Unser Buch des Monats Oktober 2010Martin Mosebach: „Was davor geschah“

Karussell der Eitelkeiten und Affären: Martin Mosebach hat ein Meisterwerk geschrieben

Mosebach Was davor geschah
Martin Mosebach: „Was davor geschah“
Carl Hanser Verlag,
336 Seiten, 21,90 €

Nein, wir werden uns nicht über die Juroren erheben, die die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2010 erstellt haben. Literatur lebt eben auch von den unterschiedlichen Wahrnehmungen. Interessant in diesem Falle aber ist schon: Während der auf dieser Shortlist nicht vertretene Martin Mosebach mittlerweile auf den Bestsellerlisten zu finden ist - sagen wir es einmal respektlos: dümpeln die ausgewählten Titel (nimmt man Rabinovicis Roman „Andernorts" einmal aus) in der Lesergunst so vor sich hin. Und das hat ja wohl Gründe.

Martin Mosebach also und sein neuer Roman „Was davor geschah"! Es ist sicher der sprachlich überzeugendste Roman dieses Herbstes - und für die Lengfeld'sche Buchhandlung eindeutig das „Buch des Monats" Oktober. Martin Mosebach, Büchner-Preisträger und Autor so erfolgreicher Romane wie „Der Mond und das Mädchen" und „Das Beben", hat einen herrlichen Gesellschaftsroman geschrieben - mit ironischer Färbung und einem satirischen Beiklang.

Mosebach ist ein konservativer Autor, wenigstens gibt er sich so. Und so liest sich sein Roman, als wäre aus dem späten 19. Jahrhundert. Anklänge an Thomas Mann kann man feststellen. Und von Weitem grüßt auch Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften". Mosebachs Texte kommen schlicht daher, sind aber bei genauem Hinsehen von äußerster Raffinesse. Was er und wie er aber schreibt, gehört in die literarische Moderne; seine Figuren sind Typen von heute. Leute, „die keiner mag" ob ihrer Blasiertheit, ihrer Egozentrik und Naivität. Selbstbewusst sind sie und arrogant und doch wieder verunsichert vom Leben. Martin Mosebach hat sie hineingestellt in eine comédie humaine.

Eine Zufallsbekanntschaft ist es, eine Auf-den-ersten-Blick-Liebesgeschichte, die den Roman bestimmt. Und sie beginnt mit der Frage „Wie war das.... als es mich noch nicht gab?". Eine Frage, die eine Frau stellt und vom Erzähler in diesem Roman beantwortet wird. Er erzählt die Vorgeschichte einer Liebe, einer Geschichte, die keinen Helden und keine Heldin hat. Dafür eine Reihe von unvergesslichen Charakteren, die sich auf einem „Karussell der Eitelkeiten und Affären" drehen.

Da ist die begüterte gutbürgerliche Familie aus Frankfurt/Main mit dem wunderbaren Namen Hopsten. Bei ihr trifft sich regelmäßig und zwanglos eine Art Haute-volée. Hier begegnet der Ich-Erzähler Phoebe, der Tochter des Hauses, die er zuvor bei einer Zugfahrt schon gesehen hatte: „... ein Engelswesen, mit einer Haut, die wahrscheinlich schon errötete, wenn ein heftiger Windhauch sie traf...". Auf sie wird der alternde Hausherr Bernward ein Auge werfen, während sich später seine Frau Rosemarie dem windigen Geschäftsmann Salam nähert. Der wiederum stürzt sich irgendwann einmal auf Helga, die Walküren-ähnliche. Ein lächerlicher Versuch und zum Scheitern verurteilt.

Bei Hopstens treffen sich auch der alten Schmidt-Flex und seine reizende Familie. Zu ihr gehört Silvi mit dem brasilianisch gerollte R, weinselig, ihr „weich-straffer Bauch bewegte sich im Gelächter", und Ehefrau des langweiligen jungen Hans-Jörg Schmidt-Flex. Er hatte eine „stets leicht fettigen Talgglanz" auf der vom Vater ererbten Stirn und Hämorrhoiden. Hans-Jörg war, wie es sich der Senior und „falsche Patriarch"gewünscht haben mag, alles andere als ein Kronprinz. Für den eher monarchisch gesinnten Vater eine einzige Enttäuschung.

Zwei Vögel spielen zudem eine wichtige Rolle in dieser comédie humaine. Eine Nachtigall und ein Kakadu. Sinnbilder innerhalb der Erzählung? „Die Nachtigall bedurfte keines weiteren Wesens, sie pfiff nicht listig oder verzweifelt, um auf sich aufmerksam zu machen, sie sang , wie ein Stern strahlt in der kosmisch leeren Nacht." Und der Kakadu? Er ist das „Maskottchen" der Familie Hopsten, gehört zum Haushalt - einfach so. „Und nun richtete sich, als werde in seinem Innern an einem Faden gezogen, die hellgelb, bisher fest an seinen Hinterkopf geschmiegte Krone auf... und stieß einen Schrei aus, eine funkensprühende Kreissäge war auf Beton gestoßen...".

Der Autor geht sehr liebevoll mit seinen Figuren um - wenn auch ironisch gebrochen. Bäumchen-wechsle-dich-Spiel und alle Versatzstücke, die der Leser eher in einem Groschenroman zu finden glaubt: Parties, Poolnachmittage und Sommerfrische, Geschäftliches am Rande, Erotisches allenthalben - sind die Folie, vor der sie agieren. Sie spielen ihr Spiel mit notwendiger Eleganz, garniert mit Gemeinplätzen, die man gestelzt von sich gibt. Der Autor hat daraus große Literatur gemacht, er hat herrliche Dialoge geschrieben, wundersame Psychogramme der Mitglieder dieser Gesellschaft formuliert. Bedächtig und mit Bedacht blickt er auf die Welt der Hopstens und mit äußerster Genauigkeit, wissend, aber nicht allwissend; mit spielerischer Leichtigkeit, mit der Souveränität seines Könnens und in einer Sprache, wie man sie heute kaum mehr liest.

Hier ist er also wieder, der literarisch immer gern zitierte „Kleinbürger" in seinen unterschiedlichsten Schattierungen. Martin Mosebach hat ihn zum Leben erweckt - in einem zeitgemäßen Roman. In einem Meisterwerk.

Zur Freude der Leser: Martin Mosebach wird am 28. Oktober 2010, 19:30 Uhr, hier in der Lengfeld'schen Buchhandlung seinen Roman vorstellen.

© Günter Nawe

Martin Mosebach: „Was davor geschah“
Carl Hanser Verlag, 336 Seiten, 21,90 €