Unser Buch des Monats April 2011Robert Louis Stevenson: „St. Ives“

Eine abenteuerliche Flucht - Liebe inbegriffen: der meisterhafte Roman des Robert Louis Stevenson

Stevenson St. Ives
Robert Louis Stevenson: „St. Ives“
Carl Hanser Verlag
27,90 €

Der eine und andere unserer Leser wird sich noch erinnern an die faszinierende Lektüre der „Schatzinsel", an die Schauernovelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde" oder an „Die Junker von Ballantrae" - Bücher des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Historische Romane vor allem, die in der Tradition des großen Walter Scott („Ivanhoe"), auch des Alexandre Dumas des Älteren, stehen und ein literarisches Genre etabliert haben, das heute fast inflationäre Ausmaße angenommen hat.

Robert Louis Stevenson also, geboren 1850 in Edinburgh und gestorben im Alter von 44 Jahren 1894 auf Samoa. Neben vielen anderen Werken hat er der Nachwelt gleich einem Vermächtnis einen unvollendet gebliebenen Roman hinterlassen, der heute gemeinhin als sein Meisterwerk gilt: „St. Ives.". Dieser zwischen Naturalismus und Romantik angesiedelte Abenteuer- und Liebesroman ist, so sieht es der Verfasser des brillanten Nachworts Andreas Nohl, der auch als hervorragender Übersetzer zeichnet, eine Vorwegnahme postmodernen Erzählens. Über die Enstehung dieses Romans berichtet Stevensons Frau Fanny Van de Grift Stevenson in einem interessanten Erinnerungsbericht, der das Buch abschließt.

Stilistisch lässt sich dieser Roman an der zeitgenössischen Literatur messen. Eine geschliffene Sprache, klangvoll und rhythmisch zeichnen ihn aus. Auch zeigt sich das schriftstellerische Können Robert Louis Stevenson in der feinen Ironie, in der plastischen Charakteristik seiner Personen und in seinem großen erzählerischen Vermögen. „In der Tat gibt es kaum einen Schriftsteller, in dessen Werk die Sätze von solch überbordender Vitalität und schmeckbarer Sinnlichkeit funkeln." - so Andreas Nohl.

Den Leser, mit der Erinnerung an die Stevenson-Lektüre früherer Jahre, interessiert die literaturwissenschaftliche Wertung und Eindordnung vielleicht etwas weniger. Umso mehr die Story. Es ist die Zeit der napoleonischen Kriege, die den historischen Hintergrund zu diesem abenteuerlichen Roman abgeben. Der französische Junker Anne de Kéroual de St. Yves, auf Englisch wird er sich St. Ives nennen, gerät in Gefangenschaft der Engländer und wird ins schottische Edinburgh verbracht. Hier verliebt er sich in das hübsche Mädchen Flora, eine Schottin. Nicht zuletzt wegen ihr flieht er aus der Festungshaft, tötet einen Menschen und wird in der Folge des Romans von der Polizei gejagt.

Seine abenteuerliche Flucht führt ihn durch ein gottverlassenes Schottland - immer in Gefahr aufgegriffen zu werden. Dem entgeht er mit List und manchmal auch Tücke, Er gerät in große Gefahren, muss sich in finsteren Kaschemmen durchschlagen, lebt zeitweise in einem Hühnerstall, erlebt ein aberwitziges Abenteuer mit einem durchgebrannten Liebespaar, kommt zu Geld, dass ihm irgendwie wieder abhanden kommt. Am Ende wird der „gordische Knoten" zerschlagen. St. Ives bekommt seine Flora gegen alle Widerstände und landet wieder in Frankreich.

Dieser Held St. Ives ist eine außergewöhnliche Figur. Witzig, eloquent, wagemutig, fintenreich und selbstverliebt - Attribute, die ihm das Leben schon erleichtern, manchmal aber auch erschweren. Den Leser nimmt dieser Ritter mit Fehl und Tadel sehr schnell für sich ein. Ihm folgt er gern auf der Flucht, mit ihm leidet und liebt er. Und fühlt sich am Ende reichlich belohnt und hervorragend durch dieses Buch unterhalten..

Ein wunderbarere Roman aus einer anderen Zeit, der auch heute noch und immer wieder begeistern kann. Gute, große Literatur eben. Und deshalb zu Recht unser Buch des Monats April.

© Günter Nawe

Robert Louis Stevenson: „St. Ives“
Carl Hanser Verlag, 27,90 €