Unser Buch des Monats Januar 2012Andreas Maier: „Das Haus“

„Ich im Haus und alle anderen draußen“. Andreas Maier über eine verschwindenede Kindheit

Maier Haus
Andreas Maier: „Das Haus“
Suhrkamp Verlag
165 Seiten, 17,95 €

Es ist nicht das erste Mal, dass Andreas Maier literarisch im besten Sinne auffällig wird. Bereits mit „Wäldchestag" hat er auf sich aufmerksam gemacht. Und mit „Das Zimmer" (2010) den großartigen Beginn eines auf elf Bände angelegten Romanzyklus' vorgelegt: eine Familiensaga, einen großangelegten Heimatroman. Und das ist in diesem Falle kein negativ besetzter Begriff, sondern für Andreas Maier schon fast ein Markenzeichen.

Jetzt liegt der zweite Band - betitelt „Das Haus" - vor. Und wieder kann man nur staunen, mit welcher Sensibilität, mit wieviel Empfinden sich der Autor in die Welt eines Kindes hinein versetzten kann. Eines Kindes zudem, das soziophob, das beinahe autistisch ist. Dieses kindliche Ich - und vielleicht liegt da der Grund - hat in dieser autobiografisch eingefärbten Geschichte zweifellos Bezüge zum Autor Andreas Maier selbst.

Und so erzählt er, besser: lässt er Andreas erzählen, von den Jahren früher Kindheit wie von einem verlorenen Paradies. „Drinnen" ist das erste von zwei Kapiteln überschrieben. Fremd ist Andreas in einer Welt, der er sich zudem durch eine Art Sprachlosigkeit verweigert. Es gab in diesem Leben noch keine Zwänge, einzig die Urgroßmutter ist so etwas wie eine Bezugsperson. Alles spielt sich in seinem Inneren ab, ist eine Form der Erinnerungsarbeit. Mit drei Jahren beginnt er sich zu erinnern. „Bis heute kommt es mir vor, als habe damals mein Kopf begonnen, eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte meiner Welt oder der Welt schlechthin.". Oder: „Vielleicht war es einfach die Welt, die mir die Welt erzählte.".Und „... so rekonstruiere ich bis heute eigentlich auch immer wieder zwanghaft die Jahre, an die ich mich nicht erinnern kann..."

„Nach der Verweigerung des Kindergartens hatte ich noch drei Jahre im wiedergefundenen Paradies gelebt." Doch dann wird diese Welt sehr real. Mit dem Einzug in ein neues Haus beginnt für Andrreas auch das Leben, von dem im Kapitel „Draußen" erzählt wird. Andreas Maier porträtiert ein Kind, das sich bewusst als Außenseiter gibt, für den das neue Haus, das er allerdings nun immer wieder verlassen muss, zum Rückzugsraum wird aus der Welt draußen. Erstaunlich ist, dass es von der Außenwelt keine Repressionen ob dieser Verweigerungshaltung gibt. Eher erfährt das Kind Verständnis. „Faul ist er nicht, dumm auch nicht, aber er zieht sich immer so zurück.", so die Eltern. Den Gesetzen der Schule konnte er sich jedoch nicht unterordnen. Freunde hatte er nicht, mitmachen wollte er nicht. Er war allein und wollte allein sein. Bei sich war er nur dann.

Dieses Leben, diese Welt aber hat auch etwas Bedrohliches, generiert Angst. Sie liegt „... wie ein Gemälde von Breughel...vor mir".Aufregend aber war das „andere" Leben, das Leben im Haus jedoch nicht.besonders. Für das Kind galt es nur zu beobachten: die Eltern, die Geschwister, das Leben draußen - aus sicherer Entfernung.

So unterscheidet sich dieser Roman, von Andreas Maier wunderbar lakonisch und schon fast schlicht erzählt, grundlegend von anderen Büchern dieser Art, seien sie Kindheitserinnerungen, Entwicklungsromane und ähnliches. Er hat eine ganz eigene und unverwechselbare Handschrift. Und wenn Maier auch nicht das Kind ist, das Kind ist doch ein Stück weit der brillante und außergewöhnliche Autor Andreas Maier.

Das Leben draußen also: Das ist für das Kind und für Andreas Maier die Straße, in der das Haus steht, die Stadt Bad Nauheim, die Wetterau. So wird dieser Roman zu einer Art Heimatroman. Hier ist der Autor Andreas Maier zu Hause - und von hier und darüber erzählt er. „Und die Musik vermischte sich mit meinem Zustand und dem Haus und allen Räumen und der Wetterau vor den Fenstern. Mit den den Bäumen, mit der Usa, dem Himmel, und der Ferne, auch mit Herrn Rubin, der lautlos da draußen vor sich hinarbeitet.", heißt es am Ende des Romans, dieser Familiensaga, auf deren Fortsetzung wir gespannt sein dürfen.

© Günter Nawe

Andreas Maier: „Das Haus“
Suhrkamp Verlag, 165 Seiten, 17,95 €

Unser Buch des Monats Januar 2012Jacques de Lacretelle: „Silbermann“

„Weil ich Jude bin“ – Die Geschichte einer außergewöhnlichen Schülerfreundschaft

Lacretelle Silbermann
Jacques de Lacretelle: „Silbermann“
Lilienfeld Verlag
19,90 €

Schülererzählungen und -romane, Internatsgeschichten - wir kennen aus der Literatur hervorragende Beispiele: Hermann Hesses „Unterm Rad", „Der Schüler Gerber" von Friedrich Torberg und Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß". Und es gibt noch viele dieser Art.

Eine neue können wir jetzt kennenlernen. Erst jetzt, neunzig Jahre nach seinem Erscheinen, überrascht uns ein kleiner Roman, der alles Bekannte dieses Genres in den Schatten stellt. Eine Entdeckung also.

Ihr Autor heißt Jacques de Lacretelle (1888-1985). Für „Silbermann", seinen ersten und letztlich besten Roman, der 1922 erschienen ist, wurde er mit dem „Prix Femina" ausgezeichnet. De Lacretelle wurde Mitglied der „Académie francaise" und blieb dies 48 Jahre lang. Viele Bücher hat de Lacretelle geschrieben - „Silbermann" ist jedoch sein Hauptwerk.

In seinem Roman geht es um eine Schülerfreundschaft, es geht um Antisemitismus und die zumindest am Anfang des letzten Jahrhunderts wenig geglückte Integration der Juden in die französische Gesellschaft.. Schwierige Themen, die durch die Ich-Erzählung eines der Protagonisten uns, dem Leser, auf eine faszinierende Weise nahegebracht werden.

Aus anfänglicher Hänselei wird tiefe Feindschaft, der sich David Silbermann, Schüler der 3. Klasse des großen Lycée, ausgesetzt sieht. In einem Klima antisemitischer und rassistischer Vorurteile konzentrieren sich die Mitschüler darauf, Silbermann auzugrenzen, zu verprügeln. Er wird gequält mit all den Grausamkeiten, die sich der Antisemitismus seit jeher hat einfallen lassen.

Die Schule, die Mitschüler allerdings sind lediglich ein Spiegelbild dessen, was latent in der französischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhundert, ein unseliges „Erbe" der Dreyfuss-Geschichte, vorgegeben ist.

Kommt hinzu, dass Silbermann alle Vorurteile über Juden in seiner Art, in seine Wesen zu verkörpern scheint. Er ist intelligent und von hochfahrender intellektueller Arroganz, die sich aus seinen hervorragenden Kenntnissen der Literatur, vorwiegend der französischen Literatur, speist. Silbermann ist ist als Sohn eines assimilierten protestantische Richters reich, er lebt sein Außenseitertum, gibt sich bewusst wehrlos, provoziert so und weist in seinem Aussehen Merkmale aus, die Juden vermeintlich auszeichnen.

Ein anderer Schüler, der Ich-Erzähler, ist der einzige, der sich auf die Seite Silbermanns schlägt, ihn in Schutz nimmt und Verständnis für diesen „Außenseiter" hat. Spätestens in dem Augenblick, als David ihm erklärt, warum ist, wie es ist: „Weil ich Jude bin.".
Stammt der Erzähler doch von den Hugenotten ab, die selbst Verfolgung und Ausgrenzung erlebt haben. Sein Einstehen für den jüdischen Mitschüler zwingt ihn zu Entscheidungen gegen andere Mitschüler, gegen Freunde. Auch gegen seine Familie. Und: er fühlt sich gut in dieser Rolle, nicht nur um der Sache willen, sondern vor allem seiner Selbtsverliebtheit willen.

So zeigt sich in diesem schmalen Band, in dieser Erzählung auch sehr deutlich:
Antisemitismus und Philosemitismus haben mehr miteinander zu tun, als uns gemeinhin klar ist. Eine wichtige Erkenntnis, die de Lacretelle gleichsam en passant vermittelt.

Irgendwann gibt Silbermann auf. Er geht sehr unfreiwillig von der Schule ab, er entsagt seinen intellektuellen Ambitionen und wandert nach Amerika aus. Er wird Diamantenhändler und damit den Voruteilen gerecht, die Juden zugeschrieben werden. David Silbermann erfüllt ssozusagen ein jüdisches Schicksal und begehrt gleichzeitig dagegen dagegen auf, in dem er auf die Verfehlungen vieler Mitglieder der französischen Gesellschaft verweist.

Was sich hier literarisch als einfache, allerdings brillant erzählte Geschichte zeigt, ist eine großartige psychologische Studie: mehrdimensional, spannungsgeladen und durch den Sprachduktur von große Authentizität.

Damit erklärt sich auch die Bestürzung, die der Leser erfährt. Bestürzung über das, was Hannah Ahrendt einmal die „Banalität des Bösen" genannt hat. Und der „Schoß" ist fruchtbar immer noch.

© Günter Nawe

Jacques de Lacretelle: „Silbermann“
Lilienfeld Verlag, 19,90 €