /oder Thomas Mann Pate gestanden haben. Er hat nicht nur eine platonische Beziehung zu Diotima, sondern auch großen Einfluss in der österreichisch bestimmten Parallelaktion. So ist der Zeit- und Gesellschaftsroman – Musil hat ihn 1921 begonnen, lässt ihn aber vor dem 1. Weltkrieg spielen – eine hellsichtige und subtile Analyse einer Gesellschaft am Abgrund.

Diese Gesellschaft – ironisch geschildert und voller philosophischer und psychologischer Details – zerbricht und mit ihr eine ganze Ordnung. Und alles: Persönliches, Gesellschaftliches und Politisches ist zu subsummieren unter den Begriffen „Krisis und Entscheidung“. „Der Herd des Weltkriegs ist (gleichzeitig aber) auch der Geburtsort des Dichters“,  so Musil am Ende.

 Die Ordnung zerbricht wie auch die herkömmliche Romanform, deren bisher bekannte  Konstruktion von Robert Musil aufgekündigt wird. Essays, Diskussionen und kulturkritische Auseinandersetzungen sowie tiefschürfende Reflexionen, Kommentare und Reden machen diesen 1600-Seiten-Roman aus, der als einzigartig in der Weltliteratur zu verorten ist.

 Für das Ende des unvollendet geblieben Romans hat Robert Musil das ebenfalls unvollendet gebliebene Kapitel „Atemzüge eines Sommertags“ vorgesehen. Der wundervoll poetische Text klingt wie ein Vermächtnis. So heißt es: „Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Bäume und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern, die in ihrer fröhlichen Tracht überrascht und gebannt, an diesem Begräbniszug und Naturfest teilnahmen. Frühling und Herbst, Sprache und Schweigen der Natur, auch Lebens- und Todeszauber mischten sich in dem Bild; die Herzen schienen stillzustehen, aus der Brust genommen zu sein, sich dem schweigenden Zug durch die Luft anzuschließen..“

 © Günter Nawe

Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“, 2 Bände, Rowohlt Verlag, 58,- €

Werner Frizen, "Robert Musil", Dt. Kunstverlag, 87 S., 19,90 €

Robert Musil, "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", Manesse Verlag, 352 S., 19,95 (erscheint im März 2013)