Unser Buch des Monats November 2010Lew Tolstoj / Sofja Tolstaja:
„Eine Ehe in Briefen“

„Wenn ich Gift zur Hand hätte, so würde ich es nehmen“. Der Briefwechsel zwischen Lew Tolstoj und Sofja Tolstoja

Tolstoj Tolstaja
Lew Tolstoj / Sofja Tolstaja:
„Eine Ehe in Briefen“
Insel Verlag, 22,90 €

„Alle glücklichen Familien ähneln einander, während jede unglückliche Familie auf ihre eigene Weise unglücklich ist". Es ist einer der berühmtesten Sätze der Weltliteratur, zu lesen in „Anna Karenina" von Lew Tolstoj. Ein programmatischer Satz, der auch anwendbar ist auf die Ehe des russischen Dichters Lew Tolstoj mit Sofja Tolstaja. Diese Ehe ist nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem 100. Todestag des Dichters am 20. November 2010 in den Fokus literarischen Interesses geraten. Gleichzeitig geschieht eine Neubewertung des Verhältnisses dieses Paares und eine, wenn man so will, Rehabilitation der Sofja Tolstoja als Ehefrau und als sehr eigenständige Schriftstellerin. Bisher galt sie als hysterische Person, die dem großen Tolstoj das Leben zur Hölle gemacht hat. Jetzt erscheint sie eher als Opfer. Mehrere Bücher, die gerade erschienen sind oder demnächst erscheinen werden, widmen sich diesem Thema. Eines der eindrucksvollsten, weil authentischsten Bücher ist unser Buchtipp des Monats: „Eine Ehe in Briefen".

Annähernd fünfzig Jahre waren sie ein Paar. Der am 28. August 1828 geborene Lew Tolstoj heiratet 1862 die um 16 Jahre jüngere Sofja Andrejewna Behrs. Eine romantische Liebesgeschichte zwischen dem längst berühmten Dichter und der Moskauer Arzttochter? Mitnichten - wie sich bald herausstellen sollte. Der Wandel von der anfänglichen harmonischen Verbindung zu einem veritablen Ehedrama ist jetzt bestens dokumentiert durch den Briefwechsel zwischen Lew Tolstoj und Sofja Tolstoja.

Sie haben sich unzählige Briefe geschrieben. Briefe, in denen ihr Alltags- und Familienleben regelrecht ausgebreitet wird, durch die sich spannende Einblicke in die Seelenlage der beiden Eheleute und in die Entstehung der großen Werke wie „Krieg und Frieden" und „Anna Karenina", „Die Auferstehung" und die berühmt-berüchtigte „Kreutzersonate" auftun.

Die Abschrift dieser Werke war übrigens eine der wichtigsten Aufgaben und eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit, der sich Sofja Tolstoja bis zuletzt mit großer Hingabe widmete. Ihr steht nicht nur eine Mitherausgeberschaft zu, sondern auch eine kritische Mitarbeit am Werk selbst. Es sollte ihr nicht gelohnt werden. An einer Stelle wurde sie einmal als „Amme des Talents ihres Mannes" bezeichnet. „Das Leben war so erfüllt und unsagbar glücklich durch unsere gegenseitige Liebe, die Kinder und vor allem die Arbeit an dem so bedeutenden Werk meines Mannes, das ich und später die ganze Welt liebte, dass wir nach nichts anderem strebten" - so hat Sofja selbst die ersten Jahre ihrer Ehe charakterisiert.

Vor allem aber geht es um eine außerordentliche, eine schwierige Liebe. Nach etwa zwanzig Jahren begann sich das Verhältnis abzukühlen. Lews Vorstellung vom Familien- und Eheleben war Sofjas Vorstellung nach und nach sehr entgegengesetzt. Das hing nicht zuletzt mit sechszehn Schwangerschaften/dreizehn Kindern in drei Jahrzehnten - Tolstojs sexueller Hunger nahm auf nichts und niemanden Rücksicht - zusammen. Und so befand sich die Familie bald in einem „tragischen Dilemma".

Der Wandel Lew Tolstojs vom Literaten zum religiösen und sozialen Denker, seine Kompromißlosigkeit, sein Traum vom einfachen Leben, seine eigenwillige Interpretation des Christentums und der Bergpredigt - dies entfremdete nicht nur Tolstoj von seiner Familie, sondern auch und vor allem von seiner Frau. Zeitweise wollte er beide, Frau und Familie, verlassen. Das Drama nahm seinen Fortgang.

Am 3. Februar 1882 schrieb Sofja ihrem Mann: „Mir ist widerwärtig, ich kränkle, mein Leben ist mir verhasst, ich weine ganze Tage lang, und wenn ich Gift zur Hand hätte, so würde ich es nehmen." Ein Jahr später ließ er sie wissen: „Ich liebte Dich so sehr, doch Du hast mich an alles erinnert, womit Du meine Liebe beharrlich zerstörst".

Das „Zerwürfnis" geht weit darüber hinaus und findet auch literarisch einen fast exemplarischen Ausdruck. 1889 erschien die „Kreutzersonate", die nicht nur die Öffentlichkeit ob ihrer Radikalität erschütterte. Auch Sofja, die sich durch diese Erzählung persönlich angegriffen und verletzt fühlte. Ihr Gegenentwurf erfolgte ebenfalls literarisch: „Eine Frage der Schuld" erschien 1892/1893.

Um all dies geht es in diesem Briefwechsel. Was wohl mündlich nicht mehr möglich war, geschah hier. Rede und Gegenrede, jedwede Auseinandersetzung, seelische Verletzungen, die sich das Paar gegenseitig zufügte, Wut und Schmerz, Sehnsucht und Liebe - hier fanden sie Ausdruck und Form. Zwei in vieler Hinsicht außergewöhnliche Menschen, verbunden in Liebe und am Ende in Hass offenbarten sich auf schonungslose Weise. Doch sie konnten voneinander nicht lassen. 1897 - sie hatten sich in Sachen Liebe wohl kaum noch etwas zu sagen - hatte sich Sofja dem Komponisten Tanejew genähert. Es kam zu Eifersuchtsausbrüchen Tolstojs und zu einer schweren Krise. Tolstoj schrieb seiner Frau am 8. Juli 1897 einen Abschiedsbrief. Einen anrührenden Brief, in dem er sich selbst die Schuld an allem gibt; es war noch einmal und zum letzten Mal so etwas wie ein Liebesbrief.

Tolstoj blieb, und das Drama nahm seinen Fortgang. In Tagebucheintragungen, die Sofja zufällig zu Augen gekommen sind, erniedrigt und beleidigt er sie auf übelste Weise. Am 15. Juli 1910 schreibt sie ihm: „...Mit der einen Hand liebkost Du mich, während Du mir das Messer zeigst, welches Du in der anderen hältst. Gestern fühlte ich undeutlich, dass dieses Messer mein Herz bereits verletzt hat....". Aber nicht Sofja geht, sondern Lew. Auf der Bahnstation Astopowo, wohin er sich geflüchtet hatte, wird der Dichter am 20. November 1910 sterben. Seine Frau Sofja, die ihm nachgefahren ist, lässt man nicht zu ihm.

Dieser Briefwechsel, der hier erstmals publiziert wird, ist ein erschütterndes Zeugnis einer Liebe, die am Ende keine mehr war; einer Ehe, die zur Zweckgemeinschaft geraten ist. Er ist aber auch ein literarisch wertvolles Dokument, das für die Charakteristik dieser beiden Menschen bedeutsam ist und das zeigt, wie sehr Leben und Werk zusammenhängen.

Der Briefwechsel ist von Ursula Keller und Natalja Sharandak hervorragend und sehr kompetent übersetzt. Und das wiederum macht neugierig auf die erste umfassende Biografie der Tolstaja, die die beiden Autorinnen im Februar 2011 vorlegen werden.

© Günter Nawe

Lew Tolstoj / Sofja Tolstaja: „Eine Ehe in Briefen“
Insel Verlag, 22,90 €