Unser Buch des Monats März 2011Philip Roth: „Nemesis“

Eine tragische Existenz – Über Philip Roths großartigen Roman

Roth Nemesis
Philip Roth: „Nemesis“
Hanser Verlag
224 Seiten, 49,95 €

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Philip Roth der größte lebende Schriftsteller Amerikas und einer der bedeutendsten Literaten der Welt ist - der Roman „Nemesis" ist dieser Beweis.

Der große alte Mann der amerikanischen Literatur hat einen meisterhaften Roman geschrieben; ein zutiefst menschliches Werk. Der Roman gehört in die zuletzt erschienene Reihe von "short novels" - von „Everyman", „Empörung" bis „Demütigung". Durchweg Bücher, die zum Bedeutendsten der amerikanischen Literatur gehören.

So also auch „Nemesis": Wie Nemesis, die „Göttin des gerechten Zorns", gerät auch der Protagonist des Romans Bucky Cantor in einen gerechten Zorn. Muss er doch sehr leibhaftig die Absurdität des Daseins erfahren, eine Absurdität, für die der Jude Bucky Cantor neben einem hohen Maß an Eigenverantwortlichkeit letztlich Gott verantwortlich macht: einen rächenden Gott, der ihn - Bucky Cantor - für seinen doppelten Verrat straft. Bucky Cantor ist eine alttestamentarische Hiob-Figur. Ein spannendes Thema für den Juden und bekennenden Atheisten Philip Roth, der seine Ansichten dem Erzähler des Romans, Arnold Mesnikoff, in den Mund legt.

Zuerst aber die Geschichte: 1944, in Europa und in Asien toben Kriege, während im verschlafenen Newark, vor allem im jüdischen Viertel, der liebenswerte Bucky eine Gruppe Jugendlicher sportlich betreut. Er, der aufgrund seiner Herzensgüte bei den Jugendlichen die Anerkennung erhält, die ihm an anderer Stelle versagt bleibt, weil er wegen seiner Kurzsichtigkeit nicht im Krieg für sein Vaterland kämpfen kann. Er macht sich darüber Vorwürfe, die er durch ein besonderes Verhalten in der Heimat zu kompensieren versucht.

Im glühend-heißen Sommer des Jahres 1944 jedoch bricht eine Polio-Epidemie aus. Eine Katastrophe. Junge Menschen auch aus dem Kreis der Bucky Cantor anvertrauten Gruppe erkranken lebensgefährlich; einige sterben. Mutig und verantwortungsbewusst kämpft Bucky gegen die Krankheit und für seine Jungs. Erfolglos. „Er hatte Gott nicht gehaßt, weil Er ihm seinen Großvater genommen hatte, als dieser ein dem Sterben angemessenes Alter erreicht hatte. Aber Alan Michaels durch Polio umzubringen? ... Wie konnte es angesichts von derart wahnsinniger Grausamkeit Vergebung ... geben?" Wo war Gott? Und die Gerechtigkeit? Und die Liebe Gottes?

Das Drama von Weequahic in Newark hat den Charakter einer griechischen Tragödie; die zu Bucky Cantors persönlicher Tragödie wird. Lange sträubt er sich, das gefährliche Terrain zu verlassen. Nach seinem Selbstverständnis entzieht er sich der Verantwortung, als er endlich dem Rat seiner Geliebten Marcia folgt und in ein vermeintlich ungefährdetes Sommer-Camp in Pennsylvania zieht - in eine amerikanische Idylle in Zeiten des Krieges. Hier will er sich mit Marcia verloben. Und hier trainiert er einen Schüler im Turmspringen. Nach einem der letzten Sprünge treten bei dem Jungen jedoch Lähmungen auf. Polio. Und wieder hat Bucky Cantor versagt. Schlimmer noch: Er hat die Krankheit, die auch ihn nicht verschonen wird, eingeschleppt. Verrat, schuldhaft. Wie auch der vermeintliche Verrat am Vaterland, für das er nicht kämpfen kann, als sein Freund an der Front fällt. Aus einem Schuldgefühl heraus verschmäht er zudem die Liebe von Marcia. Auch an ihr also wird er eine Art Verrat üben.

Sehr einfühlsam schildert Philip Roth das Geschehen und die Seelenlage seines Protagonisten. Längst sitzt der gelähmte Bucky Cantor im Rollstuhl. Im Gespräch mit seinem Arnie (der Stimme des Autors), ein Gespräch über Gott, formuliert Bucky Cantor eine eigene Theologie. Marcia gegenüber hatte er bekannt: „Höre zu, dein Gott gefällt mir nicht... Er ist zu gemein für meinen Geschmack. Er verbringt zuviel Zeit damit, Kinder zu töten." Und zu Arnie: „Gott hat meine Mutter bei meiner Geburt getötet. Gott hat mir einen Vater gegeben, der ein Dieb war, Gott hat mir die Kinderlähmung gegeben, und ich habe sie an mindestens ein Dutzend Kinder weitergegeben. ... Wie verbittert sollte ich denn sein?"

Auf die Frage: "Glauben Sie immer noch an Gott, den sie schmähen?", antwortet Bucky Cantor: Ja, Irgendjemand muss das alles gemacht haben." - Bucky „konnte nicht akzeptieren, dass die Polioepidemie ... eine Tragödie war. .... Es muß eine Notwendigkeit geben für das, was geschieht. .... Dass das Ganze sinnlos, zufällig, absurd und tragisch ist, stellt ihn nicht zufrieden....".

Bucky Cantor ist eine wahrhaft tragische Existenz; ein Held des Absurden, wie Camus es sah. Und wie es Hiob erlebte - von Philipp Roth auf einzigartige Weise dargestellt. Wir lesen mit Bewunderung und Staunen, mit welcher Kraft und Sensibilität Roth diese kleine große Geschichte erzählt: die Geschichte von Bucky Cantor, die zugleich eine Episode aus der Geschichte Amerikas ist; die Geschichte einer Liebe und die Geschichte von Gott und den Menschen.

© Günter Nawe

Philip Roth: „Nemesis“
Hanser Verlag, 224 Seiten, 49,95 €