Unser Buch des Monats September 2010Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer - ein Meister der Lebenskunst. Vor 150 Jahren starb der Philosoph.

Arthur Schopenhauer
Arthur Schopenhauer

„Kritische Gauner bleiben anonym, um ungestraft das Schlechte loben und das Verderbliche herabsetzen, also das Publikum zu betrügen zu können. Man soll ihnen stets als solchen begegnen und in dem angemeßenen Ton mit ihnen reden; statt Herr Recensent!"

Nach diesem Diktum eine Besprechung zu schreiben, einen Buchtipp abzugeben, fällt nicht leicht. Aber so war er eben - dieser Arthur Schopenhauer: boshaft und überheblich und kein Freund der Kritiker. Mehr solcher Boshaftigkeiten sind nachzulesen in den „Senilia - Gedanken im Alter", erschienen in Zusammenhang mit dem bevorstehenden 150. Todestag des große Philosophen und Schriftstellers am 21. September.

Nicht nur die Kritiker hat er aufs Korn genommen. Vor allem - und das ließ ihn nicht los -
waren es seine „Erzfeinde" Hegel, Fichte und Schelling, an denen er sich zeit seines Lebens rieb. Sie wie die gesamte akademische Philosophie überhaupt haben ihn und sein Werk nicht beachtet. „Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten … Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen …". Er rächt sich, indem er vom „ekelhaften Hegeljargon" spricht, von der „Hegelei" und von „Hegelianischen Flausen".

Nein, er hat seine Bissigkeit, seine Boshaftigkeit nicht verloren in den letzten Jahren seines Lebens. „Senilia" ist ein Notizbuch von 150 Seiten, in das der Philosoph Tag für Tag seine Gedanken, Meditationen, Lesefrüchte und so weiter eingetragen hat. Auch hier erscheint er noch einmal - wie der Herausgeber Franco Volpi in seiner Einleitung betont - als „ein Meister der Lebenskunst", der sich im Alter aus dem Misanthropen und Meckerer, der er war und immer auch irgendwie blieb, zu einem glücklichen und zufriedenen alten Weisen wandelte.

Trotzdem empört er sich, beschimpft und räsoniert er weiter; zum Beispiel über die „Sprachverhunzung"! „Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleischt zu sehen, und oben drauf den triumphierenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt....", lässt uns einer der besten Stilisten deutscher Sprache wissen.

Angefangen hat Arthur Schopenhauer dieses Buch im April 1852. Geführt und fortgeführt hat er es bis zu seinem Tode am 21. September 1860. Längst war er berühmt. Nicht nur durch sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung", sondern auch durch die „Parerga und Paralipomena", mit den „Aphorismen zur Lebensweisheit". Die „Senilia" können gut und gern als Fortsetzung, ja als Vermächtnis gelten. Noch einmal erschließt sich in diesem Werk, das Franco Volpi und Ernst Ziegler in einer mustergültigen Edition, bei der besonders der Kommentar- und Anmerkungsapparat zu loben ist, herausgegeben haben, die ganze Gedankenwelt, die großartige Philosophie - ergänzt um interessante Hinweise auf Wesen und Charakter des Arthur Schopenhauer.

Das gilt auch für die hervorragende Biografie, die Robert Zimmer vorgelegt hat. Für den promovierten Philosophen war Arthur Schopenhauer nicht nur ein großer Philosoph, er war der wohl einzige Philosoph, der ein umfassendes Verständnis hatte für Musik und Kunst und Literatur (Shakespeare und Goethe zum Beispiel) und selbst ein exzellenter Schriftsteller war. Dies alles beschreibt Zimmer im Kontext zu den Lebensdaten und der Werk- und Wirkungsgeschichte des Arthur Schopenhauer. Und das in einer Art und Weise und ohne ins populärwissenschaftliche Genre abzugleiten, die auch dem nicht philosophisch geschulten Leser Gewinn verspricht und Freude machen wird.

Denn es war - für einen Denker und Gelehrten zumal - schon ein aufregendes Leben, das dieser 1788 in Danzig geborene Schopenhauer geführt hat. Eine Reihe von Lebensstationen gab es: Hamburg (hier lernte er Kaufmann), Gotha und Weimar, Göttingen und Berlin, Rudolstadt und Dresden und schließlich Frankfurt/Main. Dazu viele Reisen, schon als Kind mit Aufenthalten in Holland, England, Frankreich und der Schweiz. Später zwei Italienreisen. In Rudolstadt schrieb er seine Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde", Grundlage für sein späteres Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung" (1818). In Weimar gab es dann die Auseinandersetzung mit Mutter Johanna und Schwester Adele, die mit einem unkittbaren Zerwürfnis endete. Ein „durchweg zweideutiges Leben" also.

Zimmer versteht es, alle diese Ereignisse und die späteren korrespondieren zu lassen mit den Anschauungen dieses gern als pessimistisch, misanthropisch und frauenfeindlich apostrophierten Einzelgängers mit dem Pudel, der übrigens auch Liebesbeziehungen und uneheliche Kinder hatte. Stattdessen war - nach Zimmer - der Philosoph ein kosmopolitischer Denker (mit gutem Grund trägt diese Biografie den Untertitel „Ein philosophischer Weltbürger"), der es verstanden hat, abendländisches Denken mit fernöstlichen Weisheiten in Verbindung zu bringen. Dies und sein Eigenwille brachte ihn zwangsläufig in den schon oben erwähnten Konflikt mit der bisherigen Philosophie und ihren Vertretern, die er neben sich nicht gelten ließ - außer Kant, den die akademische Philosophie missverstanden habe und mit dem einzig er - Schopenhauer - auf Augenhöhe denken könnt.

Vieles über Arthur Schopenhauer erfährt der interessierte Leser auch aus der jetzt wieder neuaufgelegten lesenswerte Biografie von Rüdiger Safranski, einem Standardwerk, dem jetzt allerdings gleichberechtigt die Zimmer-Biografie zur Seite steht. Die erste Empfehlung gilt aber der Lektüre der Schopenhauer-Werke selbst, die in einer ausgezeichneten Edition von Ludger Lütkehaus vorliegen.

Àpropos lesen: In der Vorrede zur ersten Auflage von „Die Welt als Wille und Vorstellung" heißt es: „Allein ich fürchte selbst so nicht loszukommen. Der bis zur Vorrede, die ihn abweist, gelangte Leser hat das Buch für bares Geld gekauft und frägt, was ihn schadlos hält? - Meine letzte Zuflucht ist jetzt, ihn zu erinnern, daß er ein Buch, auch ohne es gerade zu lesen, doch auf mancherlei Art zu benutzen weiß. Es kann, so gut wie viel andere, eine Lücke seiner Bibliothek ausfüllen, wo es sich, sauber gebunden, gewiß gut ausnehmen wird. Oder auch er kann es seiner gelehrten Freundin auf die Toilette, oder den Theetisch legen. Oder endlich er kann ja, was gewiß das Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren." Man sollte sich als Leser dennoch nicht entmutigen lassen. Auch wenn Schopenhauer gedichtet hat: „Daß von allem, was man liest, / Man neun Zehntel bald vergißt, / Ist ein Ding, das mich verdrießt./ Wer's doch All auswendig wüßt'!"

So war er, dieser Arthur Schopenhauer, der einmal von sich sagte: „Das Leben ist eine missliche Sache: ich habe mir vorgesetzt, es damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken." Und das tat er gründlich und prononciert, sodass sein Werk, die „Parerga und Paralipomena" (1851) mit den „Aphorismen zur Lebensweisheit", eine Art „Steinbruch" sind, aus dem sich jeder, was immer er will herausschlagen kann.

Gern sollte noch auf zwei weitere Titel hingewiesen werden, die Gewinn bringen und Freude machen werden. Vor Jahren hat Otto A. Böhmer ein Buch „Vom jungen Schopenhauer" veröffentlicht. Jetzt hat er nachgelegt - mit dem sehr lesenswerten Buch „Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit". Es ist fast ein „Lebensberater", aber von der besseren Art. Böhmer sieht den sprachgewaltigen Philosophen als Erfinder der Altersweisheit, die nicht glücklich, aber gelassen und vielleicht auch heiter macht.

Heiter macht zweifellos der Roman von Christoph Poschenrieder „Die Welt im Kopf".
Schopenhauer reist von Dresden nach Venedig, macht vorher Besuch bei Goethe in Weimar, erlebt allerlei Unbilden unterwegs, gerät ins Visier vom Metternichs Spionen und will eigentlich in Venedig nur Byron treffen. Er trifft aber zwei Frauen mit dem Namen Teresa, verliebt sich in die eine und sieht sich plötzlich als eine Art Nebenbuhler von Byron. Die Welt hat der Philosoph im Kopf - was aber ist mit der Wirklichkeit? Ein ausgesprochen intelligenter Roman, der sicher auch Schopenhauer gefallen hätte.

© Günter Nawe

Arthur Schopenhauer: „Senilia - Gedanken im Alter“,
C.H. Beck Verlag, 29,95 €

Robert Zimmer: „Arthur Schopenhauer - Ein philosophischer Weltbürger“,
dtv, 14,90 €

Rüdiger Safranski: „Schopenhauer“,
Hanser Verlag, 24,90 €

Otto A. Böhmer: „Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit“,
C.H. Beck Verlag, 10,90 €

Christoph Poschenrieder: „Die Welt ist im Kopf“,
Diogenes Verlag, 21,90 €