Unser Buch des Monats Juli 2012Alexandre Dumas: „Schiffbrüche“

„Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt“

Dumas Schiffbrüche
Alexandre Dumas: „Schiffbrüche“
Matthes & Seitz
19,90 €

Wer sich vergangener Zeiten erinnert und der aufregenden Lektüre von Romanen wie „Die drei Musketiere" oder „Der Graf von Monte Christo", wer mit dem Namen Alexandre Dumas (1802-1870) spannende Abenteuergeschichten verbindet, der wird gern zu den unglaublichen Berichten greifen, die der Autor seinerzeit aus Logbüchern oder den Aufzeichnungen von Überlebenden zusammengetragen hat und die jetzt unter dem Titel „Schiffbrüche. Wahre Geschichten" erstmals auf Deutsch in einer sehr schönen Ausgabe erschienen sind.

Von der christlichen Seefahrt im 17., 18. und 19. Jahrhundert handeln diese Erzählungen, die der Autor nicht erfunden hat. Stattdessen griff Dumas auf erlebte und kolportierte Geschichten von legendären Schiffbrüchen zurück und anverwandelte sie dann in eigene literarische Meisterstücke. Dabei zieht er alle Register der Spannungsliteratur.

Es ist vor allem der Kampf gegen Naturgewalten und mit Gott, denen sich Kapitäne und Besatzungen auf hoher See ausgeliefert sehen - bis an die existenziellen Grenzen und darüber hinaus. Die Geschichte der christlichen Seefahrt, der großen Entdeckungsreisen bieten unendlich viele Beispiele dafür. Vier davon hat Alexandre Dumas aufgegriffen.

„Gegen Ende des Monats Mai 1619 fuhren drei holländische Schiffe", unter anderen „die Neu-Hoorn unter Kapitän Bontekoe - nachdem sie das Kap der Guten Hoffnung ohne aufzulaufen umsegelt hatten, bei herrlichem Wetter an der Terra do Natal entlang".

Was aus diesem nüchternen Anfang werden sollte, ist die Geschichte des Kapitäns Bontekoe. Bontekoe steht in der Tradition seiner berühmten Vorgänger, die sich aus Abenteuerlust, aus Wissendurst, aus Geltungsbedürfnis, Habgier und aus politisch-expansiven Gründen auf große Fahrt begeben haben. Das gilt auch für seine Kollegen, denen die drei anderen Erzählungen gewidmet sind: Kapitän Marion, Kapitän Bremner, der mit der „Juno" unterwegs ist, und Kapitän Henry Cobb ist mit der „Kent" auf dem Wege nach Bengalen und China.

Mit Seemannsgarn wird nicht gespart, wenn von Wind und alles verschlingenden Wellen, von Klippen und gefährlichen Riffs die Rede ist. Masten brechen, Feuer bricht aus, Lecks enstehen. Begegnungen mit Eingeborenen bergen große Gefahren - es wird erdrosselt, erschlagen, erschossen. Menschenfresserei inbegriffen. Den Besatzungen drohen körperliche Versehrtheit und seelische Verletzungen, Hunger und Krankheit, Verzweiflung und Tod. Und es werden in der Tat tausend Tode auf See gestorben. Davon und von vielen Beispielen von Schicksalsergebenheit und un­er­schüt­ter­lichem Glauben, von Angst und Auflehnung lesen wir mit angehaltenem Atem.

„Wenn der Mensch einen gewissen Grad von Wahnsinn erreicht hat, ist ihm nichts mehr begreiflich zu machen; seine Instinkte werden die eines Raubtieres, und man muss sich darauf gefasst machen, sich gegen ihn verteidigen zu müssen wie man sich gegen ein beliebiges wildes Tier verteidigen würde". Ein Satz, in den Erzählungen unter Beweis gestellt - und ewig gültig. Wie auch dessen Gegenteil.

Starke Charaktere, mutige Männer und zarte Frauen, Schwächlingen und Feiglinge, grausame Eingeborene, mordende Matrosen und Wahnsinnige - das Personal dieser Erzählungen ist so vielfältig wie es die Ereignisse und Begebenheiten sind. Menschen, die sich Naturgewalten, menschlichen Schwächen, den Gefahren der See und den Launen des Himmels ausgesetzt sehen, geraten ständig in Grenzsituationen, mit denen sie fertig werden müssen oder an denen sie scheitern. Alles ist Prüfung und ist Schicksal, das man hinnimmt oder gegen das man sich wehrt, zu welchem Ende es auch führen mag. Es sind auch im übertragenen Sinne „Schiffbrüche".

Alexandre Dumas hat mit diesem Buch ein bedeutendes Stück zur Welt(meer)literatur beigetragen. Er hat von der „Wahrheit, die jeweils einer Gefahr entspringt" geschrieben. Und er hat es verstanden, diese „Wahrheit" stilistisch elegant, effektvoll und dramatisch an den Leser zu bringen. Ein kenntnisreiches Nachwort von Nicola Denis (Alexandre Dumas und das Meer), die auch für die wunderbare Übersetzung verantwortlich zeichnet, trägt bei zum Verständnis der Zusammenhänge. Und der Schriftsteller Volker Harry Altwasser mit einem klugen Essay ebenfalls.

© Günter Nawe

Alexandre Dumas (d. Ält.): „Schiffbrüche“
Matthes & Seitz Berlin,  19,90 €