Unser Buch des Monats Februar 2010Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel“

Eine Geschichte von Kindheit und Jugend: Der großartige Roman von Thomas Wolfe "Schau heimwärts, Engel"

Thomas Wolfe Schau heimwärts Engel
Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel“
Manesse Verlag
782 Seiten, 29,90 €

Die Lengfeld'sche empfiehlt! Nicht zuletzt durch die wunderbare Lesung, die kürzlich in dieser Buchhandlung stattfand, konnte man sich schon einmal ein Bild von einem Buch machen, dessen Entstehungszeit mittlerweile achtzig Jahre zurückliegt - und das heute so frisch, so spannend und aufregend zu lesen ist wie zu seiner Zeit. Und dies um so mehr als es nun eine neue und brillante Übersetzung des Romans von Thomas Wolfe „Schau heimwärts, Engel" von Irma Wehrli gibt.

Ein großer Roman, ein amerikanisches Epos und eine über 700 Seiten lange Erzählung über die Familie Gant, wie sie amerikanischer nicht sein kann. Ähnlich wie bei „Buddenbrooks" von Thomas Mann (und anderen) steht Eugene, Alter Ego von Thomas Wolfe, im Mittelpunkt, um den sich allerdings unendlich viele anderer Geschichten ranken.

Eugene ist das jüngste von zehn Kindern des versoffenen Olivier Grant, der in einem Engel seine Profession als Steinmetz erkennt, und seiner raffgierigen Frau Eliza mit ständig „schürzenden" und „geschürzten Lippen". Man wird in der gesamten Literatur wenig vergleichbar herrliche Charaktere finden. In einer ausufernden, mäandernden Weise erzählt Thomas Wolfe von ihrem Leben und dem Leben dieser Familie und der Menschen in Altamont, einer amerikanischen Provinzstadt; von ihren Sorgen und Sehnsüchten, von ihren Obsessionen, ihren Konflikten und ihrem Miteinander. Und dies bis tief in die oft wunden Seelen seiner Protagonisten.

Eugene ist der erste, der sich von der Familie zu lösen versucht, seinen eigenen Weg gehen will und wird. Es ist seine Geschichte von Kindheit und Jugend, die im Wesentlichen erzählt wird. Der hochintelligente Junge, unersättlicher Leser, geht auf die Universität und in die Schule des Lebens, die seinen Hunger nach Wissen, nach Erfahrung, nach Liebe und letztlich auch Tod stillen sollte. Doch „die Summe dessen, was wir sind, kann keiner von uns je ermessen...", heißt es direkt am Anfang des Buches.

Das gilt auch für Eugene und für den Künstler Wolfe als junger Mann. Ein junger Mann, der zudem in einer Welt lebt, die mehr ist als das Nest Altamont. Es ist nicht zuletzt die Außenwelt mit dem historischen Geschehen, die der Innenwelt ihren Stempel aufdrückt.

Wolfe hat für seine Erzählung, phantasiebegabt und detailbesessen, fast die ganze amerikanische, europäische, die Welt-Literatur „geplündert". Es ist äußerst reizvoll, aber auch etwas mühselig, all diesen Spuren nachzugehen. Kritiker und Literaturwissenchaftler kommen hier auf ihre Kosten. Den Leser wird dafür neben der Handlung auch die inhaltliche und stilistische Vielfalt begeistern. Wolfe spielt auf der gesamten Klaviatur seinen Könnens. Wunderschöne Landschaftsbeschreibungen wechseln ab mit brillanten Charakteristiken; der Autor beherrscht die Technik des Bewusstseinstroms ebenso wie eine ausgefeilte Dialogtechnik, Poesie und Pathos wechseln einander ab, realistische Beschreibung mit visionären Monologen. So ist dieser Roman nicht nur ein herrlicher Schmöcker, er ist ein Sprachkunst- und ein Meisterwerk. Er ist Weltliteratur.

Man kann kaum „die Summe dessen", was dieser Roman bedeutet, ermessen. Man kann sich aber - und das ist die Empfehlung - hinein ziehen lassen in diese großartige amerikanische Familiensaga und Gesellschafts- und Zeitgeschichte, sich in ihnen lesend verlieren und wiederfinden, geleitet von den Engeln in Thomas Wolfes Roman.

© Günter Nawe

Thomas Wolfe: „Schau heimwärts, Engel“
Manesse Verlag, 782 Seiten, 29,90 €