Unser Buch des Monats August 2010Philippe Le Guillou:
„Das Mittagessen am Ufer der Loire“

Im Winterlicht der Loire - Philippe Le Guillou traf den Dichter Julien Gracq

Julien Gracq
Philippe Le Guillou: „Das Mittagessen am Ufer der Loire“
Literaturverlag Droschl
112 Seiten, 15,- €

Sie trafen sich am Ufer der Loire - der Schriftsteller Philippe Le Guillou und der Dichter Julien Gracq. Es war einer von zwei Besuchen (im Februar 1998 und im November 2006), die Le Guillou nach Saint-Florent-de-Vieil, dem Geburtsort von Gracq, führten. Sie trafen sich zu einem Mittagessen, und Philippe Le Guillou hat darüber ein wunderbares kleines Buch geschrieben. Sozusagen das Protokoll einer Begegnung, wie es sie in Leben und Literatur sehr selten gibt.

Julien Gracq wäre am 27. Juli 2010 hundert Jahre alt geworden. Als Louis Poirier wurde er 1910 geboren; gestorben ist der hochgeschätzte Dichter am 22. Dezember 2007 in Saint-Florent-de-Vieil. Bereits seit 1970 war dieser Ort sein Retrait, seine Zuflucht, seine „Rückkehr stromauf... zur alten Loire, zu diesem Haus, in dem die Eltern gelebt hatten und in dem das Verfließen der Zeit dem Pulsschlag geheimer Archive gehorchte". So Le Guillou in dem zweiten Text („Monsieur Gracq") dieses Buches.

Le Guillou, einst Schüler von Julien Gracq - er hat über die Romane dieses Autors promoviert - war zeit seines Lebens ein großer Verehrer des Autors, der mit Büchern wie „Die Ufer der Syrten"und „Der große Weg. Das Tagebuch eines Wanderers". literarische Berühmtheit erlangt hatte. In „Der große Weg" charakterisiert sich der immer unzeitgemäße Schriftsteller selbst: „Ich bin kein Autor für die Massen, ich schreibe, wenn ich Lust habe, und zu meinem eigenenVergnügen. Ich habe keine Geschichten in der Schublade, die verbrauchen zuviel Energie, die Poesie hingegen kennt kein Alter".

Als letzten „Klassiker" hat man ihn häufig bezeichnet; als den „letzten Erben des Surrealismus". Ein Unbestechlicher war er, der Literaturpreise ablehnte und sich - wie Le Guillou festhielt, dem „Zwang zur Modernität" verweigerte. Umso nachhaltiger ist sein Einfluss auf die französische, die europäische Literatur.

Diesen Julien Gracq also hat Philippe Le Guillou besucht. Aus den Gesprächen bei einem Mittagessen und einem Spaziergang an den Ufern der Loire und der Èvre sowie in seinem alten Haus ist ein sehr einfühlsames Porträt geworden, ein „Protokoll" über Leben und Werk des Dichters Gracq. Biografische Notizen wechseln sich ab mit Betrachtungen über die geschriebenen Bücher, über den Literaturbetrieb, über Persönliches und Öffentliches. Über Kollegen wird diskutiert, so über Soller und über Ernst Jünger, den Gracq sehr geschätzt hat.

Als eine „liturgische Wasserwanderung flussaufwärts... auf die Quelle der Träume zu", nennt Guillou, selbst ein brillanter Stilist, seinen Text voller Verehrung für den Dichter, für den weisen Alten. „Lange Zeit sah ich ihn in meiner Vorstellung in weiter Ferne, in seine Legende gehüllt, unerreichbar. Wie ein großer Magier.... Seine Legende, was über ihn gesagt wurde, die grenzenlose Bewunderung, die ich für seine Bücher empfand..." machte ihn für Le Guillou „zum Inbegriff des seltenen und glanzvollen Schriftstellers". Er entdeckte nach und nach eine „vertiefende Geistesverwandschaft" mit Gracq, was sich in diesem Porträt-Essay manifestiert. Er zeigt einen Dichter des Jetzt und Heute und doch auch eine „Figur wie aus einer fernen Zeit". Und er bringt ihn dem Leser auf wunderbare Weise näher.

Über allem, was in diesem kleinen Buch geschrieben und gesagt ist, liegt das „eisige Winterlicht über der Loire, das Licht des Abschieds" - und trotzdem ein freundliches, ein berührendes"Licht". Ein Jahr nach der letzten Aufzeichnung ist der Dichter Julien Gracq in seinem Heimatort Saint-Florent-de-Vieil gestorben. So ist Philippe Le Guillous „Das Mittagessen am Ufer der Loire" auch als ein würdiger Nachruf zu lesen. Und eine Aufforderung, Julien Gracq erneut „zu entdecken". Mit diesem schmalen Bändchen ist ein hervorragender Anfang gemacht.

© Günter Nawe

Philippe Le Guillou: „Das Mittagessen am Ufer der Loire“
Literaturverlag Droschl, 112 Seiten, 15,- €

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