Unser Buch des Monats März 2010Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif

Das zärtliche Sakrament der Sehnsucht: Zum Gedichtband „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif“ von Friederike Mayröcker

Mayröcker Jäckchen
Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“
Suhrkamp Verlag
342 Seiten, 22,80 €

Und immer wieder EJ! Der geliebte Lebensgefährte, ihr „Hand- und Herzgefährte Ernst Jandl", den Friederike Mayröcker 2000 verloren hat, ist in ihren Gedichten stets gegenwärtig. Er wird angerufen, sie führt Gespräche mit ihm, sie trauert ihm in berührender Weise nach. So erreicht die Dichterin „plötzlich der stille Ruf das zärtliche Sakrament der Sehnsucht ... "; oder die Erinnerung im Gedicht „an EJ": „... es war schon Frühling wir waren / uns eins ich spürte die Fülle seines Geistes er trank / 1 Glas Rotwein und mehr und ich blickte ihn lange an faszte / nach seiner Hand...".

Zum 85. Geburtstag hat die zurzeit wohl bedeutendste Lyrikerin deutscher Sprache sich und uns mit dem wunderbaren Gedichtband „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif" beschenkt. Er enthält alle Gedichte, die die Dichterin in den Jahren 2004-2009 geschrieben hat. Und wieder zeigt sich Friedericke Mayröcker als große Sprachmagierin. Sie findet und erfindet Wörter, Sätze, die sich beim Hören, beim Lesen verwandeln. Mit der Kraft, der Farbigkeit ihrer lyrischen Bilder und durch ihre Assoziationen spielt sie mit Raum und Zeit, zaubert und verzaubert sie. Und wie wir es von Friedrike Mayröcker gewohnt sind: Vieles in diesen Gedichten ist hermetisch und rätselhaft.

Schon der Titel des Bandes „diese Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif" erschließt sich dem Leser nicht gänzlich. Und doch - auch hier wieder: die Lyrikerin erfindet eine neue Sprache und sprachmächtige Bilder des Erinnerns, wenn es heißt: „...manchmal tauchst du auf mit / wehendem Schal um mich zu küssen meine Lippen die / Schläfen die Hand, ich hätte nie gedacht dasz du....Winterküsse die kalt auf den Lippen geliebter Gesänge (um in / ihrer Sprache Freudenverse zu singen). Das ist der wildeste / Blut Schrei aber die Gräslein im Mund im Mond im Bächlein / nämlich auf dem Parkett".

Der „Sprache Freudenverse". Sie gibt es in herrlicher Fülle in diesem Band. Zum Beispiel, wenn die Mayröcker „auf Knien der Lust der Schreiblust rutschend, pilgernd / auf Knien der Lust..." an unzählige Freunde, Dichterkollegen, an Maria Callas und immer wieder auch Jacques Derrida eine Art „Briefgedichte" schreibt. Oder wenn sie uns, den Leser, lehrt, dass „Schreiben / ...eine Praxis des Lesens" ist.

Dann wieder sind es Gedichte der 85-Jährigen, die Alter, Tod und Abschied zu Thema haben - sehr berührende, sehr schöne Zeilen. So stellt sie fest: „... Ich bin so traurig jetzt / und habe Angst vor dem / Verlassen der Welt die ich so sehr geliebt mit ihren Blüthen / Büschen Bäumen Monden mit ihren wunderbaren nächtlichen / Geschöpfen. Mein Leben war zu kurz für meinen Lebenstraum".

Friedrike Mayröcker trägt in diesen Gedichten alles zusammen, was ihr begegnet: Natur, Menschen, Erinnertes, Gelesenes und Gehörtes, Geträumtes und Phantasiertes, Alltägliches, Schmerz und Trauer und Lebensfreude. Und alles das verwandelt sie kraft ihrer poetischen, beschwörenden Sprache in diese wunderbaren Gedichte.

© Günter Nawe

Friederike Mayröcker: „dieses Jäckchen (nämlich) des Vogels Greif“
Suhrkamp Verlag, 342 Seiten, 22,80 €