Unser Buch des Monats Januar 2010Thomas Bernhard / Siegfried Unseld:
„Der Briefwechsel“

Eine dramatische Beziehungsgeschichte: Der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld

Bernhard Unseld Briefwechsel
Thomas Bernhard / Siegfried Unseld:
„Der Briefwechsel“
Suhrkamp
869 Seiten, 39,80 €

Der Autor, sein Verleger und ihr Briefwechsel - eine besondere Geschichte. Man kann sie mit Goethe und Cotta beginnen lassen, an Thomas Mann und Gottfried B. Fischer erinnern und sie jetzt fortsetzen mit Thomas Bernhard und Siegfried Unseld. Und dieser Briefwechsel ist gewiss einer der aufregendsten seiner Art.

Es fing eigentlich ganz harmlos an: Thomas Bernhard schickt dem „sehr geehrten Herrn Dr. Unseld" am 22. Oktober 1961 ein Prosamanuskript. Daraus entwickelte sich eine hochdramatische Beziehungsgeschichte, die einerseits geprägt war von „gegenseitiger Hassliebe" (so Thomas Bernhard) und andererseits von Ausdauer; von Leidensfähigkeit, Geduld und raffinierter Geschäftlichkeit des Siegfried Unseld. Sie endet am 24. November 1988 mit einem resignierenden „ich kann nicht mehr" des Verlegers und der Aufforderung des Autors am 25. November 1988: „...streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis."

Um Literatur ging es in diesem Briefwechsel - auch; vor allem aber um Geld. Gierig und mit erpresserischen Methoden fordert Bernhard Vorauszahlungen, Honorare, Kredite. Und Siegfried Unseld zahlte. Denn, so Bernhard am 11. 7. 68 aus Ohlsdorf in seiner eigenwilligen Diktion: „...Abgesehen also, ich brauche etwas zum Leben also, wenn ich nichts habe muss ich, wie jeder andere Mensch auch, arbeiten gehen. Dagegen habe ich nichts, im Gegenteil, holzhacken oder ähnliches ist mir [die] längste Zeit lieber als schreiben....". „Und für was für einen jämmerlichen Schreiberling halten Sie mich?"

Siegfried Unseld hielt seinen Autor natürlich nicht für einen „jämmerlichen Schreiberling". Im Gegenteil: bei aller Verzweiflung, bei einer fast grenzenlosen Leidensfähigkeit und bei „agronomischer Schläue" - der Verleger liebte diesen Autor, der ihn wohl mehr als mancher andere forderte, beleidigte, drangsalierte. Er wusste, was er an ihm hatte. Und der Weltbeschimpfer Bernhard, dessen Schimpftiraden legendär sind, machte auch vor Autorenkollegen nicht halt. Bezeichnend die Briefpassage vom 26. November 1985, in der er sich darüber beklagte, dass Unseld Walsers „Die Brandung", diesem „schauerlichen Walserbuch" mehr werbliche Aufmerksamkeit verschafft haben sollte als seinen Titeln.

So ist diese Korrespondenz auch eine Art Charakterstudie. Thomas Bernhard sieht dabei nicht besonders gut aus. Unseld dagegen zeigt sich auch in diesem Briefwechsel als große Verlegerpersönlichkeit. Insgesamt sind diese etwa 500 Briefe ein wichtiges Kapitel deutscher Verlags- und Literaturgeschichte. Ein einzigartiges Dokument.

© Günter Nawe

Thomas Bernhard / Siegfried Unseld: „Der Briefwechsel“
Suhrkamp Verlag, 869 Seiten, 39,80 €