Unser Buch des Monats November 2011Paul Valéry: „Denis Bertholet. Die Biographie“

„Das Leben ist eine Erzählung"
Über die große Valéry-Biographie von Denis Bertholet

Paul Valéry: Denis Bertholet
Paul Valéry:
„Denis Bertholet. Die Biographie“
Suhrkamp Verlag
39,90 €

Der Anspruch ist hoch: Als „Die Biographie" wird Bertholets „Valéry" in der deutschen Ausgabe bezeichnet. Und so stutzt der Leser erst einmal, denn die französische Ausgabe der Biographie über Paul Valéry enthält diesen Zusatz nicht. Schnell aber wird deutlich, dass diese Bezeichnung ihre Berechtigung hat. Liegt doch damit jetzt die einzige Gesamtbiographie des französischen Dichters, Schriftstellers, Philosophen, Essayisten - kurz: eines der größten und bedeutendsten Intellektuellen seiner Zeit - in Deutschland vor.

Denis Bertholet, ehemaliger Dozent am Institut für Europäische Forschungen an der Universität Genf und jetzt freier Autor, hat eine phänomenale Arbeit vorgelegt.
Er zeigt uns einen bis dahin weitgehend unbekannten Valéry, der zum Repräsentanten Frankreichs geworden ist.

Wer also war dieser Paul (Ambroise Toussaint Jules) Valéry? Bertholet „strukturiert das Leben Valérys nach den Linien seiner Kindheit, Schul- und Jugendzeit" (Jürgen Schmidt-Radefeldt in seinem sehr informativen Vorwort). Und so führt Bertholet den Leser entlang der Daten eines Lebens, das am 30. Oktober 1871 im südfranzösischen Sète begann. Seine Jugend verbrachte Valéry in Montpellier, hier studierte er später auch Jura. Erste Gedichte entstanden. 1894 ging der junge Valéry nach Paris, wo er zwei entscheidenden Bekanntschaften machte: mit André Gide und mit Stèphane Mallarmé. Beide waren für sein gesamtes Schaffen wegweisend.

Noch beschäftigte sich Valèry allerdings vorwiegend mit „Brotberufen". So arbeitete er 1896/1897 bei einer Presseagentur in London, später als Redakteur beim Kriegsministerium in Paris, bei einer Nachrichtenagentur und 1900 als Privatsekretär eines Wirtschaftsmagnaten. Danach sollte er nur noch als freier Schriftsteller leben.

„Das Leben ist eine Erzählung", hat Valéry einmal geschrieben. Und: Die Person ist „ein Spiel der Liebe und des Zufalls". In diesem Sinne erzählt der Biograph Denis Bertholet das Leben Valérys und erklärt das „Spiel der Liebe und des Zufalls", das die Person des Dichters ausmachte.

Eines der entscheidenden intellektuellen Erlebnisse im Leben des jungen Valéry fand in der Nacht zwischen dem 4. und 5. Oktober 1892 statt. Was war in dieser „fürchterlichen Nacht", der berühmten „Nacht von Genua" geschehen? „Seine Leiden, seine Ambitionen, seine Liebespassion, seine exaltierte Religiosität - all das prallt in ihm aufeinander und zerbirst...", so Bertholet. Und Valéry: „Ich bin zwischen mir und mir". Er bricht mit der Literatur als Idol. Er will künftig nur noch „in die Realität der Sprache und des Geistes" eindringen.

Eine von vielen Lebenskrisen, die Paul Valéry treffen sollten. Und die sich immer als äußerst fruchtbar erwiesen. Für sein Selbstverständnis und für sein Werk. Bertholet arbeitet das im Fortgang seiner faktenreichen Biographie deutlich heraus. So wenn er erzählt, wie Valéry doch immer wieder zur Dichtung zurückfindet und wie sein Leben und sein Werk einander bedingen.

Valérys Ruhm wuchs und wuchs. Er hatte Kontakt mit allen großen Schriftstellern, Politikern, Naturwissenschaftlern, Philosophen, Musikern und Malern - mit der gesamten geistigen Elite Europas. Er war gefragt als Autor und Referent kultureller und philosophischer Themen, er schrieb literaturtheoretische Essays und hielt literaturkritische und nicht zuletzt politische Vorträge. Es begann für den „Aristokraten des Geistes" eine Art Tourismus durch Frankreich und ganz Europa, immer wieder eingeladen zu Reden in privaten Salons, vor großen Institutionen, in Universitäten. Ehrungen häuften sich. 1923 wurde er Chevalier de la Légion d'honneur, 1925 Mitglied der Académie française, 1937 Professor für Poetik am Collège de France.

Poetik: Die Poesie des Dichters Paul Valéry entwickelte sich von den symbolistischen Anfängen hin zu einer Art „poésie pure". So entstanden die großen Werke „La Jeune Parque" (1917 - dt. „Der jungen Parze"), Charmes (1922) und das berühmte Langgedicht „Le Cimitière marin" (1940). Ein anderes seiner bedeutenden Werke ist bereits 1896 erschienenen: „Monsieur Teste", das Fragment eines philosophischen Romans, der mit dem berühmten Satz beginnt „Dummheit ist nicht meine Stärke.". Teste ist eine Schlüsselfigur der Moderne und ist Valèry selbst auf der Suche nach der Klarheit und Unabhängigkeit des Denkens.

Viele seiner Produktionen stehen in Zusammenhang mit aufregenden, teilweise dramatischen Liebesgeschichten. Der liebenden Gatte und treusorgenden Familienvater traf 1920 die schöne, intelligente und etwas exzentrische Catherine Pozzi und ihn - die Liebe wie ein coup de foudre. Eine Liebe, die ihm „Himmel und Hölle" bereiten wird. Man lese ihr schonungsloses Tagebuch „Paul Valéry - Glück, Dämon, Verrückter". Eine Liebe auch, die alles das wiederaufleben lässt, von dem er sich in der „Nacht von Genua" glaubte getrennt zu haben: die Literatur. Über acht Jahre sollte die liaison dangereuse dauern. 1938 dann wird der mittlerweile 67-jährige Valéry die schöne Jean Voilier treffen. Er hat wieder Lust zu lieben und geliebt zu werden, er schreibt ihr wunderbar kleine Texte. Und er arbeitet wieder.

Gearbeitet hat Valéry immer. Zum Beispiel an den „Cahiers". Täglich von fünf bis acht Uhr morgens, von 1894 bis zu seinem Tode, hat Paul Valéry an diesem in der Literatur fast singulären Dokument geschrieben. Es belegt seine unersättliche Wißbegier und seine Nachdenklichkeit, seinen Versuch der Erkenntnis und der Selbstverständigung. Für den Leser sind diese „Cahiers", weil teilweise sehr enigmatisch, eine Herausforderung.

Von seinem „Faust" müsste noch die Rede sein, vom homo politicus Valéry und vielem mehr. Das hat Denis Bertholet, ausführlich, kenntnisreich und brillant geschrieben, getan. Ein umfangreicher Bildteil „illustriert" sehr schön das Gelesene.
Mit Bertholets Biographie haben wir einen exzellenten Führer durch Leben und Werk eines der außergewöhnlichsten Persönlichkeiten der europäischen Literatur- und Geistesgeschichte. Für die deutsche Übersetzung haben Bernd Schwibs, den wir am 8. November 2011 in der Lengfeld'schen Buchhandlung bei seiner Vorstellung des Buches erleben werden, und Achim Russer überzeugend gezeichnet.

So ist diese Biographie in gewisser Weise auch eine Würdigung Paul Valérys aus Anlass seines 140. Geburtstags. Und ein wenig soll dies auch diese Rezension sein. Am Ende dieser Besprechung soll deshalb ein Vers aus einem der berühmtesten Gedichte Paul Valérys stehen - aus „Der Friedhof am Meer":

„Der Wind erhebt sich! Leben: ich versuch es!
Riesige Luft im Blättern meines Buches,
und Wasser, dort zu Staub zersplittert sichs!
Ihr Seiten fliegt beglänzt aus meinem Schoße,
und Woge, du! mit frohem Wellenstoße,
das Dach unter dem Klüverschwarm -, zerbrichs!"

Gemeint ist der Friedhof von Sète, der „Cimetière marin", auf dem Paul Valéry, gestorben am 20. Juli 1945 in Paris, am 26. Juli 1945 begraben wurde.

© Günter Nawe

Paul Valéry: „Denis Bertholet. Die Biographie“
Suhrkamp Verlag, 39,90 €