Unser Buch des Monats April 2012Virginia Woolf: „Augenblicke des Daseins“

„Ich jetzt, ich damals“ oder Die Kunst des Erinnerns. Virginia Woolfs autobiographische Skizzen

Virginia Woolf
Virginia Woolf

Von der englischen Herausgeberin der „Augenblicke des Dasein", Jeanne Schulkind, stammt folgende Charakteristik der hier vorliegenden skizzierten Erinnerungen der Virginia Woolf: „Die Fragmente fügen sich ... zu einer sinnvollen Ordnung zusammen. Es taucht ein Muster auf, in dem sich Virginia Woolfs Auffassung des Selbst im Allgemeinen und ihres persönlichen Selbst im Besonderen so ausdrückt, wie das in einer herkömmlichen Autobiographie niemals möglich gewesen wäre. Dieses Selbst ist ein kaum faßbares Irrlicht...".

Dieses „Selbst" also „ein kaum fassbares Irrlicht", dessen sich Virginia Woolf zu vergewissern sucht. Dies geschieht in ihren Tagebüchern und Briefen und in den großartigen Romanen, die alle immer etwas mit Bewusstseinsströmen, mit Erinnern und mit der individuellen Identität der Virginia Woolf (1882-1941) zu tun haben. Dazu hat die Autorin einige Memoiren als autobiographische Skizzen hinterlassen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Diese skizzierten Erinnerungen sind jetzt innerhalb der von Klaus Reichert mustergültig herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Virginia Woolfs erschienen.

Nicht zum ersten Mal. Bereits 1981 gab es eine deutsche Ausgabe („Augenblicke" - nach den von Quentin Bell 1976 veröffentlichten „Moments of Being"). Die neue Ausgabe in der glänzenden Übersetzung von Brigitte Walitzek bietet jetzt den großen Vorteil umfangreicher Anmerkungen, die wesentlich zum Verständnis der Texte beitragen.

„Augenblicke des Daseins": Den ersten dieser Texte - „Reminiszenzen" - schrieb Virginia Woolf mit 26 Jahren, lange bevor sie als Schriftstellerin hervortrat; am letzten und längsten Text „Skizze der Vergangenheit" arbeitete sie bis wenige Monate vor ihrem Tod.

„Reminiszenzen" sowie die anderen Texte und Notate sind Zeugnisse von großer Unmittelbarkeit und fast analytischer Genauigkeit. Sie halten die Schrecken und Abgründe ihrer Kindheit fest. Sie erzählen von der Befreiung aus der Enge ihres viktorianisch-prüden Elternhauses. Und sie sprechen von den Erfahrungen, die das Kind und die junge Frau mit dem Tod machen musste: dem Tod der geliebten Mutter, der Stiefschwester Stella und später des Vaters. Ihnen nähert sie sich erinnernd als wesentliche „Augenblicke des Daseins". Und so begegnen sich eigenes und fremdes Leben in diesen Skizzen. Denn alles muss festgehalten werden. Manchmal fühlt sich der Leser an Marcel Proust erinnert, manchmal an James Joyce - Autoren, mit denen Virginia Woolf nicht zu Unrecht in Verbindung gebracht und verglichen wird.

Für Virginia Woolf heißt dieser Erinnerungsprozess: „Die Vergangenheit kommt zu einem nur zurück, wenn die Gegenwart so glatt dahingleitet, dass sie der Oberfläche eines tiefen Flusses gleicht. Dann sieht man durch die Oberfläche hindurch in die Tiefe.". Das führt wiederum zu ganz eigenen Erfahrungen, die die Autorin macht, wenn sie schreibt. „Wie soll man beschreiben, was ich in meiner privaten Kurzschrift ‚Nicht-Sein' nenne. Jeder Tag beinhaltet viel mehr Nicht-Sein als Sein". Denn alles, was während des Schreibprozesses gedacht, mitgedacht wird, gehört zu diesem Prozess. Doch längst nicht alles wird erinnert, weil „ein großer Teil des Tages nicht bewusst erlebt wird".

Wer bin ich? Virginia Woolf versucht es mit der Formel „Ich jetzt, ich damals". Eine Chiffre, die den Prozess des Erinnerns und der Veränderung durch die Erinnerung beschreibt. Es ist eine Suche nach dem Realen hinter dem Schein. „Es wäre interessant, die beiden Menschen, ich jetzt, ich damals, als Gegensatz herauszustellen. Und außerdem ist diese Vergangenheit sehr vom gegenwärtigen Augenblick beeinflusst. Was ich heute schreibe, würde ich in einem Jahr nicht schreiben.". Und genau dieses Eingeständnis macht die Authentizität dieser Erinnerungen, die von ihr in ihrer Ursprünglichkeit erhalten geblieben, also von ihr nicht mehr überarbeitet worden sind, aus.

Zu diesen autobiographischen Skizzen gehören auch die „Beiträge für den Memoir Club". Virginia Woolf erzählt von der legendären »Bloomsbury Group«. Nicht ohne Witz und Ironie schildert sie diesen unkonventionellen Freundeskreis aus Künstlern und Schriftstellern, der ihr Denken und Schreiben entscheidend mit beeinflusst hat. Sie schreibt von den vielen Gesprächen über Literatur und Kunst, über Sex und Liebe, über Politik und Gesellschaft. Eine wunderbare Skizze von hohem literaturhistorischem Wert - und nicht zuletzt wie alle anderen Skizzen von hohem künstlerischem Anspruch.

„Es ist die Verzückung, die ich erlebe, wenn ich beim Schreiben dahinter komme, was wohin gehört, eine Szene richtig klingen lasse; einen Charakter zusammenfüge. Davon ausgehend erreiche ich, was ich eine Philosophie nennen könnte; jedenfalls ist es eine beharrliche Idee von mir, dass sich hinter der Watte ein Muster verbirgt; dass wir - ich meine alle Menschen - damit verbunden sind; dass die ganze Welt ein Kunstwerk ist; dass wir ein Teil des Kunstwerks sind.". Diese autobiographischen Skizzen sind in diesem Sinne ein großartiges Kunstwerk.

„Augenblicke des Daseins" sind Figuren, Farben, Formen, und es sind erlebte Erinnerungen und Erinnerungen, wie die Phantasie sie schafft. Virginia Woolfs „Autobiographische Skizzen" geben uns einen tiefen Einblick in Leben, Schaffen und Werk dieser großen Schriftstellerin.

© Günter Nawe

Virginia Woolf: „Augenblicke des Daseins“
S. Fischer Verlag, 26,- €