Fünfundneunzig Thesen und die Folgen: Martin Luther und die Reformation in Büchern und Texten

Kaufmann Erlöste

Ein Ereignis, das die Welt verändern sollte: Vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, hat der Mönch Martin Luther (1483 - 1546) in Wittenberg fünfundneunzig Thesen an die Kirchentür „genagelt“ - und damit die Reformation in Gang und die Einheit der Kirche aufs Spiel gesetzt, politische Ereignisse provoziert und nicht zuletzt mit seiner Bibelübersetzung die deutsche Sprache „erfunden“ und so die Voraussetzung für ein gemeinsames deutsches Bewusstsein geschaffen. Mit diesem Datum setzte ein Modernisierungsprozess in Kirche, Staat und Gesellschaft ein - mit weltweiten Auswirkungen.

Auslöser des Ganzen waren Luthers Thesen zum Ablass, ein Verfahren der Kirche, mittels dessen die Gläubigen gegen Geld Vergebung ihrer Sünden erlangen sollten. Luther monierte dieses Verfahren und forderte stattdessen, dass die Kirche die Gläubigen lehre, das „Evangelium und die Liebe Christi“ zu lernen. Was sich daraus entwickelte, war vergleichbar einem Erdbeben mit unabsehbaren Folgen.

Die evangelische Kirche, die Christenheit überhaupt und Deutschland im Besonderen widmeten diesem Mann und dem Ereignis Reformation ein ganzes Gedenkjahr. Veranstaltungen, Ausstellungen, Merchandising-Artikel und letztlich eine Fülle von Büchern und Schriften versuchen, Martin Luther auf unterschiedlichste Weise zu ehren, kritisch zu betrachten, ihm auf die Spur zu kommen, die Bedeutung der Reformation für die Religion und die Geschichte auszuloten und nicht zuletzt Luthers überragende Leistung als Sprachschöpfer zu würdigen.

Martin Luther: Er war Vieles in Einem: Reformator, Mönch und Theologe, Mystiker, Professor, Fürstenfreund und Bauernfeind, Antisemit, Vater und Ehemann, Übersetzer und Schriftsteller und - Publizist sondergleichen, der, ein Bonmot, schneller drucken ließ als er schreiben konnte. Luther war ein der Medienstar seiner Zeit.

Er wurde zur Marke - zur Marke Luther, so der englische Historiker Andrew Pettegree, der uns in seinem spannenden Buch Die Marke Luther (Insel Verlag Berlin, 407 Seiten, 26,00 €) erklärt, wie ein unbekannter Mönch eine deutsche Kleinstadt zum Zentrum der Druckindustrie und sich selbst zum berühmtesten Mann Europas macht. Seine Bücher und Schriften jedenfalls veränderten die Welt - im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer also war dieser „deutsche Rebell“, der das epochale Ereignis „Reformation“ angestoßen hat? Als solchen bezeichnen ihn sowohl der Biograf Willi Winkler (Luther - Ein deutscher Rebell. Rowohlt, Berlin, 640 Seiten, 29,95 ) als auch Heinz Schilling (Martin Luther - Rebell in einer Zeit des Umbruchs. C. H. Beck, 714 Seiten, 29,95 €). Die genannten Biografien, die aus Anlass des Luther- und Reformationsjubiläums erschienen sind, geben uns Orientierung. Sie bringen uns den Menschen Luther näher, zeigen uns einen außergewöhnlichen Mann in seiner Zeit. Das gilt auch für die lesenswerte Lebensdarstellung der Oxford-Historikern Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther (S. Fischer, Frankfurt/Main, 730 Seiten, 28,00 Seiten). Sie stellt uns den „ganzen Luther“, den Menschen vor, dessen Wut und Glaube, Kraft und Zweifel die Welt für immer veränderte - mit Folgen bis in die heutige Zeit.   

Zum „ganzen“ Luther gehört auch das: Der Augustinermönch Martin hatte zumindest auch mystische Wurzeln. Mit dieser unbekannteren Seite des Reformators  beschäftigt sich Volker Leppin, auch er ein exzellenter Luther-Experte, in seinem Buch Die fremde Reformation - Luthers mystische Wurzeln (C. H. Beck, München, 240 Seiten, 21,95 €).

In erster Linie also war Luther Theologe, für den Gott „ein feste Burg“ war, wie er in seiner Reformationshymne gedichtet und komponiert hat. Sola gratia, sola fide, sola scriptura, solus Christus waren die vier Grundelemente seiner reformatorischen Theologie, seiner Rechtfertigungslehre. An ihr schieden und scheiden sich die Geister. Was genau dahintersteckt, lässt sich am ehesten in den Schriften Luthers nachlesen (Martin Luther: Ausgewählte Schriften. 6 Bände in Kassette, Insel Verlag, Berlin, 1882 Seiten, 49,95 €). Ein nicht ungeteiltes Vergnügen, wenn man sich die Texte Von den Juden und ihren Lügen ansieht oder die hässlichen und wüsten Ausfälle gegen den Aufstand der Bauern. Aber auch das ist eben Martin Luther.

Immer wieder jedoch lesenswert - Luthers Bibelübersetzung, dieses legendäre Wartburg-Ereignis. Eine revidierte Neuausgabe ist just in time erschienen (Die Bibel - Lutherübersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 25,- €). Abgesehen von ihren religiösen und menschheitsgeschichtlichen Inhalten ist sie ein sprachliches Glanzstück, das seinen Meister auf der Höhe seiner Kunst zeigt und vor allem die Bedeutung dieser Übersetzung für die deutsche Sprache deutlich macht.

In der Untersuchung der katholischen Theologin Daniela Blum Der katholische Luther (Ferdinand Schöningh, Paderborn, 221 Seiten, 24,90 €) wird Luther von der Konkurrenz betrachtet. Die Autorin setzt sich mit den katholischen Prägungen, Begegnungen und Rezeptionen auseinander, die den Mönch Martin Luther zum Reformator Martin Luther werden ließen.

Nichts anderes also als eine Revolution des Glaubens hat Martin Luther in Gang gesetzt, eine Revolution, die mit einer Spaltung endete. Deshalb kann man sich mit Luther und der Reformation nicht beschäftigen, ohne sich auch mit der ökumenischen Problematik zu befassen, also mit dem, was Katholiken und Protestanten voneinander trennt und - verbindet. So hat vor allem die katholische Kirche ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Luther. Er wird  kritisiert und gleichzeitig gewürdigt. So gibt es seit Neuestem im katholischen Rom eine Piazza Martin Lutero.

In diesem Zusammenhang ist auch auf eine kleine, aber wichtige und interessante Publikation hinzuweisen, die der deutsche Kardinal Walter Kasper veröffentlicht hat (Martin Luther - eine ökumenische Perspektive. Patmos Verlag, Ostfildern, 93 Seiten, 8,00 €). Sie bereichert die von beiden Kirchen allerdings in unterschiedlicher Weise diskutierte Ökumene und ist damit ein wichtiger Beitrag zum Lutherjahr.

Die volle Wucht der Reformation können wir erahnen, wenn wir über ihr Entstehen, ihre Entwicklung und die Folgen Bescheid wissen. Einen solchen Bescheid vermittelt uns Thomas Kaufmann. Unter dem Titel Erlöste und Verdammte (C. H. Beck, München, 508 Seiten, 26,95 €) hat Kaufmann ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung abgeliefert. Kaum einer weiß mehr über das Thema - und kaum einer weiß besser darüber zu erzählen. So haben wir die Geschichte der Reformation, einer Epoche voller Dramatik, bisher noch nicht gelesen: faszinierend geschildert, kenntnisreich, packend und kritisch.

Am 31. Oktober 2017 endet nun das Luther- und Reformationsjahr. In vielen Büchern und Publikationen ist darüber geschrieben worden. Jetzt müssen sie nur noch - wenn es nicht schon geschehen sein sollte - gelesen werden.

© Günter Nawe