Unser Buch des Monats August 2012Cees Nooteboom, "Schiffstagebuch"

"Städte gehören hier den Schriftstellern". Ein Reisebuch der besonderen Art

Nooteboom Schiffstagebuch
Cees Nooteboom: „Schiffstagebuch“
Suhrkamp Verlag
283 Seiten, 19,95 €

Urlaubszeit - Zeit für Fernweh. Allerdings, so der berühmte niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom: "Zu Hause lernst du die Welt kennen, auf Reisen dich selbst; denn zu Hause lastet das Gewicht auf dir, unterwegs auf der Welt, und stets bleibt das unbekannt, was du gerade betrachtest."

Cees Nooteboom ist großartiger Autor, der immer wieder auch für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wird. Und er ist ein begnadeter Reisender und ein außergewöhnlicher Reiseschriftsteller, wahrscheinlich der beste zurzeit. Viele Bücher belegen dies. Und so reist er - trotz oder gerade wegen der oben formulierten Erkenntnis.

Nootebooms Reisen sind von anderer Art. Er reist, um sich in fremden Ländern und bei fremden Menschen aufzuhalten, sie denkend und schauend zu erkunden. In seinem Buch "Schiffstagebuch", im "Buch vom fernen Reisen", wie der Untertitel treffend lautet, erzählt er auf seine unnachahmliche Weise davon.

Einmal mehr geht es um Schiffsreisen, für die der Autor ein besonderes Faible hat. Weil sie anders als Reisen zum Beispiel mit dem Flugzeug zu einer ganz anderen, "verlangsamten", einer intensiveren Wahrnehmung führen. Und das wiederum beeinflusst auch die Art und Weise der Schilderung. Die Literatur verschiebt zwar schon einmal die Grenzen von Raum und Zeit - und damit auch die Vorstellung davon. Aber auch dies einer Erfahrung, die Cees Nooteboom unterwegs gemacht hat und die der Leser bei der Lektüre machen wird.

Der Autor ist einst als Leichtmatrose über die Weltmeere gefahren. Diesmal reist er wesentlich komfortabler mit der MS Deutschland, auch bekannt als das „Traumschiff" einer bekannten Fernsehserie. „Eichentäfelung, blankpoliertes Messing, nicht eines dieser modernen schwimmenden Wohnsilos, die ich im Sommer in Spanien sehe". Eine gesponserte Luxusreise? Das ist mit Sicherheit nicht Nootebooms Zweck – wie schnell bei der Lektüre zu erkennen ist. Im "Schiffstagebuch I" nimmt er den Leser mit auf eine Reise, bei der er Kap Hoorn umrundet, nach Patagonien, nach Montevideo und Buenos Aires fährt. Über Montevideo schreibt er: "Dies ist keine Stadt für nur einen Tag, hier muss man bleiben und eine seltsame Geschichte schreiben...."

Er ist auch auf dem Weg nach Chile, zum Grab des verstorbenen Dichterkollegen Pablo Neruda. Ein weiteres Ziel, das südlichste, ist das südafrikanische Kap Agulhas, ein anderes Ushuaia in Argentinien. In Port Dauphin trifft er Ruderer - und erzählt davon im "Schiffstagebuch II". Von einer Reise nach Indien konfrontiert er uns mit der Erkenntnis, dass man sich "die Welt ansehen, aber die Welt nicht werden" darf und endet den schönen Bericht mit dem Satz "Der Tod in Benares ist aus Feuer und Wasser".

Wunderbare Impressionen, politische Betrachtung, Selbstreflexion und literarische Eindrücke - alles findet Platz in diesem schönen Buch. Von ehemaligen Kollegen, von weltberühmten Schriftstellern ist oft die Rede. Sie begleiten ihn auch als Handbibliothek, die Skármetas und Chatwins, Slocums und andere. In Montevideo resümiert Cees Nooteboom: "Meine Schiffsreise ist zu Ende. Im Dämmerlicht fahren wir über das totenstille Wasser.... Ein letzter Abend.... Abschied von Tänzerinnen und Zauberkünstlern, und dann das erste Morgenlicht in Borges' Stadt. Städte gehören hier den Schriftstellern. Ich bin von Neruda zu Onetti gefahren und von Onetti zu Borges und Gombrowicz, zu Ocampo und Bioy Casares und allen Dichtern dazwischen".

Der Leser, der mit diesem Buch auf Reisen geht, wird darin keine touristischen Tipps finden und keine Hinweise auf Sehenswürdigkeiten. Er muss sich auf die besondere Art von Reiseberichten einlassen - und wird es letztlich mit Gewinn tun. Cees Nootebooms wunderbare Texte, wie immer exzellent von Helga von Beuningen übersetzt, eignen sich deshalb auch als ein hervorragender Begleiter für virtuelle Reisen. Ihre Bildhaftigkeit seiner Schilderungen wird unterstützt durch die sehr schönen Aufnahmen von Simone Sasson.

© Günter Nawe

Cees Nooteboom: „Schiffstagebuch“
Suhrkamp Verlag, 283 Seiten, Preis € 19,90

Die soeben im Suhrkamp Verlag erschienene Taschenbuchausgabe kostet € 10,99.