Unser Buch des Monats Februar 2012Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio - Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“

Das Abenteuer des Lebens - in Winesburg, Ohio

Sherwood Anderson
Sherwood Anderson

Dem „Abenteuer des Lebens", dem sich George Willard aussetzen will, um dessentwillen er die Kleinstadt Winesburg, Ohio verlässt, sah sich der junge Reporter des Lokalblättchens bereits vorher ausgesetzt. Denn alle Geschehnisse in diesem Nest, auch die, die er selbst erlebt hatte, waren „Abenteuer des Lebens". Ihnen sahen sich auch die etwas skurrilen Menschen, die in dieser Kleinstadt leben, in der jeder jeden kennt, ausgesetzt. Aber das wird George Willard wohl erst später feststellen.

Sie alle sind irgendwie gescheitert, ihnen war das Leben nicht gut. Es sind gebrochene, nicht ganz eindeutige Charaktere. Traurige Gestalten könnte man auch sagen - mit ebenso traurigen Schicksalen. Wie auch George Willard, der in allen der mehr als zwanzig Geschichten dieses wunderbaren Buches auftritt und so die Klammer bildet, die diese Erzählungen zu einem Roman werden lassen, indem er zuhört und aufschreibt und manchmal selbst Hauptfigur in der einen oder anderen Geschichte ist. George Willard, mit der Berufung zum Schriftsteller, „sieht sich selbst als einzelnes, vom Wind durch die Straßen seiner Stadt gewehtes Blatt".

Von diesen Straßen und von den Menschen in diesem Mikrokosmos Kleinstadt erzählen die Geschichten des Sherwood Anderson. Da ist von dem voyeuristischen Reverend Curtis Hartman die Rede, der auf die Kraft Gottes vertraut - und auf eigenartige Weise erlöst wird. Die etwas ältliche Lehrerin Kate Swift, in die sich der Reverend verliebt hatte, muss ihre Leidenschaft für einen anderen verbergen - bis es nicht mehr geht und sie einen Ausbruchversuch wagt. Doktor Parcival ist ein Trinker und Raufbold - und als solcher ein Philosoph. Er erzählt George Willard seine Geschichte, wie es alle anderen auch tun: junge Männer und enttäuschte Ehefrauen, Verliebte und Träumer. So auch Alice Hindman, die jahrelang auf die Rückkehr ihrer Jugendliebe wartet, um eines Nachts alle Konventionen über Bord zu werfen und ... Und so geht es eben auch immer um Liebe und Verlangen und um Sehnsüchte, um Erfüllung und Enttäuschung.

Was sonst gibt es für sie auch in diesem gottverlassenen Nest zu tun? Sicher machen sich erste Anzeichen einer kommenden Industrialisierung bemerkbar. Noch aber muss man sich bescheiden. Zwar gibt es Winneys Stoffgeschäft, das kleine Speiselokal von Bill Carter, es gibt die Zeitung und die Kirche, das Hotel von Helen White, das kaum einer bucht, und die Praxis des versoffenen Doktor Parcival. Ansonsten: Tiefste langweilige Provinz.

Manchem also bleibt nur das Trinken - wie Tom Forster. Aber: „Trinken ist nicht das Einzige, dem ich verfallen bin... Da ist nämlich noch was. Ich bin ein Liebender und hab das, was ich lieben kann nicht gefunden, ein herber Schlag ins Kontor, wenn man einmal bereit ist, sich das bewusst zu machen."

Dies alles also spielt sich im fiktiven Winesburg, Ohio ab, auf der Mainstreet und in der Nähe des Bahnhofs, von dem George Willard abreisen wird - „...und als er sich irgendwann aufsetzte und wieder aus dem Zugfenster sah, war das Städtchen Winesburg verschwunden und sein Leben dort nur mehr ein Hintergrund, auf den die Träume seines Mannesalters gemalt werden sollten".

Mit Winesburg, Ohio, mit diesem verschlafenen Nest im Mittleren Westen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat Sherwood Anderson einen Topos erfunden, der auf der literarischen Weltkarte seinen festen Platz hat - und im kollektiven Gedächtnis seiner Leser bleiben wird. Die Charakteristik der oft grotesken Figuren, die man dennoch oder gerade deshalb lieb gewinnt, gerät ihm zu brillanten Psychogrammen. Faszinierend auch der Duktus, in dem Anderson erzählt. Es ist eine fast minimalistische Prosa von eindringlicher Schlichtheit. Eike Schönfeldt hat wunderbar einfühlsam übersetzt und David Kehlmann ein sehr informatives Nachwort geschrieben.

Sherwood Anderson (1876-1941) ist in einer Kleinstadt im Staate Ohio aufgewachsen, später hat er in Chicago gelebt und gearbeitet - als Farbenfabrikant und in der Werbung, bis er sich als Schriftsteller etablierte. Er wusste also, wovon er schrieb. Und so ist ihm mit diesen Kleinstadterzählungen aus Winesburg, Ohio - neben anderen - ein großartiges Buch gelungen. Heute würde man sagen, er war auf seine Weise stilbildend. Sein Einfluss auf spätere Autoren wie Fitzgerald, Steinbeck, Hemingway und Faulkner ist evident.

„Das Buch vom Grotesken" ist die erste und einleitende Erzählung überschrieben. In ihr ist von einem Schriftsteller als altem Mann die Rede, der sich rückerinnert. „Nicht alle waren schrecklich. Einige Gestalten waren lustig, einige beinahe schön... Eine Stunde lang zog die groteske Prozession vor den Augen des Alten vorüber, und dann stieg er, obwohl es ihm Schmerzen bereitete, aus dem Bett hinunter und fing an zu schreiben."
Der Alte ist natürlich George Willard, der Lokalreporter aus Winesburg, Ohio - und er ist sicher auch Sherwood Anderson, der das alles aufgeschrieben hat.

© Günter Nawe

Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio - Eine Reihe von Erzählungen aus dem Kleinstadtleben Ohios“
Manesse Verlag, 21,95 €