Unser Buch des Monats Dezember 2011Mathias Énard: „Erzähl ihnen von Königen, Schlachten und Elefanten“

Die Brücke über das Goldene Horn –
Mathias Énards begeisternder Roman

Enard Schlachten
Mathias Énard: „Erzähl ihnen von Königen, Schlachten und Elefanten“
Berlin Verlag, 17,90 €

1506 reiste Michelangelo - er hatte sich gerade mit dem Papst wegen dessen schlechter Zahlungsmoral verkracht - im Auftrag des osmanischen Sultans Bayezid II. nach Konstantinopel. Der Künstler sollte eine Brücke über das Goldene Horn bauen. Ein Auftrag, an dem der Rivale Leonardo da Vinci bereits gescheitert war.

Ob es denn wirklich so war - die Quellenlage (Condivi, Vasari) ist nicht eindeutig. Und wenn nicht? Die Geschichte, die uns der französischen Schriftsteller Mathias Énard erzählt, ist zumindest gut erfunden und wunderschön.

Michelangelo kommt aus dem katholischen Italien in eine Stadt, die kosmopolitisch ist, in ein Handelszentrum von weilweiter Bedeutung und in eine tolerante Stadt, in der Muslime, Christen und Juden miteinander leben und sich gegenseitig respektieren. Für Michelangelo eine bisher unbekannte Erfahrung. So ist die Brücke mehr als nur ein Auftrag und ein architektonisches Konstrukt. Sie ist eine Art Metapher. Michelangelo hatte begriffen, „...dass das Werk, das man von ihm erwartet, kein schwindelerregender Steg ist, sondern der Zement einer Stadt, der Stadt der Kaiser und Sultane. Eine militärische Brücke. Eine Handelsbrücke, eine religiöse Brücke. Eine politische Brücke".
Und eine einzigartige Verbindung zwischen Okzident und Orient, durch die Trennendes überwunden und Gemeinsames verbunden werden kann.

Wie der Künstler die Stadt erlebt, die fremde und auf ihre Weise verwirrend-begeisternde und manchmal auch verstörende Metropole, davon erzählt Énard. Und von der Arbeit des Meisters, der mit der Konstruktion der Brücke so gar nicht vorankommt. Abgelenkt von Eindrücken und von den Menschen, die ihm in der muslimischen Hofgesellschaft begegnen: So der Dichter Mesihi, der ihm Gesprächspartner ist, der ihm die fremden Gebräuche erklärt und die Stadt bei Tag und Nacht zeigt. Mesihi wird sich in Michelangelo verlieben, wird sich ihm aber nicht offenbaren. Wie die Liebe überhaupt ein zentrales Moment in diesem kleinen Roman ist.

Zuviel Neues, oft auch Befremdliches für das Renaissance-Genie Michelangelo. Bei einem „Fest der Liebe" trifft er in einem Vergnügungslokal eine Tänzerin, oder ist es ein Tänzer? - Michelangelo verliebt sich in dieses androgyne Wesen, verbringt eine Nacht mit ihm oder mit ihr.

Mathias Énard hat es auf sehr feine Art verstanden, nicht nur eine Geschichte über Architektur und Brückenbau zu erzählen. Er hat einen kleinen, jedoch sehr eindringlichen Künstlerroman geschrieben. Er hat eine Geschichte über Liebe und Lust erzählt, über Sehnsucht und Eifersucht, über das So-sein und das Anders-sein. Und damit auch eine Geschichte der Toleranz.

Man lebt allerdings auch gefährlich in dieser Stadt. Das muss auch der Künstler aus fernem Land erleben. „Aufmerksam betrachtet er diese fremdartige Stadt, das für die Christenheit verlorenen Byzanz; er fühlt sich einsam, einsamer denn je, schuldig, erbärmlich." Dies alles wird Michelangelo ängstigen und verstören. Und so drängen ihn seine Brüder zur Rückkehr nach Italien.

Aber da ist noch der Auftrag: „Als sie wieder über das Goldene Horn fahren, sieht Michelangelo die Brücke vor sich in der Morgensonne baden... Eine Brücke taucht aus der Nacht auf, geknetet aus dem Stoff der Stadt." Er hat seinen Auftrag letztlich, endlich erfüllt. Der Sultan beglückwünscht ihn. Allerdings entspricht die Entlohnung längst nicht dem, was Michelangelo erwartet hatte.

Am Ende ist er gescheitert. „Er verlässt Konstantinopel heimlich. Den Tod im Nacken, niedergeschmettert von der Erinnerung an eine Liebe, die er nicht schenken konnte, bis es zu spät war, verraten, wie er glaubt, von Mesihis Eifersucht, betrogen von den Mächtigen, bedrängt von seinen Brüdern und der Aussicht, sich wieder in den Dienst des Papstes zu stellen, ergreift er die Flucht, wie er drei Monate zuvor aus Rom geflohen war: verletzt, hin- und hergerissen, gebrochen".

Mathias Énard, er hat bereits mit seinem Roman „Zone" große Aufmerksamkeit erregt, ist ein großartiges Buch gelungen. Ein Bericht, wenn man so will, der sich teilweise wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht liest; wie ein Bericht, in dem „von Schlachten, Königen und Elefanten" erzählt wird. Raffiniert, in kurzen, sprachlich brillanten Varianten, verknüpft er die Ereignisse, versteht er sich auf eine gelungene Charakteristik seiner Figuren. Die Vorliebe dieses Autors für alles, was Arabien und arabische Kultur und Geschichte betrifft, lässt ihn faktentreu und in jeder Weise authentisch erzählen.

Damit reicht die Brücke über das Goldene Horn hinein in unsere Zeit - als Gleichnis, als Chance und Möglichkeit. So gelesen ist der Roman von Mathias Énard weit mehr als nur ein wunderbares Buch, ein kleines literarisches Meisterwerk. Es hat eine Botschaft - unaufdringlich vermittelt und doch gerade deshalb sehr eindringlich.

© Günter Nawe

Mathias Énard:
„Erzähl ihnen von Königen, Schlachten und Elefanten“
Berlin Verlag, 17,90 €