Unser Buch des Monats September 2011Edmund de Waal:
„Der Hase mit den Bernsteinaugen“

Vom Leben der Menschen und der Dinge. Edmund de Waal hat eine faszinierende Familiengeschichte geschrieben

de Waal Hase
Edmund de Waal: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“
Zsolnay, 19,90 €

Ein Buch, wie es einem selten unterkommt. Geschrieben von Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Getreidehändler- und späteren Bankiersfamilie Ephrussi. Und damit ist ein literarisches Ereignis erster Güte zu vermelden; ein Familienroman, eine Kunst-, Kultur- und Zeitgeschichte und vieles mehr. Eine Geschichte des Geschmacks auch und der Gefühle. Vor allem aber ist „Der Hase mit den Bernsteinaugen" eine fantastische, eine höchst spannende und dramatische Erzählung - wie sie, beginnend im Europa des ausgehenden 19. Jahrhundert bis ins Heute hinein, beispielhaft ist.

De Waal, Professor für Keramik an der Universität London, hat sich auf die Spur seiner illustren Familie begeben. Mit dieser Familiengeschichte eng verbunden sind 264 Netsukes, kleine japanische Figuren. Sie sind der Leitfaden, an dem entlang Edmund de Waal erzählt und schreibt. Ihm war daran gelegen zu zeigen, wie über Objekte Erinnerungen bewahrt und transportiert werden können. Und das ist ihm bestens gelungen.

Von Tokio kamen diese wunderbaren Figürchen, darunter der titelgebenden „Hase mit den Bernsteinaugen", einst zu Charles Baron Ephrussi nach Paris. Dieser Charles, geboren in Odessa, Kunstsammler und -historiker, Freund von Künstlern und Literaten und nicht zuletzt Vorbild für Charles Swann in Marcel Prousts „Recherche", ist eine der interessantesten Figuren in diesem Buch. Wer sich über die faszinierende Schilderung de Waals hinaus ein Bild von ihm machen möchte: Charles Baron Ephrussi ist auf Renoirs Gemälde „Déjeuner des canotiers" zu erkennen.

Höchst abenteuerlich ist der weitere Weg dieser japanischen Miniaturen durch Zeiten und Länder. Von den Pariser Salons nach Wien, wo Viktor und Emmy Ephrussi im Palais in der berühmten Ringstraße residierten. Kultiviert wie alle Ephrussis, vor allem aber schwer reich und mehr an den materiellen Dingen interessiert sind die Odessaer Abkömmlinge wie ihre Vorfahren berühmt , aber nicht immer geliebt. Theodor Herzl hat sie als „Spekulanten" beschimpft. Und auch Isaak Babel war ihnen nicht besonders freundlich gesinnt. Nicht zuletzt „erscheinen" sie „literarisiert" bei Joseph Roth.

Zu ihnen also kamen die 264 Netsukes - und fanden Platz im Ankleidezimmer von Emmy. Hier wurden sie zum Spielzeug der Kinder. Hier waren die kleinen Kunstwerke „Zeugen" intimer Verrichtungen, wurden sie ein weiteres Mal zu Objekten der Erinnerung. Elisabeth, die Großmutter des Autors, weiß davon zu „erzählen". Auch von der weiteren und nun schrecklichen Geschichte der Familie. Die Ephrussis musste den politischen Ereignissen und Entwicklungen ihren Tribut zahlen. An dieser Stelle wird Weltgeschichte zur Familiengeschichte. Durch den ersten Weltkrieg verursacht verliert die Familie an Einfluss und Renommé. Wenig später sollte für die Juden Ephrussi der Anschluss Österreichs an das Nazideutschland sogar lebensgefährliche Folgen haben.

Edmund de Waal hat gründlich geforscht und akribisch recherchiert: in Archiven, Museen und wo immer sich etwas über seine Familie finden ließ. Das entspricht seiner Intension. Er wollte „...keine nostalgische Familiengeschichte über verlorenen Glanz und Ruhm schreiben". „Es sollte nicht sentimental im Tonfall sein, ich hasse nämlich solche Bücher. Mein Anliegen war es, die Geschichte meiner Familie so realitätsnah wie möglich festzuhalten, ohne dabei peinlich zu werden". So der Autor.

Das ist er in keiner Zeile - weder nostalgisch noch sentimental. Auch nicht, wenn er von der „Rettung" der Netsukes erzählt. Obwohl die Nazihorden das Wiener Palais verwüsten und plündern, entgehen ihnen die kleinen Kunstwerke - dank des alten Hausmädchens Anna, die „war damals so mutig und hat die Netsuke-Sammlung vor den Nazis cversteckt, aufbewahrt und meiner Familie wieder zurückgegeben".

Und damit - der Kreis schließt sich - gelangen die Miniatur-Kunstwerke, die Familie ist mittlerweile in aller Welt verstreut, wieder nach Tokio, zum Herkunftsort. Bis sie jetzt in London ihren hoffentlich endgültigen Platz gefunden haben.

Edmund de Waal schreibt in einem höchst eleganten Stil, brillant und wortmächtig. So ist ihm eine wunderbare, ja unvergleichliche Familienchronik gelungen - durch die Zeiten hinweg, über das Leben der Dingen und der Menschen, die sie besitzen; und über die bleibende Erinnerung daran.

© Günter Nawe

Edmund de Waal: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“
Zsolnay, 19,90 €