Martin Luther und die Reformation: Bücher zum 500. Jubiläum des Thesenanschlags

Martin Luther

Martin Luther war ein exzessiver Leser und ein ebenso exzessiver Schreiber.

Seine Bücher fanden dank der Erfindung des Buchdrucks eine große Verbreitung, erzielten für die damalige Zeit immense Auflagen und fanden ein großes publizistisches Echo. Luther war nach heutigen Gesichtspunkten ein Medienmensch. Er wusste um die Wirkung seiner Bücher, um die Wirkung nicht nur des gesprochenen, sondern vor allem um des gedruckten Wortes. Seine Bücher veränderten im wahrsten Sinne des Wortes die Welt.

So wurde Luther zum Medienstar seiner Zeit. Vielfach hat man  den Eindruck,  er ist schneller gedruckt worden als er geschrieben hat. Vor allem aber sind seine Schriften gekauft und gelesen worden. Und diesen Hype wusste er für seine Zwecke zu nutzen. So wurde er - wie der englische Historiker Andrew Pettegree sein Buch betitelte: Die Marke Luther (Insel Verlag, Berlin, 407 Seiten, 26,00 €).

Die Welt verändern werden die vielen Neuerscheinungen zum Thema Luther und die Reformation aus Anlass des 500. Jahrestages des berühmten Thesenanschlags in Wittenberg sicher nicht. Aber sie geben dem heutigen Leser Orientierung, lassen die Ereignisse der damaligen Zeit vielfach in einem neuen Licht erschienen, bringen uns die Figur des Reformators näher und lassen theologische Zusammenhänge erkennen und die politischen Folgen der Reformation bis in unsere Zeit hinein deutlich werden.

Natürlich empfiehlt es sich, Luther selbst zu lesen - auch wenn das kein ungeteiltes Vergnügen ist. Manche seiner Schriften wie Von den Juden und ihren Lügen sind verstörend und machen wütend. Dennoch - und immer wieder lesenswert: seine Bibelübersetzung. So die im Jubiläumsjahr erschienene, revidierte Neuausgabe der Lutherbibel. Man muss kein evangelischer Christ sein, um Freude an dieser wunderschönen Ausgabe (Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 25,00 €) zu haben.

Von den vielen Luther-Biografien, von denen zurzeit der Buchmarkt fast überschwemmt wird, sind - ohne den Wert vieler anderer gering zu schätzen - zwei besonders hervorzuheben. Heinz Schilling hat mit Martin Luther - Rebell in einer Zeit des Umbruchs (C. H. Beck, München, 714 Seiten, 29,95 €) eine brillante Biografie geschrieben, die uns den Reformator als schwierigen, widersprüchlichen Charakter zeigt, der dennoch kraft seines Willens die Welt verändert hat. Ein Standardwerk der Luther-Biographistik.

Das gilt auch für das Buch der Oxford-Historikerin Lyndal Roper, deren großartige Lebensdarstellung Der Mensch Martin Luther (S. Fischer, Frankfurt/Main, 730 Seiten, 28,00 €) den „ganzen Luther“ zeigt, den Menschen, dessen Wut und Glaube, Kraft und Zweifel die Welt für immer veränderte. Mit Folgen bis in die heutige Zeit.

Martin Luther war der Auslöser dessen, was wir heute unter dem Begriff Reformation verstehen. Dieser Reformation hat Thomas Kaufmann ein Meisterwerk gewidmet. Unter dem Titel Erlöste und Verdammte (C. H. Beck, München, 508 Seiten, 26,95 €) erzählt der Autor eine Geschichte der Reformation, wie wir sie bisher noch nicht gelesen haben: kenntnisreich, packend und kritisch. Eine meisterhafte Darstellung, die uns diese bedeutende Epoche voller Dramatik näher bringt.

Die historische Dimension der Reformation und der Person Luther wird sinnvoll ergänzt um theologische Aspekte, die vor allem die innere Biografie des Reformators betreffen. So lotet die Theologin Daniela Blum in ihrer Untersuchung Der katholische Luther die katholischen Prägungen, Begegnungen und Rezeptionen aus, die den Mönch Luther zum Reformator Luther werden ließen (Ferdinand Schöningh, Paderborn, 221 Seiten, 24,90 €).

Dazu passt auch ein Buch, das Volker Leppin, ebenfalls ein bedeutender Luther-Biograf, geschrieben hat: Die fremde Reformation beschäftigt sich mit Luthers mystischen Wurzeln und richtet den Blick auf bis heute mehr oder weniger unbekannte Aspekte der Reformation (C. H. Beck, München, 240 Seiten, 21,95 €).

Mit Luther und der Reformation kann man sich nicht beschäftigen, ohne sich mit der ökumenischen Problematik zu befassen, mit dem, was bis heute Protestanten und Katholiken trennt - und verbindet. Vor allem die katholische Kirche hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Martin Luther. Er wird kritisiert und gleichzeitig gewürdigt. So kommt die kleine, aber wichtige Publikation des deutschen Kardinals Walter Kasper Martin Luther - Eine ökumenische Perspektive (Patmos Verlag, Ostfildern, 93 Seiten, 8,- €) just in time und bereichert so die Diskussion im Reformationsjahr 2017.

© Günter Nawe