Ein Kampf mit den Windmühlen: Vladimir Nabokov mag Cervantes’ Don Quijote nicht

Nabokov Don Quijote

Vor einigen Wochen sind als Band XIX der vorzüglich edierten und von Dieter E. Zimmer kongenial übersetzten Ausgabe der Gesammelten Werke des großen Vladimir Nabokov die Vorlesungen über Don Quijote erschienen. Sie passen so recht zum Thema. Denn seit gut einem Jahr wird in der Lengfeld'schen Buchhandlung der komplette Don Quijote von der Mancha des Miguel de Cervantes in der wunderbaren Übersetzung von Susanne Lange nahezu szenisch vorgetragen.

Inzwischen ist der erste Teil dieses einzigartigen Romans vor stets vollem Haus von Helge Heynold gelesen und einem begeisterten Publikum gehört worden. Und die Begeisterung lässt auch beim zweiten Teil der Lesung dieses außergewöhnlichen Werks der Weltliteratur nicht nach. Denn dieser Ritterroman aus dem 16. Jahrhundert, der zugleich die Parodie des Ritterromans ist, ist literarischer Genuss pur. Protagonist des Buches ist der sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha, der als sich fahrender Ritter todesmutig in wilde Abenteuer stürzt, jedwedes Unrecht bekämpfen will, um seinen Ruhm zu mehren, und der schließlich seine geliebte Dulcinea von Toboso erobern möchte – auf einem dürren Klepper, genannt Rosinante, durch den Roman reitend und begleitet von seinem Diener Sancho Pansa.

An dieser Stelle kommen Vladimir Nabokov und seine Vorlesungen über Don Quijote ins Spiel, die der berühmte Schriftsteller und nachgeborener Kollege von Miguel de Cervantes Anfang der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts an der Harvard University gehalten hat. In der Einführung charakterisiert er den Roman: „Don Quijote“ ist ein Märchen… höchsten Grades. Aber ohne diese Märchen wäre die Welt nicht wirklich. Um gleich danach zu räsonieren, dass der Roman schludrig, unentschlossen und wirr geschrieben sei; ein Roman ohne Tiefe, ohne Menschlichkeit sei dieses Buch. Beide Teile des „Don Quijote“ bilden eine veritable Enzyklopädie der Grausamkeit. Von dieser Warte aus ist es eines der bittersten und barbarischsten Bücher, die je geschrieben wurden. Und deshalb bescheinigt er den bisherigen Interpreten wie Saint-Beuve und anderen, sie hätten keine Ahnung: Jene seltsamen Interpreten, die unter ihren Doktorhüten oder Baretten von der humorvollen und humanen, christlich milden Atmosphäre des Buches sprechen, ja, von einer glücklichen Welt sprechen…. Diese überschwänglichen Experten müssen ein ganz anderes Buch gelesen haben oder blicken durch einen rosa Gazeschleier auf die brutale Welt von Cervantes’ Roman.

Vladimir Nabokov hat sich auf diese Vorlesungsreihe gründlich vorbereitet, Kapitel für Kapitel des Romans gelesen und analysiert. Es war ihm klar, dass seine daraus gewonnenen Ansichten über den Weltklassiker ketzerisch waren. Aber – er mochte den Roman nun einmal nicht. Das merkt man in jeder Zeile und auch da, wo er Cervantes’ künstlerische Leistung anerkennt. Der eigentlich sehr geschätzte Nabokov begibt sich – unverständlicherweise – in einen, in seinen Kampf mit den Windmühlen dieses Romans und scheitert wie sein ungeliebter Don Quijote. Was mag ihn bloß geritten haben? Aber dann doch dieses Resümee: Wir lachen nicht mehr über ihn. Sein Wappen ist das Erbarmen. Sein Banner die Schönheit. Er steht für alles, was sanftmütig, hilfreich, rein, selbstlos und ritterlich ist. Das Spottbild ist zum Leitbild geworden.

Muss man das Buch also lesen? Zumindest wäre es kein Fehler. Denn es enthält mehr als nur die abfälligen und bösartigen Urteile über den Roman. Man muss sie sich schon gar nicht zu eigen machen, kann aber dennoch Gewinn ziehen aus den umfangreichen Analysen und Erläuterungen, die Vladimir Nabokov von Kapitel zu Kapitel abliefert.

Also kommen wir wieder auf die Lesungen des Romans in der Lengfeld’schen Buchhandlung zurück. Sicher, wir lesen ein ganz anderes Buch, als es Nabokov getan hat – und haben gerade deshalb unsere helle Freude daran. Das wird sicher auch so bleiben – bei der privaten Lektüre des Romans ebenso wie bei den noch folgenden Lesungen mit Helge Heynold.

© Günter Nawe

Vladimir Nabokov, Vorlesungen über Don Quijote. Rowohlt Verlag, 464 S., 34,-