Sinnstiftende Geschichten: Marcel Proust und mehr

Isenschmid Proust

Es war mucksmäuschenstill am 22. März in der Lengfeld’schen Buchhandlung, als Andreas Isenschmid im Gespräch mit Alexis Eideneier seine neue Proust-Arbeit, eine essayistische Biografie, vorstellte.

Der Autor, als Proust-Experte hinlänglich bekannt - er selbst spricht von einer Obsession - bewegt sich in dem Buch Marcel Proust auf biografisch-essayistische Weise durch den Kosmos Proust, und zwar so, dass auch Kenner von seiner Sicht auf die Proust‘schen Dinge überrascht sind.

Isenschmid erzählt das Leben des „größten Autors aller Zeiten“ in sechs „sinnstiftenden Geschichten“ - vom jungen Proust in Auteuil, aufgewachsen in einer jüdisch-französischen Großbürgerfamilie; von der Entdeckung seiner Homosexualität und der Lust zum Schreiben; von „Verklärung und Vernichtung der Gräfin Greffulhe“ und ihres Salons, dem er unbedingt angehören wollte und den er gleichzeitig gehasst hat - eines der zentralen Themen des epochalen Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

In einem weiteren Kapitel schreibt Andreas Isenschmid von der Bedeutung des John Ruskin, auf dessen Spuren sich Proust begab und die ihn letztlich zu sich selbst geführt haben. Denn „mit Ruskins Augen lernte er sich selber sehen“.

In einem kleinen Notizbuch von 1908 dann „taucht“ der Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit erstmals auf. Es sollte ein Mammutwerk werden, eine „Kathedrale“, ein Buch, wie es einzigartig in der Weltliteratur ist. Der Roman war unter anderem auch eine großartige Manifestation der Proust’schen Auffassung, dass Kunst „Widerstand gegen den Tod“ ist. Gegen den Tod, der ihn dennoch am 18. November 1922 ereilte. In seinen letzten Stunden halluzinierte er „eine dicke Frau in Schwarz, entsetzlich“.

Ein schmales Buch, eine großartige Arbeit, die Andreas Isenschmid mit viel Begeisterung, kenntnisreich und eloquent vorstellte. Zudem ein Buch, dass in der renommierten Biografien-Reihe des Deutschen Kunstverlags erschienen ist.

Der Isenschmid-Proust ist der vorläufig letzte dieser außergewöhnlichen Reihe „Leben in Bildern“ - von bedeutenden Autoren geschrieben, hervorragend ediert, in einem sehr ausgewogenen Verhältnis von Bild und Text. Bücher, die man sich nicht nur gern ins Regal stellt, sondern die man vor allem auch gern liest. Tun sich doch immer wieder neue Sichtweisen auf Dichter und Schriftsteller von Rang auf, wie in diesem Falle auf Marcel Proust. So sind noch stellvertretend für viele zu nennen: Edna St. Vincent Millay, Charles Baudelaire, Henry James und Else Lasker-Schüler. Auf mehr dürfen sich die Leser freuen.

© Günter Nawe

Andreas Isenschmid, Marcel Proust. Deutscher Kunstverlag, 96 S., 22,- €