Unser Buch des Monats August 2011Georges Simenon: „Die Witwe Couderc“

Eine Geschichte um Liebe und Macht und Schuld: Georges Simenon - zum Wiederlesen empfohlen

Simenon Couderc
Georges Simenon: „Die Witwe Couderc“
Diogenes Verlag
9,- €

Es gab sicher für viele Leser in ihrem Leseleben so etwas wie eine „Simenon-Zeit". Da wurden nicht nur die berühmten Maigret-Romane regelrecht verschlungen; auch die Non-Maigrets fanden große - und vor allem literarische - Aufmerksamkeit.

Nicht ohne Grund „pflegt" daher der Diogenes Verlag seinen Autor Georges Simenon (1903-1989) mit sehr schönen Ausgaben. So jetzt mit einer wunderbaren neuen Übersetzung des Romans „Die Witwe Couderc" durch Hanns Grössel. Geschrieben hatte Georges Simenon diesen Roman bereits 1942. An Frische hat er bis heute jedoch nichts verloren. Und deshalb: Empfohlen an dieser Stelle als „Unser Buch des Monats" und damit als Sommer- und Ferienlektüre. Aber Vorsicht!

Nein, „Die Witwe Couderc" hat es nicht leicht gehabt in ihrem Leben. Die Bäuerin Tati hat mit allen möglichen und unmöglichen Familienverhältnissen zu kämpfen, muss sich mit der Mißgunst der Verwandschaft auseinandersetzen, ihrem greisen Schwiegervater ab und an zu Willen sein und mit den sonstigen Unbilden des Lebens herumschlagen. Nein, leicht hatte sie es nicht.

Da begegnet ihr, der Fünfundvierzigjährigen, der entlassene Sträfling Jean, 28 Jahre alt. Er hat fünf Jahre gesessen und ist mit seiner Tat und seiner Strafe immer noch nicht im Reinen. Er wird Tati nicht nur eine große Hilfe auf dem Hof und im Stall sein. Sie nimmt ihn auch in ihr Bett. Er wird ihre letzte Liebe sein, sie seine erste. Eine seltsame, eine stille Liebe, eine Liebe für ein neues Leben...?

Was sich hier erst einmal so unaufgeregt liest, ist ein hochkompliziertes Geflecht von seelischen und anderen Verstrickungen. Böse Gerüchte über Tati und Jean machen die Runde. Und bald lernt der attraktive Jean auch noch die leichtlebigen Félicie, lebenshungrig und amoralisch, kennen. Das wiederum führt zu Nachforschungen über sein Vorleben. Ein Spiel von Hoffnungen und Ängsten, von Nähe und Ferne und vielen Erniedrigungen sowohl für Tati als auch für Jean beginnt.

Aus dem beinahe idyllischen Anfang einer - wenn auch etwas außergewöhnlichen -Liebesgeschichte entwickelt Georges Simenon eine Geschichte mit schrecklichem Ausgang. Dazu bedient sich der Autor in für ihn typischer Diktion einer sehr einfachen Sprache, die gerade deshalb höchst kunstvoll ist und die Meisterschaft von Simenon bestätigt.

Meisterlich auch die psychologische Darstellung seiner Personen. Hier die schlichte Bäuerin mit harter Schale und weichem Kern. Ein neuer Anfang soll es sein, wirtschaftlich und persönlich - mit Jean. Das Leben aber ist komplizierter. So ist es bald nicht nur die Eifersucht, die sie plagen wird, von allen Seiten scheint man ihr die Liebe und den Erfolg zu mißgönnen.

Und Jean? Er hat einen Menschen erschlagen, ist dafür zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, nur zu fünf Jahren, obwohl auf seine Tat die Todesstrafe stand. Er also, der gar nicht mehr sein dürfte, ist immer noch irgendwie auf der Flucht vor seiner Schuld, versucht sich trotz der seelischen Belastungen in diesem neuen Leben einzurichten. Mit eben dieser Tati, die er in einer schweren Erkrankung aufopferungsvoll pflegt.

Aber gut kann das alles nicht gehen. Als die Polizei nach einer Reihe böser Verleumdungen hinter ihm her ist, weiß er, dass ihn seine Schuld eingeholt hat. Wie zum Beweis dessen wird Jean....

Mit dem Ende dieser Geschichte um das Spiel von Liebe und Macht, von Schuld und Tod wollen wir den Leser gern allein lassen. Spannung bei der Lektüre dieses kleinen literaischen Meisterwerks, dieses faszinierenden Psychodramas, können wir allerdings versprechen - von der ersten bis zur letzten Zeile.

Für Cineasten der Hinweis, dass dieser wunderbare Roman 1971 unter dem Titel „La veuve Couderc“ („Die Witwe und der Sträfling") als Film in die Kinos kam. Auch er ein psychologisches Meisterwerk mit Simone Signoret und Alain Delon in den Hauptrollen.

© Günter Nawe

Georges Simenon: „Die Witwe Couderc“
Diogenes Verlag, 9,- €