Unser Buch des Monats Juni 2010Lissabon – „Eine literarische Einladung“

Mit großen Autoren unterwegs. Eine wunderbare literarische Einladung

Wagenbach Lissabon
Lissabon – „Eine literarische Einladung“
Wagenbach Verlag (in der Reihe „Salto" erschienen)
jeweils 14,90 € / 15,90 €.

Sie bereiten sich gerade auf die nächste Städtereise vor - oder haben Sie gar die Koffer schon gepackt? Und alles dabei? Schließlich ist Reisezeit, Urlaubszeit - und damit natürlich Lesezeit. Der Buchtipp des Monats Juni beschäftigt sich deshalb mit einer Reihe von „Reisebüchern" aus dem Wagenbach Verlag, die nicht nur durch ihren roten Leineneinband auffallen und durch ihre schlanke „Gestalt", sondern durch ihren hervorragenden Inhalt. Alle Titel sind wunderbare und liebenswerte literarische Einladungen. Wohin?

Zum Beispiel nach Dresden, in die Stadt, von der Rudolf Alexander Schröder einst gesagt hat: „Mag's größere Städte geben: Schönere weiß ich nicht." Andere Autoren ziehen andere Städte vor. Wir, Leser und Reisende, haben den Vorteil, wählen zu können. Wir können uns einladen lassen nach Paris und Triest, nach Wien, Florenz, Neapel und und und ...

Die Reiseführer oder besser -verführer sind hochkarätige Autoren, die uns ihre Sicht auf ihre Stadt erlauben - unter bestimmten Gesichtspunkten oder als Gesamtüberblick. Wir lassen uns gern davon inspirieren und/oder überprüfen eigene Erfahrungen und Eindrücke an den Texten der Schriftsteller und Dichter.

Zum Beispiel Lissabon. Wer könnte uns die Stadt am Tejo besser „erklären" als Fernando Pessoa. Begleiten wir ihn also ein kleines Stück: „Im leichten Nebel des Vorfrühlingsmorgens erwacht schlaftrunken die Unterstadt, und die Sonne geht auf, als ob sie langsam wäre. Stille Heiterkeit liegt in der leicht kühlen Luft, und das Leben fröstelt in dem sanften Wind, der nicht weht, vor einer Kälte, die bereits vorüber ist, es fröstelt eher in der Erinnerung an Kälte als vor Kälte, weniger wegen des derzeitigen Wetters als vielmehr wegen des erst nahenden Sommers.....". António Lobo Antunes und José Saramago, Walter Benjamin und Erich Maria Remarque und andere erzählen von ihren Erfahrungen mit Lissabon und von ihren Eindrücken. So auch José Galhardo und Amália Roddrigues vom Fado da Saudade und Manuela Gonzaga von den geheimen Gärten Lissabons.

Auf diese Weise ersetzen diese kleinen Bände oft ganze Stapel von sogenannter Reiseliteratur. Literatur allerdings im besten Sinne des Wortes sind diese Texte: Gedicht, Prosa, Erlebnisbericht durchweg. Wir nehmen sie in die Hand, beginnen zu blättern und sind plötzlich in Rom oder auf Mallorca, in Athen oder Madrid oder Turin.

Oder in Istanbul. Türkische Autoren erzählen die jüngste Geschichte dieser alten Stadt auf der Schnittstelle zweier Kontinente, zweier Kulturen. Und so lohnt es zu lesen, wie Orhan Veli seine Stadt vorstellt: „Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen. / Zuerst weht ein leichter Wind, / Leicht bewegen sich / Die Blätter in den Bäumen... / Die großen Fischernetze werden eingezogen, / Die Füße einer Frau berühren das Wasser... / Ein Dämchen geht auf dem Gehsteig, / Flüche, Lieder, Rufe hinter ihr her... / Ein Vogel zappelt an deinen Hängen...".

Besser kann man wohl eine „Liebeserklärung" nicht formulieren. Und Veli ist nur einer von vielen Autorinnen und Autoren, die uns ihre Stadt auf unterschiedliche Weise näherzubringen versuchen: zum Beispiel der große Dichter Nâzım Hikmet, die deutsche Schriftstellerin türkischer Herkunft Emine Sevgi Özdamar oder Yaşar Kemal.

Bücher für die Reise also, als Vorbereitung, als Nachlese und überhaupt und für jede Lesezeit. An Ihnen, Leser und Reisender, ist es jetzt, diese „literarische Einladung" anzunehmen.

© Günter Nawe

Alle Bände sind bei Wagenbach, Berlin, in der Reihe „Salto" erschienen und kosten jeweils 14,90 €/15,90 €.