Unser Buch des Monats Juni 2012Zora Neale Hurston:
„Vor ihren Augen sahen sie Gott“

„Der Traum ist die Wahrheit“
Über Zora Neale Hurstons anrührenden Roman.

Hurston
Zora Neale Hurston: „Vor ihren Augen sahen sie Gott“
Edition Nautilus
19,95 €

„Am Anfang hier war nun eine Frau, und heimgekehrt war sie vom Begraben der Toten. Nicht dahingesiecht und entschlafen waren diese Toten, Freunde zu Häupten und zu den Füßen. Sie war heimgekehrt von den aufgedunsenen Wasserleichen, überrumpelt vom Tod, die richtenden Augen weit aufgerissen."
Damit sind wir schon fast am Ende eines Buches, das man gut und gern als eine außerordentliche Trouvaille bezeichnen kann. Geschrieben hat dieses Buch Zora Neale Hurston (1891 - 1960), Afro-Amerikanerin aus Alabama und eine Schriftstellerin, die sich erfolgreich der afro-amerikanischen Literatur verschrieb. Sie schloss sich einer Bewegung schwarzer Künstler an, die als „Harlem Renaissance" in den 20er Jahren Aufsehen erregte. Sie sammelte Geschichten, Lieder und Volksbräuche der Schwarzen. Aus der ursprünglich wissenschaftlichen Beschäftigung der Ethnologin wurde irgendwann Literatur. 1937 erschien dann der Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott".
Danach gerieten Zora Neale Hurston und ihre Bücher in Vergessenheit. Erst Anfang der 70er Jahre wiederentdeckten Alice Walker und Toni Morrison, Literaturnobelpreisträgerin 1993, die Autorin, die sie als „eine der größten Schriftstellerinnen unserer Zeit" bezeichneten.
Ein Urteil, das mit der Neuausgabe dieses Romans bestätigt wird. Ein Roman, so authentisch wie kein anderer. Ein Roman wie ein Blues, wie ein Südstaaten-Blues. „Vor ihren Augen sahen sie Gott" ist, man lasse sich von dieser Genre-Bezeichnung nicht irritieren, ein Liebesroman der besonderen Art. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, mit der es das Leben wahrlich nicht gut gemeint hat.

Die Protagonistin Janie erzählt ihre Geschichte selbst, sie erzählt sie in einer einzigen Nacht ihrer besten Freundin Pheoby. Und was für eine Geschichte: Sie spielt im Staate Florida, im Jahre 1928. Janies Schicksal ist eines der Schicksale von Schwarzen, die für diese Zeit exemplarisch waren. Janie ist arm, lebt in einer Gemeinschaft, in einer Gesellschaft, die die Last ihrer Hautfarbe tragen muss. Eine Gesellschaft, abgeschottet von der weißen Welt, mit einer Unmengen von Problemen behaftet, mit allen rassistischen Erfahrungen.
Janie dachte über all dies nach: über das Los der Schwarzen, über das Zusammensein mit ihren Nachbarn, über Freiheit und Armut, über das Leben und die Liebe und das Schicksal der Frauen. Grund genug, auch über sich selbst nachzudenken. Janie ist eine kluge Frau. Und so tut sie alles dafür, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Denn: „Frauen hingegen vergessen alles, was sie nicht behalten wollen, und behalten alles, was sie nicht vergessen wollen. Der Traum ist die Wahrheit. Dann gehen sie hin und handeln danach."
Der Traum ist die Wahrheit - und Janie handelt danach. Sie wollte ein anderes Leben. Auch als sie den viel jüngeren Tea Cake trifft. „Tea Cake war der Sohn der Abendsonne". Es war eine amour fou - ohne Rücksicht darauf, dass sie älter und erfahrener war und dieser Tea Cake ein etwas schwieriger Typ. Sie lieben sich - und dem ist alles untergeordnet. »Zora erfindet Tea Cake und schenkt ihn Janie, und weil seine Liebe so stark ist, dass er sie ganz nehmen kann, wird Janie zu sich selbst befreit und kann ihren Traum von Liebe gegen alle eigenen Bedenken und äußeren Angriffe wahrmachen.«
So Hans-Ulrich Möhring in seinem höchst informativen Nachwort
Plötzlich also hat das Leben für Janie einen neuen Sinn. Das bleibt nicht verborgen - und so zieht sie den Neid der Mitmenschen auf sich. „Was denkt die sich, hier in so Latzhosen anzukommen? Hat die kein Kleid, was sie anziehen kann? ... Was denkt die sich, mit vierzig noch die Zotteln so lang wie 'n junges Mädchen? - Wo hat sie den jungen Spund gelassen, mit dem sie hier abgezogen ist? - Wollte sie den nicht heiraten? .... Was bleibt sie auch nicht in ihrer Klasse?"
Alles scheint jedoch gut zu sein, zu werden. Janie hatte ihr Glück gefunden. Doch dann kam der große Hurrikan. So schlimm, dass sie „vor ihren Augen Gott" sahen. Tea Cake jedenfalls versuchte alles, um zu retten, was zu retten war. Vor allem Janie. Dabei verletzt er sich so schwer, dass er am Ende sterben wird. Janie aber wird ein neuer Mensch sein.
Von alldem erzählt Janie ihrer Freundin Pheoby, von all dem erzählt dieses Buch. Was Hurston groß macht, was dieses Buch groß macht, ist nicht, dass Zora Neale Hurston „ein Glied in der Kette schwarzer schreibender Frauen ist. Sie, die genauso gut Ausdruck findet für menschliche Verwundbarkeit wie für ihre Stärke, die poetisch ist ohne kitschig zu werden, die romantisch und zugleich scharfsichtig ist und so beredt wie nur wenige über Sex zu schreiben versteht ..." (Zadie Smith). Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.
Anzumerken ist auch dies: Dieses Buch ist hervorragend von Hans-Ulrich Möhring übersetzt. Er hat auf besondere Weise, auch dadurch, dass er Unübersetzbares unübersetzt gelassen hat, sprachlich den „Sound des Blues", einen sehr authentischen Ton, getroffen. Zu Beginn des Buches heißt es: „Schiffe in der Ferne haben jedermanns Wunsch an Bord. Für manche treffen sie mit der Flut ein. Für andere fahren sie immer am Horizont dahin, nie außer Sicht, nie ein in den Hafen...". Für Hans Ulrich Möhring ist „mit dieser Übersetzung eines der am Horizont fahrenden Schiffe im Hafen eingelaufen".

© Günter Nawe

Zora Neale Hurston: „Vor ihren Augen sahen sie Gott“
Edition Nautilus, 19,95 €

Am 26.6.2012 wird Heidrun Grote bei uns in der Lengfeld'schen aus dem Roman lesen - nähere Infos hier